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»Entartung« ist in der NS-Rhetorik ein Begriff der Krankheit. In der Sprache des Nationalsozialismus wurden Bilder von gesellschaftlicher Krankheit und Gesundheit, vom »gesunden Volkskörper«, der durch Parasiten, Fremdkörper, Krankheitskeime bedroht sei, intensiv genutzt. »Nationalismus ist vor allem auch ein Vorbeugungsmittel gegen Krankheitskeime«[42], schrieb Adolf Hitler bereits 1923. Björn Höcke benutzte mehrfach explizit diese Ungeziefer-Metaphern. So sind für ihn die Menschen im Bundeskanzleramt um Angela Merkel »Schmeißfliegen«.[43] Zu den Asylunterkünften schrieb Höcke: »Asylbewerberunterkünfte sind Feuchtbiotope, in denen sich Keime des Fundamentalismus und der Kriminalität idealtypisch vermehren. Nur durch regelmäßige Razzien lassen sich die Gefahren dort in den Griff bekommen.«[44] Applaudiert wird ihm dafür aus rassistischen Kreisen wie Pegida, deren Gesinnung er wiederum darstellt als »Volksempfinden, das im gesunden Menschenverstand gründe«.[45]
NS-Anwälte kündigten im Sinne Hitlers bereits während der »Machtergreifung« an, die »Krankheitskeime« unter Rückgriff auf das »gesunde Volksempfinden« auszurotten: „Sie [die NS-Anwälte] werden für die geistige Gesundung des Teils der Anwaltschaft Verantwortung tragen, der von den jüdischen Krankheitskeimen bereits angesteckt ist. Sie werden auch dafür sorgen, dass die Kluft zwischen Volk und Justiz verschwindet, dass in deutschen Landen wieder deutsches Recht gilt, dass in diesem Recht auch der einfache Mann die Natursprache des deutschen Herzens erkennt und dass in der Rechtsprechung die nationalsozialistischen Grundideen dem Volke gegenüber Ausdruck finden, die vom Volke ausgegangen sind und die […] die Basis für den Wiederaufbau des deutschen Volkes bilden.«[46] Und der NS-Richter Roland Freisler kommentierte fünf Jahre später: »Die ›Revolution im Strafrecht‹, wie die Strafrechtsnovelle der Reichsregierung vom 28. Juni 1935 vielfach genannt wurde, gab dem Richter die Möglichkeit, strafwürdiges Unrecht, das so wie es geschieht, im Gesetz nicht ausdrücklich für strafbar erklärt ist, dann zu bestrafen, wenn es dem gesunden Volksempfinden entspricht«[47] Höcke sieht Deutschland von »Fäulnis und Verwesung«[48] bedroht und bedient sich damit der NS-»Natursprache des deutschen Herzens«, die sich beim obersten NS-Richter Walter Buch in den Worten ausdrückte: »Der Jude ist kein Mensch, er ist eine Fäulniserscheinung.«[49]

 

http://www.zeitgeschichte-online.de/kommentar/den-kampf-um-die-sprache-gewinnen

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