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Das Problem der Souveränität – Michel Foucault

Souverän/ Souveränität/ Bio-Macht:

In dem Werk „Sexualität und Wahrheit 1“ entwickelt Michel Foucault den Begriff der Bio-Macht mit dem er die neue Art und Weise der Machtmechanismen, die sich ab dem 17 Jhdt. entwickeln, beschreibt. In diesem Zusammenhang analysiert er die die klassische Theorie der Souveränität, die Machtechniken, die Politiken, foucault_memeMächte und Rassismen.  Den Begriff der Souveränität fasst Foucault zu Anfang in dem Prinzip von Herrscher und Beherrschte, welches bis zum 18 Jhdt. Verwendung fand. Demnach ist Grundlegend für das neue Verständnis von Souveränität bzw souveräner Macht, das sich die Herleitung der Macht vom Tod zum Leben verschiebt.

„Man könnte sagen, das alte Recht sterben zu machen oder leben zu lassen, wurde abgelöst von einer Macht, leben zu machen oder in den Tod zu stoßen.“

Im Gegensatz zu Agamben, der Foucaults Begriff Bio-Macht / Bio-Politik weiterführen will und diese auf das Problem des Souveräns,der souveränen Macht aufbaut, wendet sich Foucault vom klassischen Verständnis der souveränen Macht  ab.

„Mir scheint das man allzuoft und nach dem Modell, das durch das juridisch-philosphische Denken des 16. und 17. Jahrhunderts bestimmt ist, das Problem der Macht auf das Problem der Souveränität beschränkt hat: Was ist der Souverän? Wie kann das Souveräne sich konstituieren? Was bindet die Individuen an den Souverän? …  Gegen dieses Privileg der souveränen Macht wollte ich versuchen, eine Analyse zur Geltung bringen, die in eine andere Richtung geht. Zwischen jedem Punkt eines gesellschaftlichen Körpers,….. , verlaufen Machtbeziehungen, die nicht die schlichte und einfache Projektion der großen souveränen Macht auf die Individuen sind; sie sind eher der bewegliche und konkrete Boden, in dem die Macht sich verankert hat, die Bedingung der Möglichkeit, damit sie funktionieren kann.“

Um diese neu Analyse der Macht zu vollziehen, spaltet Foucault den Machtbegriff in die drei Machttypen auf: Souveränität, Disziplin und Gouvernmentalität. Unter der Souveränität wird territoriale Macht und Machtanspruch analysiert, die mit der Gouvernmentalität verbunden ist und das Regieren und Anleiten der Bevölkerung als Kollektiv im Fokus hat. Gemeint sind damit jene Techniken, Strategien, Politiken mit deren Hilfe auf die Bevölkerung eingewirkt werden soll, um bestimmte Prozesse zu katalysieren. Unter Disziplin / Disziplinarmacht versteht Foucault die Dressur des Körpers, der durch die Entdeckung des ökonomischen und nützlichen Körpers in diversen Institutionen ( Armee, Schule etc.) durch die Körpertechnologien der milden Abrichtung unterliegt. Im wesentlichen beschreibt der Begriff der souveränen Macht bei Foucault einen Machttyp, der das Verhältnis eines nicht ständig physisch präsenten Souveräns zu einem Individuum konstituiert.

Ziel der souveränen Macht ist es dieses asymmetrische Herrschaftsverhältnis zu festigen und darzustellen, um dies zu erreichen greift die souveräne Macht den Körper der Individuen an.

Dieses gelingt durch das „Recht sterben zu machen“, die das Gewaltmonopol des Souveräns untermauert und in dem Werk „Überwachen und Bestrafen“ (1975) aufgegriffen wird. Beginnend mit der Analyse klassischen Körperstrafe arbeitet Foucault die Praktiken der Festigung und Wiederherstellung der souveränen Macht aus und stellt die öffentliche Hinrichtung der großen Marter als Wesen der souveränen Macht dar. Diesen Komplex der Macht ist nach Foucault als feudal-absolutistischer Machtyp zu beschreiben und ist vertikal, hierarchisch und zentral aufgebaut.

Mit der Vorlesung „In Verteidigung der Gesellschaft“, die ein Jahr nach erscheinen von „Überwachen und Bestrafen“ gehalten wurde, baut Foucault den thematischen Komplex der Macht aus und wendet sich von der klassischen Theorie von Macht und Souveränität ab, indem er eine neue methodologische Machtanalyse ausarbeitet.

Foucault beginnt seine theoretischen Ausführungen mit der historischen Betrachtung der Frage, ob die Machtverhältnisse nicht durch den Krieg bestimmt sind und macht dies an dem im 17 Jhdt. aufkommenden Diskurs fest, ob die Gesetze der Souveränität nicht als Täuschungen ausgewiesen werden können und die souveräne Macht der Könige als Zufallsprodukte der Geburt darzustellen seien.

Er wendet sich damit von der souveränitätszentrierten Machtanalyse und den damit vorausgesetzten pyramidal strukturierten Gesellschaftskörper ab, dabei legt er in seiner Machtanalyse den Fokus auf die Politik und kehrt die Clausewitzsche Formel „Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ in „Politik sei die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“ um. Foucault stützt sich dabei auf Compte de Boulainvilliers, der beauftragt war einen Bericht zur Lage Frankreichs nachzubearbeiten. Im Gegensatz zu Hobbes bezieht Boulainvilliers nicht den permanenten Kriegszustand auf Einzelindividuen sondern auf die Gesellschaft, die sich durch die Kräfteverhältnisse verschiedener Gruppen in eben diesem Kriegszustand befinden. Dabei versetzt Boulainvilliers die Machtverhältnisse aus der Umschreibung des römischen Rechts, welches sich um die Souveränität zentriert in eine Umgebung die aus Kräfteverhältnissen von Gesellschaftskörpern basiert. Dadurch wird eine Verbindung von Geschichte und Politik konstruiert und die Geschichte nehme eine strategische Stellung in der Politik ein.

„Die Geschichte ist zu einem Wissen um Kämpfe geworden und entfaltet sich und funktioniert in einem Kampffeld: Politischer Kampf und historisches Wissen sind von nun an nicht mehr voneinander zu trennen.“

Anhand dieser Analyse und der Kriegshypothese vollzieht Foucault die Bildung des Begriffes Bio-Politik / Biomacht und zeigt auf wie das Moment der Rasse sich mit der Nation verbindet. Dies versucht er anhand der Auseinandersetzungen im Bezug auf Rassenpolitik und Klassenkampf im 19 Jhdt. zu entwickeln und sieht einen neuen Diskurs in der Geschichte auftauchen:

„Es wird nicht mehr heißen: „Wir müssen uns gegen die Gesellschaft verteidigen“, sondern: „Wir müssen die Gesellschaft gegen alle biologischen Gefahren dieser anderen Rasse, dieser Unter-Rasse, dieser Gegen-Rasse verteidigen, die wir – wider Willen – immer wieder hervorbringen.“

Damit bestimmt Foucault den sozialen Konservatismus des 19. Jahrhunderts  als Kampffeld und sieht darin die Vorbedingung der Entstehung der Bio-Politik und Bio-Macht. Zwar verwendet Foucault den Begriff der Rassenpolitik irreführend, da es ihm nicht um die immer wiederkehrende Judenverfolgung seit dem 17 Jhdt., geht sondern der Begriff drückt vielmehr einen grundsätzlichen Dissens innerhalb der Gesellschaft aus, der besagt das die Gesellschaft sich nicht primär gegen ihre äußeren Feinde zu verteidigen habe, vielmehr habe sie sich gegen die biologische Gefahr, dem Feind im Inneren, zu verteidigen. Diese Gefahr stelle sich als laufende und ungewollte Verdoppelung der Gesellschaft dar und dabei stehen sich Norm und Unter-Rasse diametral gegenüber, so das die Gesellschaft in ihrem Inneren einen stetigen Kampf der Reinigung zu führen hat.