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„Der Philosoph sollte Altgriechisch und Programmieren lernen“ | Telepolis

Martin Burckhardt: Hmm … Vom Temperament her, aus künstlerischer Neugierde, wenn Sie so wollen, bin ich von den Möglichkeiten des Neuen absolut fasziniert. Das hat mich dazu gebracht, dass ich selbst im fortgeschrittenen Alter tief in die Welt der Programmierung eingestiegen bin. In diesem Sinn wünsche ich mir keinen Exodus, keinen Austritt aus der Megamaschine, sondern dass man endlich, und zwar ganz und gar, einsteigt. Hier kommt allerdings, und das mögen Sie als finster bewerten, der Historiker in mir zum Vorschein, derjenige also, der die Geburt einer universalen Maschine gründlich studiert hat. Und da sind die Parallelen wirklich beängstigend. Das späte Mittelalter, das mit solchen Fremdkörpern wie Geld, Zins, Arbeitsteilung, aber auch der Zentralperspektive zu tun bekam, verfiel in dem Augenblick, da die anfängliche Begeisterung über den Räderwerkautomaten abebbte, in geradezu wütende Abwehrmechanismen. Antisemitismus, Ablasshandel, Inquisition, Hexenverbrennungen, all die Dinge, wie wir dem „finsteren Mittelalter“ anlasten, sind in Wahrheit Resultate des Spätmittelalters. Der Hexenhammer, der Malleus maleficarum, wird im Jahr 1486 veröffentlicht und qua Buchdruck verbreitet, dem Jahr, da Sandro Botticelli die „Geburt der Venus“ malte. Eine ähnliche konstitutionelle Schizophrenie lässt sich heute beobachten. Gerade in dem Maße, in dem immer größere Teile unserer Lebens- und Gesellschaftswirklichkeit programmiert werden, wächst das Missvergnügen daran, entsteht jenes Delir von Identitätspolitik, Viktimismus und „Great again!“-Populismus, das – und das ist das Beunruhigende daran – auch die digital natives nicht im mindesten ausnimmt. In dieser merkwürdigen Melange aus Phantomschmerz und Phantomlust tritt die phantasmatischen Seite der Maschine hervor, nämlich, dass jedes Menschenwerk auch mit dem dazugehörigen Menschenwahnsinn verknüpft ist.

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