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Die kulturell Abgehängten

Um es nur kurz und formelhaft zu sagen: Kulturell abgehängt zu sein, bedeutet vor allem, dass es keine stimmigen Geschichten über die eigene Lebenslage gibt und dass sich die unvermeidlichen Kontingenzen des Alltags nicht in solchen Geschichten über die eigene Lebenslage „aufheben“ lassen. Nimmt man nur die früheren Milieus der beiden Volksparteien (wie sehr sie nun teils auch geschrumpft sein werden), so war deren früherer Erfolg nicht nur einer, der sich in Heller-und-Pfennig-Kategorien von Gerechtigkeit messen lässt, sondern darin, welche Geschichten ihre Anhänger von sich erzählen konnten. Die große Leistung der Sozialdemokratie war es, Aufstiegsgeschichten erzählen zu können, Chancen und Möglichkeiten für Bevölkerungsgruppen anzubieten, die das in den Generationen zuvor nicht hatten. Der materielle Erfolg war dabei nur eine Seite, der narrative, der semantische Erfolg der andere. Man konnte sich kulturell verorten, hatte ein Identifikationsangebot und war gesellschaftlich identifizierbar.

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