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Es dauert ein paar Jahre, von einem Jahrhundert ins nächste zu wechseln. So feiern wir nun das rund hundertjährige Jubiläum dieser besonderen Epoche, die wir «fin de siècle» nennen – und wir sollten es horizontal feiern wie es im Sanatorium gemacht wurde. Fin de siècle ist unter anderem der Glaube an den sozialen Verfall, der Ende des 19. Jahrhunderts von Kunst, Literatur und Philosophie heraufbeschwört und teilweise von faschistischen Narrationen missbraucht wurde: Die Gesellschaft sei ein degenerierender Körper, geplagt von einem pandemischen sozialen, industriellen und technologischen Sinn für Fortschritt. Diese Degeneration würde hoffentlich zu Tod und Wiedergeburt führen, näher an Natur und Spiritualität, befreit von den Ideen der Aufklärung, von Rationalismus und der ganzen daraus resultierenden moralischen Dekadenz.

Dem Berg entgegen

Ein Sanatorium ist ein Programm oder Instrument, bevor es ein Gebäude ist. Es erlangt seine Bedeutung nicht nur als ein Paradigma der Moderne, sondern vor allem als Laboratorium aufeinanderfolgender medizinischer und sozialer Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts. Betört von der modernistischen Begeisterung, entwickeln Praktiker ganzheitliche Therapien, die Luft, Licht und Sonne in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellen: Dr. Bircher-Benner verbreitet das Rezept des Birchermüeslis, Dr. Bernhard und Dr. Rollier entwickeln die Heliotherapie, Architekten und Designer (u.a. Le Corbusier, Alvar Aalto) konzipieren Gebäude und Möbel nach den Besonderheiten der angesagten Kuren.

Die Geschichte des Sanatoriums ist auf viele verschiedene Weisen mit der Geschichte Europas verschränkt. Sie wurzelt in noch stets aktuellen Mythen, ist umgeben von einer eigenen Bilderwelt und dient als Metapher für eigentliche wie auch figurative Krankheiten. Lassen Sie uns davon einige Geschichten erzählen und darüber sinnieren. Denn wie der Patient Joachim Ziemssen in Thomas Manns ‹Der Zauberberg› darlegt: «Man ändert hier seine Begriffe.»

Medizin im Konflikt

Bis 1882, als der deutsche Arzt und Mikrobiologe Robert Koch den Bazillus «Mycobacterium tuberculosis» identifizierte, galt die «Phtysis pulmonalis» nicht als ansteckend, sondern als erblich. Während die Krankheit am Ende des 19. Jahrhunderts die meisten städtischen Bevölkerungsgruppen in Europa und Nordamerika heimsuchte, ebnete diese Entdeckung den Weg für präzise Hygienevorschriften und Richtlinien für Architektur und Ausstattung verschiedener Arten medizinischer Einrichtungen. Doch obwohl das Bakterium bekannt war, konnten die Ärzte nicht wirklich herausfinden, wie es zu bekämpfen sei. Deshalb war vor der Entdeckung von Antibiotika die Berg- oder Seeluft das einzig anerkannte Mittel – allerdings war das Duell ein ungleiches. Statt zu heilen, wurde lediglich Remission angestrebt. Während ein Privatsanatorium nach dem anderen eröffnete, wurde die Frage betreffend öffentlicher Heilstätten nur schleichend aufgeworfen. Dieses soziale Anliegen wurde 1890 weiter aufgeschoben, als Dr. Koch ein Serum zur angeblichen Behandlung von Tuberkulose entwickelte. Die wohlhabenden Patient*Innen desertierten aus den neu errichteten Sanatorien und unterzogen sich bereitwillig der neuen Behandlung. Diese erwies sich allerdings als Misserfolg, was ein verheerender Rückschritt für die Bakteriologie im Allgemeinen war, gleichzeitig aber die Blütezeit der öffentlichen und privaten Sanatorien einleitete.

Das typische Sanatorium gibt es nicht. Die Ausstattung solcher Einrichtungen, die Wahl der Materialien und das Design der Möbel gehen aus einem engen Dialog mit Ärzten und deren detaillierten medizinischen Programmen hervor. Und doch erscheinen die Vorschläge der Architekten trotz eines sehr rationalen Ansatzes oft veraltet, da stetig aufkommende medizinische Therapien neue Bedürfnisse schaffen. Aus diesem Grund – und trotz der Erstellung vorgefertigter Pläne – konnte sich kein bestim­mtes Modell durchsetzen. Während sich das medizinische Wissen ständig veränderte, war jedes neue Gebäude ein Versuch, dieses zu interpretieren.

«Krankheit ist der Urlaub der Armen»
(Guillaume Apollinaire)

Tuberkulose ist ein Schlüsselsymbol des 19. Jahrhunderts. Während die Menschheit seine gesamte Geschichte mit dem Bazillus teilt, ist die weit verbreitete Kontamination im 19. und 20. Jahrhundert mit sozioökonomischen Themen verbunden – Landflucht, chaotische Urbanisierung, ausgebeutete Arbeiterklassen usw. – , von denen einige (wenn nicht sogar alle) dazu beitragen würden, den Boden für die beiden bevorstehenden Weltkriege zu bereiten. Während die unteren Klassen schlicht an Tuberkulose starben, romantisierte die Mittel- und Oberschicht dieselbe Krankheit zeitweise als ein Zustand erhöhter Passion und Kreativität der Seele. Literatur und später Kino eigneten sich diesen Begriff an und liessen das Sanatorium als sagenumwobenen Ort aufleben.

Inneres, Äusseres und Geheimes

Das Gebäude ist dem Wind ausgesetzt und erschliesst sich von innen nach aussen: nach Süden ausgerichtet mit sonnigen Balkonen, langen Gängen und grossen Fenstern – so, dass ständig neue, unverseuchte Luft einströmen kann. Schmachtende Bewohner verweilen in ihrer geisterhaften Schönheit, verwöhnt von Ruhezeiten alfresco, mumifiziert in Kamelwolledecken. An ihre Quecksilberthermometer gefesselt und ihr Phlegma in transparenten blauen Glas­fläsch­chen sammelnd, konnten sie sich ihre eigene Krank­heit verbildlichen: Ein weisses Ektoplasma in ihrem Brustkorb, das auf Röntgenplatten nur allzu deutlich wurde.

Doch das Sanatorium ist nicht nur ein Ort der Klischees. Es wurde zu einem begehrten Ziel, an dem man auf ausblutende Aristokraten, unternehmerische Bourgeoisie, zurückgezogene Intelligentsia, konspirierende Anarchisten, revitalisierte Künstler, bahnbrechende Ärzte, gestärkte Faschisten, träge Crème de la Crème stiess – all das, was die europäische (Hoch-)Gesellschaft zwischen 1890-1945 ausmachte und sich wünschte, von Zeit zu Zeit fernab von dem zu bleiben, was dort draussen und unten geschah. In einem kontinuierlichen und manchmal unmerklichen Wechsel von der Aussen- zur Innenperspektive erwies sich das Sanatorium als eine Institution, in der das Schreiben stattfand, als auch als eine Bühne, auf welcher sich Geschichten entfalteten. Auch dank dieser so besonderen Gemeinschaft von Patienten in erzwungener Trägheit wurde es zu einem idealen Kontext, Fiktion zu imaginieren, – und zu einem Schauplatz in der Fiktion selbst.

Luftruhekur

1912 begann Thomas Mann an den ersten ‹Zauberberg›-Entwürfen zu schreiben. Der Roman behandelt einen siebenjährigen Rückzug ins Sanatorium in Davos, in dem sich eine Reihe mehr oder weniger feiner Charaktere im ständigen Gespräch befinden, das alte Europa am Rande des Kollapses vor dem Ersten Weltkrieg im Kleinformat verkörpernd. Fast einen Weltkrieg später erzählt Max Blechers ‹Vernarbte Herzen› die Geschichte von Emanuel, einem jungen jüdischen Mann, der sich an der Schwarzmeerküste kuriert, amouröse und intellektuelle Begegnungen hat, und beunruhigt den Aufstieg des Faschismus in Rumänien und in Deutschland miterlebt, während sein eigener Körper verblasst.

Nachdem Hans Castorp, die Hauptfigur von Der Zauberberg, während des Ersten Weltkriegs auf einem Schlachtfeld verlassen wird, und bevor Max Blecher stirbt, als Rumänien dem nationalsozialistischen Deutschland die Treue verspricht, ist da noch René Crevel, ein französischer Schriftsteller, der häufig in Davos remediert und seine Infektion vom einen Teil seines Körpers in den anderen verlagert. Crevel, ein Freund von Breton, Tzara und Thomas Manns Sohn Klaus, versucht buchstäblich, seine beiden sich widersprechenden Geisteshaltungen Surrealismus und Kommunismus miteinander in Einklang zu bringen. Wenn das Sanatorium als Metapher für das Unwohlsein Europas in Anbetracht des erstarkenden Faschismus vor dem Krieg dient, so ist René Crevel ein politischer Körper – es ist unmöglich zu wissen, ob dieser Körper von einem Keim oder von der Gesellschaft selbst konsumiert wurde. Ein Jahr vor dem Grossen Terror und dem Spanischen Bürgerkrieg nahm er sich das Leben. Mit den Worten von Klaus Mann, beging er Selbstmord, «weil er die Welt für wahnsinnig hielt.»

In der Tat gibt es eine Armada von realen Menschen und fiktiven Charakteren, die das Sanatorium für einen Waffen­stillstand mit ihrer eigenen Existenz aufsuchten. Roland Barthes, der Autor von ‹Mythen des Alltags›, gönnte sich in jungen Jahren lange Aufenthalte in Sanatorien – eine entscheidende Zeit für die Entwicklung seines Denkens. Christian Dotremont und Asger Jorn, die sich in einem Sanatorium trafen, versuchten, die S.T.C. (Section Tuberculose de CoBrA) zu gründen. Anton Tschechow, bereits seine Flitterwochen im Sanatorium von Aksenovo verbringen musste, schreibt ‹Die Dame mit dem Hündchen›, während er hoffnungslos in der Weissen Datcha bei Jalta unter dem Klima des Schwarzen Meeres kuriert. Nikita Michalkows Film ‹Schwarze Augen› wird lose auf Tschechows Erzählung basieren – er spielt in einem Thermalbad und zeigt freudvoll die extravagantesten Topoi von Gesundheitsstationen: High-Society, exquisite Küche, crèmefarbene Anzüge, Streichquartettmusik in Allegretto, unmögliche Liebesaffären. Und Robert Louis Stevenson, der 1882 Davos verliess, nachdem er seinen Roman ‹Die Schatzinsel› beendet hatte, schrieb: «…ein Bergtal, ein alpiner Winter und die Schwäche eines Kranken machen ein Gefängnis der effektivsten Art aus.»

Den Berg hinunter

Streptomycin wird 1943 isoliert und das erste Antibiotikum gegen Tuberkulose mit der Folge, dass Sanatorien ent­weder nicht mehr gebraucht oder gezwungen werden, ihren Zweck neu zu definieren – mitunter bis heute. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt die Produktion des Antibiotikums in den USA. Doch Europa konnte es sich nach dem Krieg kaum leisten. 1948 erhielt George Orwell als erster Mensch in Schottland eine Streptomycin-Behandlung; leisten konnte er sich diese dank der Verkäufe der ‹Farm der Tiere› in den USA. Die Behandlung wurde allerdings bald unterbrochen, da sie verheerende Nebenwirkungen hatte. Er spendete den Rest der Medikamente dem Krankenhaus, wodurch zwei Frauen behandelt werden konnten, und verzögerte seine Aufnahme in ein Sanatorium immer wieder, um erst ‹1984› zu beenden, das kurz vor seinem Tod veröffentlicht wurde.

Tschechows Gewehr

Wenn man im ersten Akt ein Gewehr gesehen hat, muss im zweiten oder dritten Akt ein Schuss abgegeben werden. Wir beobachten den Aufstieg und Fall des Sanatoriums in einem Zeitraum von fünfzig Jahren – oder besser gesagt: seine Statusverschiebung vom Heilungsversprechen zur antibiotisch bedingten Obsoleszenz. Da man mit der Entdeckung dieser Medizin die Kontrolle über die Krankheit erhalten und das Gesundheitswesen sich nach und nach demokratisiert hatte, wurde der nächste Luxus von Gesundheit ihr äusseres Erscheinungsbild – von Schönheitspflege bis zur Körperstählung – was den Weg für den Umbau von Sanatorien zu Wellnesshotels ebnete.

Wir feiern in diesem Jahr das hundertjährige Jubiläum des ersten Jahres nach dem Ersten Weltkrieg. Ich vermute, dass ich noch einen weissen Fleck auf dem Röntgenbild des Brustkorbs meiner 69 jährigen Mutter sehen würde – ein gutartiges verkalktes Granulom. Sicher weiss ich, dass mein Onkel, der Arzt ist, regelmässig eine beunruhigende Reaktion auf den Mantoux-Test hat – eine auffällige verhärtete Schwellung erscheint auf seinem Unterarm, die seine vormalige Exposition gegenüber den Bakterien belegt. Ein anderer Verwandter erzählte kürzlich eine Kindheits­erinnerung – wann immer ein geheilter Patient das Sana­torium in der Nähe seines Hauses verliess (er wagte es nicht, zu nah zu spielen), standen die anderen Patienten auf den Balkonen und winkten mit ihrer Bettwäsche zum Abschied.

In den letzten Jahren kehrte die Tuberkulose in multiresistenten Stämmen zurück. Die Keime mutieren und passen sich immer wieder an; sie sind der Entwicklung neuer Antibiotika bei weitem voraus. Als wäre die Geschichte in der Zeit eingefroren, ist die Krankheit immer noch eine soziale Störgrösse, wie sie es bereits um 1900 war. Auch wenn die Idee des Sanatoriums längst veraltet ist und seltsam anmutet, verformt sich unser dauerhafter bakterieller Begleiter immer wieder und bleibt schmerzhaft aktuell – nicht, um unsere wissenschaftlichen Fähigkeiten in Frage zu stellen, sondern als wiederkehrendes Leitmotiv unseres Gesundheitswesens, ständig die sozialen Kompromisse zwischen Pflege und Fahrlässigkeit widerspiegelnd.

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