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Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten. ´Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen´ – dieses Wort, das von Gottfried Keller stammt, bezeichnet im Geschichtsbild des Historismus genau die Stelle, an der es vom historischen Materialismus durchschlagen wird. Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte.

W. Benjamin, These V – Über den Begriff der Geschichte

 

Ein Teil der Deutschen und Ex-Jugoslawischen Geschichte, der in der Geschichtsschreibung viel zu kurz kommt und welcher kein gutes Licht auf die BRD und DDR wirft, weder auf die NS-Aufarbeitung  noch den Umgang mit ebenjenen Menschen, die nicht mitmachen wollten.

Einige Ursachen dafür: In den alten Bundesländern wurde an- tifaschistische Bewährung während des Krieges ignoriert, sogar verteufelt; Deserteure wurden als „Verräter“ behandelt, ein Zu- sammenarbeiten – in diesem Falle mit Titos Partisanen und sei- ner Volksbefreiungsarmee – als „Paktieren“ mit dem Feind ausgelegt. Hier gab es eine Kontinuität der Einschätzung von der NS-Propaganda und -Justiz bis zum offiziellen Geschichtsbild der BRD. Selbst rentenrechtliche Ansprüche wurden denjeni- gen bis heute verwehrt, die Hitlers Kriegsheer verließen und desertierten.

Antifaschistsiche-Ausschüsse-YuDas führte letztlich dazu, daß diese Seite der antifaschistischen Vergangenheit auch von Betroffenen verschwiegen wurde. Menschlich anständig geblieben zu sein, Mut gezeigt zu haben beim Bruch mit dem Naziregime und seinen Kriegsgreueln, als die Mehrheit der Deutschen mitmachte, duldete und erduldete, wurde im restaurativ bestimmten Anpassungsdeutschland nach- träglich noch bestraft, galt als ehrenrührig – zum großen Teil bis heute. Ganz im Gegensatz zu ehemaligen SS-Angehörigen, wie erst jetzt aus Gorazde (Bosnien) bekannt wurde, die Renten aus der Bundesrepublik Deutschland beziehen sollen.

Im anderen Teil Deutschlands, der DDR, unterlag die Hal- tung zu dieser Seite des deutschen Widerstandskampfes und des Antifaschismus in der Nachkriegszeit gleichermaßen der politi- schen Ratio der jeweiligen Zeit. Galt antifaschistisches Auftre- ten und Widerstand in den ersten Jahren nach 1945 konsens- bildend und ohne viel Vorbehalte generell als ehrenvoll, trat spä- ter speziell gegenüber der „jugoslawischen Vergangenheit“ von Deutschen eine selektive Betrachtung hervor. Mit der Verteufe- lung Titos und seiner Politik nach 1947 („Titoismus“ wurde in eine Rolle mit dem verketzertem „Trotzkismus“ gesetzt und als antisozialistisch eingestuft) gerieten Titos deutsche Partisanen und antifaschistische Deutsche in den Kriegsgefangenenlagern in das politische Abseits, was manche mit dem Bruch ihrer Biogra- phie, dem Verlust ihres Arbeitsplatzes und gesellschaftlicher Aner- kennung bezahlen mußten.

Heinz Kühnrich / Franz-Karl Hitze
Deutsche bei Titos Partisanen 1941-1945
Kriegsschicksale auf dem Balkan
in Augenzeugenberichten und Dokumenten

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