in Philosophie, Philosophie Postmoderne Peterson, Postmoderne Dekonstruktion Psychologie

… Der postmoderne philosophische Diskurs reflektiert den umfassenden kulturellen Transformationsprozeß der Moderne und dessen Konsequenzen für das Subjekt. Die Situation des Subjekts heute ist durch die Singularität des Augenblicks bestimmt, durch isolierte, punktuelle Augenblicke, die nicht in einem eindeutigen Zusammenhang mit vergangenen oder zukünftigen Ereignissen stehen. Der kommende Augenblick ist ungewiß und undeterminiert. Kein Blick auf Vergangenes oder Zukünftiges vermag Sicherheit (eines Sinnes) und Handlungsorientierung zu gewähren. Die Welt bricht unaufhörlich herein. Das Subjekt wird mit der Kontingenz konfrontiert.
„Die Position des Subjekts [ist heute] schlichtweg unhaltbar geworden. Heute ist niemand mehr in der Lage, sich zum Subjekt der Macht, des Wissens oder der Geschichte zu machen. … diese unerfüllbare Aufgabe [ist] einfach lächerlich geworden … mit dem Universum der Psychologie und der bürgerlichen Subjektivität. Wir erleben die letzten Zuckungen dieser Subjektivität, und dabei werden immer noch neue Subjektivitäten erfunden“. (Baudrillard 1983, 14o)

Das Individuum als Subjekt, „das autonome Subjekt der philosophischen Aufklärung“ (van Reijen 1992, 7) verstand sich als Herr über das Objekt: der Souverän, Bourgeois. Diesen Status hatten allerdings die wenigsten. Sie verharren im Zustand des Objekts. Dem Objekt wird der Subjekt-Status angedient: unterworfen, sich unterwerfend, werde es zum Herrn. „Das Subjekt ist im Anschluß an Kant definiert durch die Doppelung von Untertänigkeit und Freiheit“ (Kittler 1988, 4o2) Das Individuum zerbricht an den Zumutungen, Subjekt sein zu sollen und es nicht sein zu können: Psychische Störungen als die Folge der „Überforderung des Ich“. (van der Loo & van Reijen 199o, 23o) „Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus“ (Freud). Freud hat allerdings die Position des Hausherrn weiterhin offen gehalten, so getan, als gebe es noch – in der Mietskaserne, in den Kasernen der Fabrik, indem er das Ich zum „dummen August“ machte, der dem „niederen Gesindel der Triebe“ nicht Herr werde. Das Ich wird kontrolliert durch Wünsche, Bedürfnisse und Kräfte deren Wirkungen sowohl die Inhalte seiner „klaren und distinkten Ideen“ formen, als auch seine Fähigkeit sie zu organisieren. (Benhabib 1992, 2o7) Es ist nicht die Rede davon, daß ihm die Ressourcen vorenthalten werden, die zu seiner Realisierung erforderlich wären. (s. Wahl 1989) Der Wegfall der – sowohl ökonomisch wie normativ vermittelten – Selbstständigkeit, die dem inner-directed man der frühbürgerlichen Periode seine ungewöhnliche Ich-Stärke verlieh. (Breuer 1992, 89f)

Als Teil des epistemologischen Erbes der gegenwärtigen politischen Diskurse über die Identität ist das „Ich“ in und durch den binären Gegensatz zwischen „Ich“ dem „anderen“ gestiftet. Diese Subjekt-Objekt Dichotomie (Hegelsches Modell der Selbst-Anerkennung) bedingt indes gerade die Problematik der Identität, die sie zu lösen versucht. Die für die epistemologische Betrachtungsweise charakteristische Sprache der Aneignung, Instrumentalität und Distanzierung gehört zugleich zu einer Herrschaftsstrategie, die das „Ich“ dem „anderen“ gegenüberstellt. Dieser Gegensatz wird als Notwendigkeit verdinglicht, indem der diskursive Apparat verschleiert wird, der diese Binarität konstituiert. (Butler 199o, 212)

Die postmoderne Provokation besteht nicht in der Auflösung des sozialen Bandes, sondern der Auflösung des isolierten Individums: Dekonstruktion der alten Subjekt-Vorstellungen. Dezentrierung des Subjekts heißt nicht einfach: Auflösung“ – nicht nur daß das nicht neu ist, sondern postmodern ist nicht die Larmoyanz der Kulturkritik, sondern die Entpathologisierung dieser Erscheinungen mit der Perspektive der Befreiung von Einschränkungen von jeglichem Determinismus, Spiel und zugleich: der Grund dafür wird in der Entwicklung von Wissenschaft, Technik, Gesellschaft gesucht. Also wenn es eine Pathologie gibt, dann ist dies eine gesellschaftliche (strukturell gegründete) nicht eine, die dem Individuum zuzuschreiben wäre. …

Lesenswerter Text von: K.-J. Bruder

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