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Kultur und Identität | Lettre – Europas Kulturzeitung

Eine der nutzlosesten und gehässigsten Theorien neuerer Zeit war die vom „Zusammenstoß der Zivilisationen“. Ursprünglich vertreten von einem amerikanischen Politologen als Versuch, den Kalten Krieg an mehreren Fronten fortzuführen, hat das Konzept vom Zusammenstoß der Zivilisatio nen eine ausgedehnte Diskussion über die Trennung der Kulturen ausgelöst, über die Verteidigung der westlichen Zivilisation, Warnungen vor der Bedrohung durch Islam und Konfuzianismus und so weiter. Es bedarf keiner Erwähnung, daß jede Kultur das Potential unbegrenzter Kampflust und Aggressivität birgt, insbesondere, wenn sich dieses Potential gegen ausländische „Dämonen“ richtet, die „unseren“ inneren Gleichmut zu bedrohen scheinen. Es gibt ein berühmtes Gedicht von Konstantin Kavafis, das diesen besonderen Mechanismus mit bestürzender Deutlichkeit darstellt. Unter dem Titel Warten auf die Barbaren beschreibt das Gedicht, wie sich ein paar dekadente Römer auf die Barbaren vorbereiten, indem sie ihr überkommenes Verhalten ablegen und neue Lebensmodelle finden, um diesen fremden neuen Völkern zu begegnen. Dann, mitten im Gedicht, stellt sich heraus, daß die Barbaren gar nicht kommen:
„Warum brach plötzlich Unruh‘ aus,
Verwirrung? (Wie wurden die Gesichter ernst)
Warum nur leeren sich so schnell die Straßen und die Plätze
und alle kehren tief besorgt nach Haus zurück?
Weil es nachtete und die Barbaren nicht gekommen sind.
Und von den Grenzen trafen Leute ein,
und die berichteten, Barbaren gebe es nicht mehr.
Was denn soll nun aus uns werden ohne die Barbaren.
Irgendeine Lösung waren diese Menschen.“

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