in Hörspiel, Podcast

«Read, read, read, read, my unlearned reader! read – or by the knowledge of the great saint Paraleipomenon – I tell you before-hand, you had better throw down the book at once…»

Der Inhalt

Der Verfasser legt weniger Gewicht darauf, das Leben und die Taten seines Helden zu schildern, als an das Erzählte weitläufige Betrachtungen anzuknüpfen. Was er selbst meint, und was die Hauptpersonen denken, ist ihm viel interessanter, als was sie tun. Dadurch schwoll das Buch an, ohne daß die Erzählung gefördert wurde.

Erst am Ende des zweiten Teiles, nachdem nicht weniger als 42 Kapitel am Leser vorübergegangen sind, wird die Entbindung der Frau Shandy berichtet. Im dritten Abschnitt wird eine Abhandlung über die Nasen eingefügt, die zwölf Kapitel umfasst und sich noch in den folgenden Teil heineinzieht.
Die Hauptpersonen sind durchweg Karikaturen: eine Eigenheit, eine Schrulle beherrscht das ganze Wesen jeder einzelnen. Vater Shandy mit seinen wunderbaren philosophischen Betrachtungen, die er aus jedem seiner Gespräche hervorleuchten läßt, und ihm gegenüber Onkel Tobias, der Pläne zu neuen Taten schmiedet oder sich mit dem Korporal Trim über Fortifikationswesen unterhält, sind beide Narren, aber sie sind es in einer so liebenswürdigen und harmlosen Weise, sie verraten bei jeder Gelegenheit eine so große Gutmütigkeit und Menschenfreundlichkeit, daß wir sie gern haben müssen und uns mit all ihren Schwächen aussöhnen. Nicht weniger verrät sich die kindliche Natur des Oheims in seiner Liebe zu der Witwe Wadman, die ihn aber erst selbst sehr ermuntern muß, ehe er ernstliche Schritte tut, um ihre Hand zu erlangen.

Auch der Geburtshelfer Dr. Slop ist schon in seinem Äußeren eine Karikatur. Selbst der Geistliche Yorik, ein Nachkomme des Shakespeareschen Yorik, hat seine Schwächen, aber auch ihn lassen sie nur um so liebenswürdeiger erscheinen. Der Verfasser hat seine Gestalten nicht, wie es Butler mit seinem Hudibras tat, dem Gespötte preisgeben wollen, sondern sie im Gegenteil als treffliche, ehrenwerte Männer gezeichnet. Vergleichen wir sie mit anderen Leuten, so finden wir das echt Menschliche in ihnen heraus und erkennen die Lehre, daß jeder, wer immer es sei, sein Steckenpferd hat, wenn es viele auch nicht in der Öffentlichkeit reiten. Im Pfarrer Yorik hat Sterne sich selbst geschildert. Yorik ist ein Mann, der gegen die verstellte Ernsthaftigkeit, die mit Heuchelei nahe verwandt ist, ankämpft und durch seine Offenheit und Geradheit oft genug anstößt, aber im Grund ein liebenswürdiger Charakter ist.

Aus: “Geschichte der Weltliteratur” von Carl Busse und
“Geschichte der Englischen Literatur” von Richard Wülker

Tristram Shandy, Hörspiel