in Allgemein

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach den dazugehörigen Inhalten und ihren Arrangements. Für den Dialektiker Benjamin ist nicht allgemein bestimmbar, welche Inhalte beim Einzelnen ein dialektisches Bild auslösen, und dennoch sind die Inhalte nicht beliebig:

„Das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte Klasse selbst. Bei Marx tritt sie als die letzte geknechtete, als die rächende Klasse auf, die das Werk der Befreiung im Namen von Generationen Geschlagener zu Ende führt. Dieses Bewusst- sein […] war der Sozialdemokratie von jeher anstößig. Im Lauf von drei Jahrzehnten gelang es ihr, den Namen eines Blanqui fast auszulöschen, dessen Erzklang das vorige Jahrhundert erschüttert hat. Sie gefiel sich darin, der Arbeiterklasse die Rolle einer Er- löserin künftiger Generationen zuzuspielen. Sie durchschnitt damit die Sehne der besten Kraft. Die Klasse verlernte in dieser Schule gleich sehr den Hass wie den Opferwillen. Denn beide nähren sich an dem Bild der geknechteten Vorfahren, nicht am Ideal der be- freiten Enkel.“12

Benjamin opponiert gegen die eine teleologische Fortschrittsideologie, wie sie in der II. Inter- nationale unter anderem von Karl Kautsky vertreten wurde. Politisches Handeln, so seine These, motiviere sich eben nicht mit einem vagen Zukunftsversprechen, dass es den eigenen Kindern einmal besser gehe, sondern aus der staunenden Erkenntnis, dass die entfremdeten und repressiven Verhältnisse „immer noch“ möglich sind. Benjamin will zeigen, dass die Ge- genwart keineswegs abgeschlossen, sondern in permanenter Bewegung ist. Der gesellschaftliche Fortschritt ist ständig in Frage gestellt:

„Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, dass der ‚Ausnahmezustand’, in dem wir leben, die Regel ist. […] Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustandes vor Augen stehen; […].“ (Benjamin, GS, I, 2: 697)

Damit ergibt sich der gesellschaftliche Fortschritt für Benjamin nicht von selbst, sondern nur dadurch, dass die Menschen ihre Geschichte selbst in die Hand nehmen. Für den an Marx orientierten Philosophen ist dies in zweifacher Hinsicht ein Emanzipationskampf: zum einen ein Kampf gegen Unterdrückung und Ausgrenzung und zum anderen ein damit verbundener Selbsterkenntnisprozess, dass die bestehende Gesellschaft bis in die ökonomischen Strukturen hinein, von Menschen gemacht wurde und wird. Das sich Einsetzen hat für ihn zugleich die Funktion, sich die Welt anzueignen, die eigene Entfremdung zu überwinden und damit die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Verhältnisse zwischen konkreten Individuen sind, in ihrem Kern zu verändern.

 

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