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Nobelpreis, KI-Hype, Kommunitarismus

In den „Fremden Federn“ stellen wir einmal pro Woche in Kooperation mit dem Kuratorendienst piqd eine Auswahl von lesenswerten journalistischen Fundstücken mit wirtschaftspolitischem Bezug zusammen. piqd versteht sich als eine „Programmzeitung für guten Journalismus“ – was relevant ist, bestimmen keine reichweitenoptimierten Algorithmen, sondern ausschließlich ausgewählte Fachjournalisten, Wissenschaftler und andere Experten.

Nach solch einem Text habe ich gesucht, auch wenn er gerne noch ausführlicher und erklärender sein dürfte. Ich hoffe, er bleibt frei zugänglich. Endlich wird mal detailliert dargestellt, wie sich die Entscheidung der EU-Umweltminister für die deutschen Automobilhersteller auswirkt.

Nach intensiven Verhandlungen haben die Umweltminister der europäischen Mitgliedstaaten beschlossen, dass die Hersteller den CO2-Verbrauch ihrer Flotten deutlich senken müssen: um 35 Prozent bis 2030. Endgültig ist die Entscheidung noch nicht, da als nächstes Verhandlungen mit dem Europäischen Parlament anstehen, das noch sparsamere Autoflotten fordert, was klimapolitisch auch geboten ist. Dass die deutschen Autohersteller mit ihren spritfressenden SUV-Sparten jetzt jammern würden, war zu erwarten. Sie tun das seit Jahrzehnten so routiniert wie lautstark.

Für das Handelsblatt steht fest: „Sollte das Flottenziel der EU bis 2030 beschlossen werden, wie es aktuell geplant ist, müssten die deutschen Hersteller ihr Geschäftsmodell drastisch verändern. CO2-Ziele unterhalb von 70 Gramm sind mit verbesserten Verbrennungsmotoren nicht mehr erreichbar.” Damit sind erhebliche Investitionen in Elektromobilität und leichtere Modelle notwendig. Um Strafgelder dürften die Unternehmen aber so oder so nicht mehr herumkommen.

Anthony Levandowski ist ein illoyaler Mitarbeiter. Ein Genie, ein Marketing-Pro, einer, den Google schnurstracks (geiles Wort) aufkauft. Levandowski steht im Mittelpunkt einer Klage, die Google gegen Uber erhob. Es ging um Geschäftsgeheimnisse für selbstfahrende Autos.

Silicon Valley ist zwar bekannt für seine “No Poaching”-Absprachen (Steve Jobs flippte aus als Google Mitarbeiter von Apple abwerben wollte), aber es gibt kein Gesetz, das solche Aktionen verbieten würde.

Was es gibt: den Schutz der Geschäftsgeheimnisse. Und nun gibt es einen Fall, in dem Google anscheinend bereit ist, mehrere Prinzipien über Bord zu werfen. Ein Beispiel: Google kooperiert mit der Regierung (ohne auf entsprechende richterliche Erlässe zu warten). Zweitens: Google hat ein Verfahren angestrengt, dass innerhalb der Firmen mittlerweile Panik verbreitet. Mitarbeiter haben Angst, verklagt zu werden – die Klage könnte lauten: Geistiges (!) Eigentum wird bei der Konkurrenz eingesetzt.

Dieser Longread im New Yorker ist unfassbar reich an Detailbeobachtungen.

Während nach einer aktuellen Umfrage nur 15 Prozent der Deutschen glauben, dass die KI mehr Nutzen als Risiken mit sich bringen wird, macht sich Christian Simon für die SZ an eine erfreulich ernüchternde Relativierung der mit der neuen Technik verknüpften Allmachtszuschreibungen. Das beginnt damit, dass, so der Informatikprofessor Florian Gallwitz, niemand überzeugend definieren kann, was „künstliche Intelligenz“ eigentlich sein soll. Trotzdem sind mit dem Begriff sowohl Hoffnungen auf die Lösung aller Probleme, als auch Ängste vor, so Tesla-Chef Elon Musk, einem „unsterblichen Diktator“ verknüpf.

Vermutlich sind allerdings sowohl die Hoffnungen, als auch die Ängste übertrieben.

Zwar sind die Fortschritte im Bereich des maschinellen Lernens – beispielsweise im Bereich autonomes Fahren oder Medizindiagnostik – revolutionär, doch mit “Denken”, “Schlussfolgern”, “eigenem Willen” oder gar einem “Bewusstsein” habe das, so Gallwitz, nichts zu tun. Einschlägige Programme erkennen in großen Datenmengen alle möglichen Zusammenhänge, zur deren sinnvollen Einordnung jedoch menschliche Intelligenz benötigt wird. Letztlich sind also die Aufgaben, die aktuell der KI übertragen werden können, noch(?) sehr spezifisch.

Langsam setzt sich auch in der Fachwelt die Erkenntnis durch, dass die Entwicklungen wohl nicht so bahnbrechend werden wie erhofft.

So könnte der Hype um die KI in sein Gegenteil umschlagen, wenn enttäuschte Hoffnungen zu einer Ernüchterung und somit einem Rückgang des öffentlichen Interesses und der Investitionen führen. Wohin der Weg nun auch genau führen wird, dürfen, so die Professorin, Futuristin und Bestsellerautorin Amy Webb die Fragen der Verantwortlichkeiten nicht vergessen werden:

Was passiert, wenn wir Macht und Einfluss an eine Maschine abgeben, die nur von wenigen programmiert und verstanden wird? Und was, wenn die Entscheidungen der künstlichen Intelligenz die Vorurteile noch verstärken, die menschliche Intelligenzen haben?

Eine der häufigsten Deutungen der gegenwärtigen populistischen Verschiebung der politischen Landschaft Europas nach rechts ist die zunehmende Verelendung breiter Bevölkerungsschichten. Aus Sicht der traditionellen Kapitalismuskritik erscheint das auf den ersten Blick logisch. Es erklärt aber nicht, warum gerade sozialdemokratische Parteien mit ihrer sozialen Agenda verlieren. Der alte Gegensatz beruhte

einerseits auf sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien, die sich für einen starken Staat und Marktregulierung und Umverteilung einsetzten, und andererseits eher konservativen und liberalen Parteien, die für möglichst viel Markt und möglichst wenig Staatseingriffe plädierten.

Der Sozialwissenschaftler Michael Zürn bietet eine andere Konfliktlinie an, er unterscheidet Kosmopoliten und Kommunitaristen:

Kosmopoliten sind ideologisch betrachtet die Gruppe, die sich in der Tendenz eher für offene Grenzen sowohl für Menschen als auch für Kapital und Güter einsetzen, die für universell gültige Individualrechte eintreten und den Transfer politischer Kompetenzen auf die europäische und globale Ebene befürworten. …. Menschen, die besser verdienen und gebildet sind, … eine internationale Orientierung aufweisen – also über sehr viel transnationales Sozialkapital verfügen.

Kommunitaristen sehen eher die Notwendigkeit von nationalen Grenzen, um überhaupt Demokratie und Gerechtigkeit realisieren zu können, die eigene Kultur wird im Zweifel höher bewertet als universelle Individualrechte. Die Abgabe politischer Macht an transnationale Strukturen wird als potentiell undemokratisch und daher kritisch gewertet. Es sind Menschen, die sich eher als Globalisierungsverlierer betrachten – „mit weniger transnationalem Sozialkapital.“

Im gewissen Sinn verschiebt sich die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit von der ökonomischen Erklärung hin zu kulturellen Ursachen. Was auch den teilweise leichtsinnigen Umgang mit den wirtschaftlichen Ressourcen der Staaten erklären könnte.

William Nordhaus und Paul Romer erhalten – das wurde vor einer Woche bekannt – für ihre Arbeit über Klimaökonomie und Innovationen den Wirschaftsnobelpreis.

Nordhaus gilt als einer der ersten Ökonomen, die untersuchten, wie sich ein CO2-Preis auf die Wirtschaft auswirkt. Er plädierte schon 1992 für eine CO2-Steuer. Fortschrittlich! Dennoch ist die Verleihung des Nobelpreises an ihn ein fragwürdiges Signal. Warum, begründet Alyssa Battistoni im linken Jacobin-Magazin eindringlich und überzeugend:

Nordhaus consistently downplayed the risks that climate change poses and chastised other scholars for alarmism.

So war Nordhaus 2006 der Ansicht, der “Stern Review on the Economics of Climate Change” sei stark übertrieben. Der Ökonom Nicholas Stern hatte damals die möglichen künftigen Schäden des Klimawandels gegen die Kosten sofortigen Klimaschutzes abgewogen. Sein Ergebnis: schnelles Handeln sei wirtschaftlich sinnvoll (und unabdingbar).

Nordhaus war anderer Meinung. Der Grund, technisch gesprochen: Er setzte einen höheren kalkulatorischen Zins an als Stern, um künftige und aktuelle Kosten und Erträge miteinander zu vergleichen. Dahinter steckt die Annahme eines relativ robusten Wirtschaftswachstums in der Zukunft.

Most economists at the time saw climate change as a distant problem (…) Projects to reduce carbon emissions were judged on their rate of return — if they underperformed relative to the market, it would be better to simply invest the money, which would make future generations richer and therefore better able to adapt. By this logic, spending money to address climate change might actually harm future generations by failing to maximize growth.

Nordhaus sei immer für langsame Klimapolitik gewesen, schreibt Battistoni. Doch dafür sei – auch im Licht des neuesten IPCC-Reports – keine Zeit mehr.

Even the soberest of scientists (not economists!) will now tell you that stopping climate catastrophe requires remaking the global economy and redistributing global wealth.

War da was vor hundert Jahren? Die Revolution von 1918 begann euphorisch und erfolgreich, blieb aber unvollendet und wurde schon bald von den Rechten nachhaltig diffamiert (“Dolchstoß”, “Novemberverbrecher”). Heute ist sie zu Unrecht nahezu vergessen. Wie also soll man mit einem solchen Thema umgehen?

Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit hat sich in dieser kostenpflichtigen, essayhaften Langstrecke für einen historischen Rundumschlag entschieden, was schon mal ein interessanter Ansatz ist. Zurückgeblickt wird auf drei deutsche Revolutionen (1848, 1918, 1989) und den Protest von 1968 sowie auf die Amerikanische Revolution von 1763. Leitmotivisch hangelt er sich dabei an einer angeblichen Sentenz Lenins entlang: “Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte.”

Kurbjuweit erkennt Muster, macht “überraschende Parallelen” aus und ist sich sicher, ein “sehr deutliches Bild, ein Porträt der Deutschen im Spiegel ihrer Revolutionen” zeichnen zu können. Dabei gehe es “um die Frage der Entschlossenheit, um das Verhältnis zur Freiheit, zur Nation, zur Stabilität, zur Obrigkeit”. Und um die Frage, ob künftig ein rechter Aufstand drohen könnte, eine Revolution der Reaktionären – letzteres aus meiner Sicht sicher nicht, zumal Demokratien aufgrund ihrer Mechanismen zur Konfliktverarbeitung grundsätzlich besser gegen Umstürze gefeit sind als autoritäre Regime, die auf Protest fast immer repressiv reagieren. Insgesamt halte ich den Essay für originell und informativ, auch wenn ich bei Aussagen skeptisch bleibe, die wie historische Gesetze klingen (“Fast jeder Revolution folgt irgendwann der Konter”).

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