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Digitales Kolloquium: „Die Zukunft des Wirtschaftssystems nach der Pandemie“ (7. Oktober 2020)

Digitales Kolloquium: „Die Zukunft des Wirtschaftssystems nach der Pandemie“ (7. Oktober 2020)

Der theorieblog lädt für den 7. Oktober 2020 von 17.00-18.00 Uhr zu einem digitalen Kolloquium ein. Als Diskussionsgrundlage wird der Aufsatz Die Zukunft des Wirtschaftssystems nach der Pandemie: Sozialliberale Marktwirtschaft oder autoritärer Kapitalismus? dienen, den Niklas Dummer und Christian Neuhäuser verfasst haben. Die Moderation des digitalen Kolloquiums übernimmt Martin Beckstein, einen Diskussions-Input steuert Franziska Dübgen bei.

Niklas Dummer ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie und Politikwissenschaft der TU Dortmund und leitet die Redaktion der Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik. Er beschäftigt sich u.a. mit Eigentums- und Würdetheorien.

Christian Neuhäuser ist Professor für praktische Philosophie an der TU Dortmund. Er arbeitet zu Theorien der Selbstachtung und Verantwortung sowie zu Fragen der ökonomischen und internationalen Gerechtigkeit. Aktuelle wissenschaftliche Buchpublikationen sind: Reichtum als moralisches Problem (Suhrkamp) und herausgegeben zusammen mit Christian Seidel: Kritik des Moralismus (Suhrkamp).

Franziska Dübgen ist Professorin für Philosophie mit den Schwerpunkten Politische Philosophie und Rechtsphilosophie an der WWU Münster. Sie arbeitet zu Kritischer Theorie, Transkultureller Philosophie, Postkolonialismus, feministischen Perspektiven, epistemischer Gerechtigkeit und Straftheorien.

Martin Beckstein ist Oberassistent für Politische Philosophie an der Universität Zürich. Er beschäftigt sich u.a. mit politischen Ideologien, insbesondere dem Konservatismus und Nationalismus, sowie Fragen der Interpretationsmethodik. Ausgewählte Publikationen umfassen: The Politics of Economic Life (Routledge) und Political Conservation or How to Prevent Institutional Decay (Constellations).

Was gibt dem Leben Sinn? Erfahrungen nach Corona

Was gibt dem Leben Sinn? Erfahrungen nach Corona








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Der Corona-Lockdown machte bewusst, wie wichtig der Kontakt zu anderen Menschen ist. Auf sich selbst zurückgeworfen, stellte sich nicht selten die Frage nach dem Sinn des Lebens. Was darunter zu verstehen ist? Der Philosoph und Buchautor Wilhelm Schmid hat sich darüber Gedanken gemacht.

Contact-Tracing-Apps: Kritik an Datenschutzfolgenabschätzung für die Corona-Warn-App

Contact-Tracing-Apps: Kritik an Datenschutzfolgenabschätzung für die Corona-Warn-App

Kirsten Bock, Christian Ricardo Kühne, Rainer Mühlhoff, Měto Ost, Jörg Pohle und Rainer Rehak engagieren sich im Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF).

Am 16. Juni war es endlich soweit, in ganz Deutschland und auch darüber hinaus blickte man auf die nun veröffentlichte Corona-Warn-App. Nach wochenlanger Diskussion um Nutzen, Technik und Architektur konnte sie endlich installiert und genutzt werden, was Stand heute bereits über vierzehn Millionen Mal getan wurde. Die halbe Welt berichtete über den deutschen Erfolg bei der digital-automatisierten Kontaktverfolgung.

Aber wie so oft ist nicht alles Gold, was glänzt, und nicht jeder kennt den Unterschied zwischen Datenschutz und IT-Sicherheit. Das FIfF hat daher heute eine Analyse samt konstruktiver Anmerkungen und Vorschläge zur offiziellen Datenschutzfolgenabschätzung (DSFA) für die im internationalen Vergleich sehr populäre Corona-Warn-App veröffentlicht. Darin spart das FIfF nicht mit grundsätzlicher und konkreter Datenschutz-Kritik, verteilt aber auch Lob für den gesamten Entwicklungsprozess.

Der Gastbeitrag erklärt den Sinn und Zweck einer DSFA und erläutert auch, welche nach wie vor gültigen Ergebnisse eine eigene DSFA, die das FIfF bereits im April veröffentlichte, erbracht hat. Eine DSFA ist dabei keine Fingerübung im akademischen Diskurs, sondern eine notwendige und gesetzliche Anforderung an Datenprojekte, die Informationen von Menschen verarbeiten – denn Datenschutz ist Grundrechtsschutz.

Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit der Datenschutzfolgenabschätzung folgt im Laufe der Woche in Form eines Interviews mit Kirsten Bock.

Datenschutzfragen dezentraler Corona-Tracing-Apps

„Es geht nicht um Privatsphäre, sondern es geht darum, eine Technik sozial beherrschbar zu machen.“

Wilhelm Steinmüller (1934–2013)

Gesellschaftliche Implikationen durch Datenschutzfolgenabschätzungen diskutierbar machen

Mehrere Wochen kreiste die Diskussion zur die Eindämmung der Corona-Pandemie um den Einsatz technischer Hilfsmittel, insbesondere von sogenannten Corona-Tracing-Apps. Diese sollen automatisiert die epidemiologisch relevanten Kontaktereignisse von Nutzerïnnen aufzeichnen und es so erlauben, im Infektionsfall zeitnah und rückwirkend die exponierten Kontaktpersonen warnen und isolieren zu können. Bislang wird das sogenannte Contact-Tracing manuell von Mitarbeiterïnnen der Gesundheitsbehörden vollzogen, also etwa anhand der Erinnerung der Infizierten und anschließender Warnung per Telefon. In einigen Ländern, zum Beispiel China, werden auch weitere Informationsquellen genutzt wie beispielsweise Kreditkartendaten oder Reiseinformationen. Diese mühsame Arbeit kann, so die Vision, durch den Einsatz von Apps wesentlich beschleunigt werden.

Auch wenn die konkrete Tauglichkeit einer solchen App für diesen Zweck sowohl epidemiologisch als auch technisch noch umstritten ist und die Gefahr einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Gewöhnung an Contact-Tracing besteht, soll es an dieser Stelle nicht um ein generelles „Ob“, sondern ein „Wie“ einer solchen App gehen. Denn erst bei der Betrachtung der konkreten technischen Umsetzung lassen sich individuelle und gesellschaftliche Konsequenzen analysieren. Die Erkenntnisse können dann wiederum in Form von Anforderungen zurück in die konkrete Ausgestaltung des Verfahrens fließen.

Datenschutz und seine Verankerung in der Gesetzgebung ist ein Garant der Grundrechte und Grundfreiheiten im digitalen Zeitalter. Er bezieht sich nicht nur auf individuelle, sondern auch auf kollektive Rechte. Datenschutz hält die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften aufrecht, indem er strukturelle Machtasymmetrien problematisiert und somit gesellschaftliche Grundfunktionen absichert.

Im Unterschied zu Fragen der IT-Sicherheit geht es dem Datenschutz weniger um externe Angriffe auf Systeme und Daten, sondern um Grundrechtseinschränkungen durch die Datenverarbeitung selbst. Im Fokus steht deshalb nicht primär die „Privatheit“ des einzelnen Datensubjekts, sondern die gesamtgesellschaftlichen, strukturellen Auswirkungen und Machteffekte einer Datenverarbeitung. Eine Datenschutzanalyse geht somit prinzipiell von der verarbeitenden Organisation als der primären Risikoquelle aus, um den Blick von dort schließlich auch auf Plattformen, Dienstleisterïnnen, Nutzerïnnen und externe Dritte zu richten.

Datenschutzfolgenabschätzung

Auch wenn die technischen Eigenschaften der Tracing-Apps, darunter sogar ihre genaue Zweckbestimmung, noch nicht abschließend ausgehandelt sind, müssen die datenschutz- und somit grundrechtsrelevanten Folgen dieses Vorhabens nach wie vor detailliert diskutiert werden. Für diese Art der Analyse gibt es in der DSGVO das Instrument der Datenschutzfolgenabschätzung. Dort heißt es in Art. 35 DSGVO:

(1) Hat eine Form der Verarbeitung, insbesondere bei Verwendung neuer Technologien, aufgrund der Art, des Umfangs, der Umstände und der Zwecke der Verarbeitung voraussichtlich ein hohes Risiko für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen zur Folge, so führt der Verantwortliche vorab eine Abschätzung der Folgen der vorgesehenen Verarbeitungsvorgänge für den Schutz personenbezogener Daten durch.

Für das methodische Vorgehen im Rahmen einer DSFA gibt es unterschiedliche Ansätze. In Deutschland wird dafür von der Konferenz der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder das von ihr ausgearbeitete „Standard-Datenschutzmodell” (SDM) empfohlen, an dem auch wir uns im Folgenden orientieren. Dieses verlangt zunächst eine Schwellwertanalyse, um zu klären, inwiefern eine DSFA für ein gegebenes Datenverarbeitungssystem nicht nur gesellschaftlich wünschenswert, sondern auch datenschutzrechtlich gefordert ist. Weil mit den Contact-Tracing-Apps sowohl eine neuartige Technologie als auch personenbezogene Daten in großem Umfang und im Infektionsfall sogar medizinische Daten verarbeitet werden, ist dies hier unzweifelhaft der Fall.

Trotzdem hatte noch bis Ende April keine verantwortliche Stelle eine DSFA für eine der in Deutschland diskutierten Apps vorgelegt. Um die gebotene Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu legen, haben wir im April kurzerhand eine Muster-DSFA zur Corona-App erarbeitet und in die öffentliche Diskussion eingebracht.

Im ersten Schritt wird der Zweck des gesamten Datenverarbeitungsverfahrens definiert, in diesem Falle ausschließlich das Erkennen und Unterbrechen von Infektionsketten. Danach gilt es den Kontext der Verarbeitung herauszuarbeiten. Dies umfasst nicht nur die allgemeine gesellschaftliche und politische Lage sowie technische Umstände, sondern auch explizit die verschiedenen Akteure und ihre Interessen. Erst auf dieser Grundlage kann später eine fundierte Analyse von Risiken und Angriffsszenarien erstellt werden.

Sodann müssen Annahmen und Anwendungsfälle für die Verarbeitung erarbeitet werden, um daran anschließend die Verarbeitungstätigkeit im Detail zu beschreiben. Dabei ist zu beachten, dass Verfahren in Teilschritte zu zerlegen sind, von denen nicht alle technikgestützt ablaufen müssen. Im vorliegenden Falle umfasst das Verfahren nicht nur die App, sondern auch die dazugehörigen Serversysteme, Fachanwendungen und Infrastrukturbestandteile wie etwa Betriebssysteme oder technische Kommunikationsbeziehungen. Auf dieser Basis werden dann Rechtsgrundlagen und die Verantwortlichkeit der Verarbeitungstätigkeit diskutiert sowie rechtliche Anforderungen erarbeitet.

All diese Vorarbeiten kombinierend werden Schwachstellen, Gefahren und Risiken der Verarbeitung entwickelt. Damit sind Risiken bezüglich der Grundrechte der Betroffenen gemeint, und zwar aller Grundrechte. Auf die Risikoanalyse aufbauend werden dann Schutzmaßnahmen für die Rechte der Betroffenen bestimmt und zuletzt Empfehlungen für die Verantwortlichen aufgeführt. Die Empfehlungen umfassen insbesondere die besonders problematischen Aspekte, etwa Risiken, für die keine Schutzmaßnahmen existieren.

Zentral oder dezentral?

Aus Gründen der Minimierung des Grundrechtseingriffs und zur Vereinfachung der Analyse gehen wir in unserer DSFA von einem eng umrissenen Zweck für die Datenverarbeitung aus: die Warnung von Personen, die mit Infizierten Kontakt hatten. Die Grundfunktionalität einer solchen App wird im Idealfall umgesetzt, indem das Smartphone in regelmäßigen Abständen über den „Bluetooth Low Energy Beacons“-Standard wechselnde Zeichenfolgen (temporäre Kennungen, tempIDs) via Bluetooth versendet und entsprechend die temporären Kennungen (tempIDs) von anderen Apps empfängt, sofern diese örtlich nah genug sind. Diese Daten ermöglichen eine Kontaktnachverfolgung; aus Dauer und Nähe des Kontakts soll ein Ansteckungsrisiko berechnet werden. Ortsinformationen, also zum Beispiel der GPS-Standort, werden durch dieses System nicht erhoben.

An dieses grundlegende Prinzip zur Detektion von Kontaktereignissen mittels Bluetooth schließen sich nun technische Fragen an, in denen verschiedene Varianten diskutiert wurden. Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage, ob die Berechnungen des individuellen Expositionsrisikos lokal auf den Mobiltelefonen der Nutzerïnnen oder serverseitig stattfindet. Damit hängt auch die Frage zusammen, wie genau die exponierten Nutzerïnnen kontaktiert werden, um sie zu warnen.

In der zentralen Architektur werden im Fall der positiven Testung alle Kontaktereignisse von der App der infizierten Person auf einen Server hochgeladen. Dieser Server berechnet das Expositionsrisiko für alle Kontakte dieser Person und informiert diese dann aktiv. Der Server hat in dieser Variante somit Kenntnis der Infizierten, derer Kontakte und des sozialen Graphen.

deckblatt dsfa

Die dezentrale Architektur dagegen sieht vor, dass im Falle der positiven Testung nur die von der Person in den vergangenen vierzehn Tagen ausgesendeten temporären Kennungen (tempIDs) auf den Server geladen werden. Die anderen Apps laden sich regelmäßig einen Datensatz aller tempIDs von infizierten Nutzerïnnen herunter und berechnen lokal auf ihrem Smartphone, ob ein Risiko der Ansteckung vorliegt. Der Server kennt in dieser Variante nur die temporären Kennungen der Infizierten, er kann weder ihre Kontakthistorie noch das Kontaktnetzwerk der Nutzerïnnen nachvollziehen. Aus diesem Grunde ist die dezentrale Variante deutlich datenschutzfreundlicher.

Unsere DSFA betrachtet nur den dezentralen, grundrechtsschonenderen Ansatz, der inzwischen von Ländern wie etwa Österreich, Schweiz, Estland und seit Ende April auch von Deutschland verfolgt wird.

Zentrale Erkenntnisse

Im Folgenden sollen vier wichtige Ergebnisse unserer DSFA vorgestellt werden.

1.

Die häufig beteuerte Freiwilligkeit der App-Nutzung ist ein voraussetzungsreiches Konstrukt, das sich in der Praxis als Illusion herausstellen kann. So ist vorstellbar und wird auch bereits diskutiert, dass die Nutzung der App als Bedingung für die individuelle Lockerung der Ausgangsbeschränkungen gelten könnte. Das Vorzeigen der App könnte als Zugangsbedingung für öffentliche oder private Gebäude, Räume oder Veranstaltungen dienen. Eine solche Verwendungsweise wäre mitunter nicht durch den Zweck des Systems gedeckt, könnte aber durch dritte Akteure (z. B. Arbeitgeber oder private Veranstalter) in Kraft gesetzt werden. Dieses Szenario würde eine implizite Nötigung zur Nutzung der App bedeuten und zu einer erheblichen Ungleichbehandlung der Nicht-Nutzerïnnen führen; die ohnehin vorhandene „digitale Schere“ zwischen Smartphone-Besitzerïnnen und -Nicht-Besitzerïnnen würde sich hiermit auf weitere Lebensbereiche ausweiten. Zudem könnte der Zweck des Systems unterminiert werden, wenn Nutzerïnnen aus Angst vor Nachteilen ihr Smartphone absichtlich nicht bei sich führten oder abwechselnd verschiedene Geräte nutzten. Nur durch eine flankierende Gesetzgebung, die diese und andere Zweckentfremdungen effektiv unterbindet, ist dieses Risiko abzumildern.

Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass die informierte Einwilligung kein geeigneter rechtlicher Rahmen für eine freiwillige App-Nutzung ist. Denn die informierte Einwilligung externalisiert das Risiko der (Grundrechts-)Folgen sowie die Abwägung zwischen Nutzen und Folgen auf die Betroffenen. Dabei käme es darauf an, gerade diese Abwägung zum Gegenstand demokratischer Aushandlung zu machen. Als Rechtsgrundlage wäre deshalb ein Gesetz erforderlich, in dem die (demokratisch legitimierte und kontrollierte) Gesetzgeberïn die Verarbeitung festlegt und auch deren Grenzen definiert.

kirsten bock
Kirsten Bock Alle Rechte vorbehalten privat

2.

Ohne Intervenierbarkeit (Einschreitbarkeit) und enge Zweckbindung ist der Grundrechtsschutz gefährdet: Es besteht ein hohes Risiko fälschlich registrierter Expositionsereignisse (falsch Positive durch Wände, Masken oder Laborfehler), die zu Unrecht auferlegte Selbst-Quarantäne zur Folge hätten. Um dem zu begegnen, bedarf es rechtlicher und faktischer Möglichkeiten zur effektiven Einflussnahme, etwa das Zurückrufen falscher Infektionsmeldungen, die Löschung falsch registrierter Kontaktereignisse oder das Anfechten möglicher anderer Konsequenzen.

joerg pohle
Jörg Pohle

3.

Alle bislang besprochenen Varianten einer Corona-App unterliegen der DSGVO, denn sie verarbeiten personenbezogene Daten. Alle Daten auf einem Smartphone sind personenbezogen, nämlich bezogen auf die Nutzerïn des Gerätes. Die gilt unabhängig davon, ob Beteiligte die versendeten Zeichenfolgen auf eine Person zurückführen können oder ob das Gerät gut vor dem Zugriff Dritter abgesichert ist. Und weil nur diejenigen Personen Daten an den Server übertragen, die als infiziert diagnostiziert wurden, handelt es sich bei diesen hochgeladenen Daten sogar um Gesundheitsdaten.

Nur durch ein Zusammenspiel organisatorischer, rechtlicher und technischer Maßnahmen kann der Personenbezug wirksam und irreversibel von den hochgeladenen Daten abgetrennt werden, so dass sie letztlich auf dem Server nur noch als „infektions-indizierende Daten ohne Personenbezug“ ankommen. Dieses Anonymisierungsverfahren kann diverse Formen annehmen, muss jedoch kontinuierlich datenschutzrechtlich durch die zuständigen Aufsichtsbehörden prüfbar sein: Organisatorisch müssen die Verantwortlichen in strategischer und die Betreiberïn(nen) in operativer Hinsicht eine Mischstruktur etablieren. Die Verantwortliche – etwa das RKI – könnte strategisch beispielsweise zwei unterschiedliche Betreiberïnnen auswählen: Eine betreibt die Eingangsknoten im Netzwerk und trennt die Metadaten ab, darunter die IP-Adressen, die andere betreibt den eigentlichen Server. Auf der Ebene der Betreiberïnnen muss dann operativ auf eine angemessene Abteilungsstruktur und Funktionstrennung geachtet werden, die die informationelle Gewaltenteilung innerhalb der Organisation – also die funktionale Differenzierung – durchsetzen. Rechtlich müssen die Betreiberïnnen unabhängig sein, keine eigenen Interessen an den Daten haben und vor Pflichten zur Herausgabe von Daten geschützt sein, auch gegenüber staatlichen Sicherheitsorganen. Technisch muss die Betreiberïn die Trennung so umsetzen, dass die Uploads nicht protokolliert werden können, weder auf dem Server noch in ihrem Netzwerk. All diese Maßnahmen müssen durch ein Datenschutzmanagementsystem kontinuierlich prüfbar gemacht und auch geprüft werden.

rainer rehak
Rainer Rehak

4.

Die Rolle der Plattformanbieter Apple (iOS) und Google (Android) ist kritisch zu diskutieren und über den gesamten Verarbeitungsprozess hinweg zu begleiten. Eine Bluetooth-basierte Corona-Tracing-App ist aus technischen Gründen auf die Kooperation der Plattformanbieter angewiesen, da der Zugriff auf das Bluetooth-Modul der Geräte auf Betriebssystemebene ermöglicht werden muss. Diese Machtposition haben die Plattformanbieter in den vergangenen Wochen genutzt, um gegen zahlreiche Regierungen eine dezentrale und somit datenschutzfreundlichere Architektur zu erzwingen. Damit ist das Datenschutzrisiko, das von den Plattformbetreibern selbst ausgeht, in der öffentlichen Diskussion weitestgehend aus dem Blick geraten. Als Betriebssystemhersteller ist es prinzipiell möglich (und auch realistisch, wie die DSFA zeigt), dass Google und Apple an die Kontaktinformationen gelangen und daraus Informationen über Infektionsfälle und Expositionsrisiken ableiten können. Eine kritische Begleitung der Rolle von Apple und Google erfordert daher eine umfassende Sensibilisierung für dieses Problem und die rechtliche Verpflichtung der Unternehmen, sich datenschutzkonform zu verhalten.

rainer muehlhoff
Rainer Mühlhoff

Diskussion in gesellschaftlicher Breite

Insbesondere die quelloffene Entwicklung von Server und Apps nebst allen ihren Komponenten – beispielsweise als freie Software – ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass nicht nur für Datenschutzaufsichtsbehörden die nötige Transparenz bezüglich der Umsetzung der Datenschutz-Grundsätze vorliegt, sondern auch für die Betroffenen und die Öffentlichkeit insgesamt. Diese Datenschutzfolgenabschätzung zeigt aber auch, dass eine Fokussierung allein auf die Quelloffenheit der Technik die durchaus größeren gesellschaftlichen Implikationen des gesamten Verfahrens verschleiern kann. Nur Datenschutzfolgenabschätzungen können Derartiges offenlegen und sollten in diesem, aber auch in anderen ähnlich folgenreichen Datenverarbeitungsprojekten veröffentlicht werden, damit sie nicht nur von den Datenschutz-Aufsichtsbehörden, sondern auch in gesellschaftlicher Breite und sozialwissenschaftlicher Tiefe diskutiert werden können.

Forum e-Semester (2): Das Digitale Semester als Herausforderung, Chance, Risiko – aber für wen?

Forum e-Semester (2): Das Digitale Semester als Herausforderung, Chance, Risiko – aber für wen?

Optimistische wie pessimistische Szenarien zu den aktuellen Herausforderungen und langfristigen Folgen des „Digitalen Semesters“ haben eine zentrale Gemeinsamkeit: Sie verweisen auf die klassische Vorlesung bzw. das klassische Seminar als Kontrastfolie. Aus hochschuldidaktischer Perspektive besteht hier Differenzierungsbedarf. Obgleich Konsens darüber bestehen dürfte, dass ‚das klassische Seminar‘ bzw. ‚die klassische Vorlesung‘ rhetorische Verkürzungen sind, lohnt sich die Frage: Was zeichnet die herkömmlichen Lehr-Lern-Formate der Theorielehre aus didaktischer Perspektive aus – über den bloßen Umstand hinaus, dass sie gewöhnlich im ‚analogen Raum‘ stattfinden?

Konkret stellen sich folgende Fragen: Welche Lehr-Lern-Formen werden in unterschiedlichen Lehrveranstaltungstypen im Fachbereich Politische Theorie angewendet? Welche didaktischen Mittel sind für die Vermittlung konkreter Inhalte und Kompetenzen, die Theorielehrende vermitteln möchten, geeignet? Deren Reflexion ist erforderlich, da eine Debatte über die ad hoc-Verlagerung von Lehrveranstaltungen in ‚den‘ ‚digitalen Raum‘ nicht alleine die Bandbreite zur Verfügung stehender online tools thematisieren muss. Debatten über die aktuellen Herausforderungen und die langfristigen Konsequenzen des Digitalen Semesters müssen vor allem die heterogenen Anforderungen und Herausforderungen für die Lehr-Lern-Formate unterschiedlicher Fächer bzw. Teildisziplinen reflektieren.

Herkömmliche Praktiken und Routinen

Für eine produktive(re) Diskussion über Chancen und Risiken des Digitalen Semesters ist vor allem die Differenzierung von frontalen, durch die Lehrperson dominierten (teacher-centered) und studierendenfokussierten (student-centered) Formaten entscheidend (s. Weimer 2002; Wright 2011). Herkömmliche Vorlesungen – bzw. allgemeiner: stark frontal organisierte Lehrveranstaltungen – lassen sich sowohl in synchroner als auch in asynchroner Form vergleichsweise leicht in den digitalen Raum überführen. Je nach technischer Ausstattung und Vorerfahrungen auf Seiten Lehrender und Studierender bietet sich hier ein breites Spektrum von technischen und didaktischen Optionen, das von PowerPoint-Präsentationen mit Audio-Spur über das gekonnt inszenierte Video bis zu Live-Vorlesungen auf verschiedenen Plattformen reicht. Bei aller Bedeutung, die face-to-face-Interaktionen auch in solchen Lehrsituationen haben mögen, erfordert die Übersetzung frontaler Lehrveranstaltungsformate in digitale Medien kein grundsätzliches Über- oder Neu-Denken von zuvor geplanten und praktizierten Veranstaltungen.

Deutlich herausfordernder gestaltet sich die Verlagerung von – insbesondere in geisteswissenschaftlichen Fächern und z.B. der Lehre Politischer Theorie essentiellen – Seminaren und Kolloquien in den „digitalen Raum“. Diese Veranstaltungen leben vom Diskurs bzw. Interaktionen der TeilnehmerInnen. Im besten Fall sind Seminardiskussionen dabei nicht durch die Lehrperson, sondern durch die Perspektiven, Fragen und Argumente dynamisch aufeinander reagierender Studierender dominiert. Aus didaktischer Perspektive wird hier ein „kollektive[r] Erkenntnisgewinn durch eine voranschreitende Diskussion“ angestrebt. Gerade diese „heuristische Dimension“ von Seminarraum-Diskussionen kann auf derzeit verfügbaren digitalen Plattformen jedoch nicht (bzw. nur bedingt) realisiert werden (Heinke et al. 2020).Vor diesem Hintergrund gilt: Je studentenzentrierter und interaktiver die „zu übersetzende“ analoge Lehrveranstaltung konzeptualisiert ist, desto größer werden die sich derzeit stellenden Herausforderungen.

Dies hat – zum Teil aus der geforderten kurzfristigen Umsetzung resultierende – technische, auch aber prinzipiellere didaktische Gründe: Aus technischer Perspektive können Plattformen wie z.B. „MS Teams“ eine Strukturierung in kleine Breakout-Groups und damit einen Online-Diskurs in Kleingruppen ermöglichen. Selbst unter der Voraussetzung, dass alle Universitäten die Funktionalität der entsprechenden Plattformen pünktlich und zuverlässig gewährleisten können, bedarf eine konstruktive Nutzung dieser Möglichkeiten jedoch neben technischem Knowhow schlicht Praxiserfahrung – und damit Zeit. Ob diese Ressource im derzeitigen „Krisenalltag“ für alle Lehrenden und Seminarteilnehmenden in ausreichendem (und gleichem) Maße verfügbar ist, muss bezweifelt werden.

Aus didaktischer Perspektive gilt zudem: Eine gelingende Diskussion lebt nicht nur vom – wie auch immer technisch vermittelten – „Geben und Nehmen von Gründen“, sondern auch von nicht-sprachlichen, expressiven Interaktionsformen und dem ritualisierten Zusammenkommen an einem Ort, hier also dem analogen Seminarraum (z.B. Price 2009; Turner 2002). Vor allem sind Seminardiskussionen auf den spontanen Input der Teilnehmenden und flexible Reaktionen auf Seiten Lehrender angewiesen. Obgleich auch Diskussionsabläufe in „analogen Seminaren“ stets durch die Wahl bestimmter Lehr-Lern-Methoden bestimmt werden (Fleuß 2018), müssen Online-Diskussionen in einem deutlich größeren Ausmaß durch die Lehrperson „designt“, vorstrukturiert, moderiert werden (s. auch Heinke et al. 2020).

Rahmenbedingungen des Hochschulsystems

Aus hochschul- und professionspolitischer Perspektive ist entscheidend, diese didaktischen Herausforderungen für unterschiedliche Lehr-Lern-Formate im Kontext der strukturellen Rahmenbedingungen des deutschen Hochschulsystems zu betrachten. Besonders ressourcenaufwändig, besonders didaktisch herausfordernd ist die Übersetzung von interaktiven Seminardiskussionen. Diskursive Seminarformate sind vor allem in geisteswissenschaftlichen Fächern ein zentraler Bestandteil des Studiums. In naturwissenschaftlichen Fächern, auch aber in stärker kanonisierten Fachbereichen der Politikwissenschaft (z.B. in der Methodenausbildung) sind die für das digitale Semester geforderten Anpassungen daher tendenziell mit einem deutlich geringen didaktisch-konzeptionellem Innovationsbedarf und Ressourcenaufwand assoziiert.

Dieser Zusammenhang droht ohnehin vorhandene strukturelle Ungleichheiten in der deutschen Hochschullandschaft zu verstärken: Erstens betreffen die geschilderten Herausforderungen und die mit ihrer Bewältigung verbundene Mehrarbeit maßgeblich Lehrende von Fächern, die ohnehin mit weniger Ressourcen ausgestattet sind. Zweitens gilt für ein Gros der an bundesdeutschen Universitäten durchgeführten Seminare und Übungen, dass sie – im Gegensatz zu Vorlesungen – maßgeblich durch den wissenschaftlichen Mittelbau und Lehrbeauftragte geleitet werden. Damit betreffen die derzeitigen besonders ressourcenaufwändigen Anpassungsleistungen und „Innovationen“ auch und vor allem befristet beschäftigte, in Qualifizierungsphasen befindliche WissenschaftlerInnen – denen zudem in vielen Fällen die Aufgabe zufallen dürfte, die technischen Voraussetzungen für von ProfessorInnen geleiteten Seminare zu schaffen.

Debatten über die Chancen bzw. Risiken eines „Digitalisierungsschubs“ für die Hochschullehre und Reflexionen auf die langfristigen Folgen eines „digitalen Semesters“ müssen diese Interaktionen mit strukturellen Rahmenbedingungen im Blick behalten. Wir sollten mit Blick auf die spezifischen Herausforderungen für unterschiedliche didaktische bzw. Lehr-Lern-Formate und Statusgruppen die Frage stellen: Für wen stellt das digitale Semester eine Chance, eine Herausforderung, ein Risiko dar? Wie gleich oder ungleich sind die Ressourcen für die Bewältigung der Herausforderungen verteilt? Wer ist derzeit aufgefordert, potentiell nicht der weiteren Karriere förderliche Mehrarbeit zu leisten? Wenn die Anforderungen an digitale Lehre diese Differenzierungen aus dem Blick verlieren, droht sonst vor allem eines: dass der situationsbedingte „Digitalisierungsschub“ bestehende strukturelle Ungleichheiten im deutschen Hochschulsystem verstärkt.

Dannica Fleuß arbeitet seit ihrer Promotion 2016 in Heidelberg als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg und ist seit 2018 außerdem Research Associate am Centre for Deliberative Democracy & Global Governance (University of Canberra). Zudem ist sie Sprecherin des PostDoc-Rats der Hamburg Research Academy. In ihrem Habilitationsprojekt beschäftigt sie sich mit Theorie und Methoden der Deliberationsforschung. 

Demaskiert: Covid-19 und die kulturelle Dimension der Debatten um die Maskenpflicht

Demaskiert: Covid-19 und die kulturelle Dimension der Debatten um die Maskenpflicht

Können Masken helfen, die Verbrei­tung des Coro­na­virus einzu­dämmen? Diese Frage wird derzeit in Deutsch­land und anderen west­li­chen Ländern – ganz anders als etwa in China, Japan und Hong­kong – äußerst kontro­vers debat­tiert. Zwar enga­gieren sich Personen des öffent­li­chen Lebens unter dem Hashtag #maskeauf für das Tragen eines Gesichts­schutzes. Die Stadt Jena verpflichtet ihre Bürger*innen zum Tragen von Masken in der Öffent­lich­keit, und die öster­rei­chi­sche Regie­rung hat jüngst entschieden, dass ähnliche Maßnahmen nach dem Ende der Ausgangs­sperre gelten sollen. Doch bleiben diese Rege­lungen umstritten – deut­lich umstrit­tener als andere Maßnahmen des social distan­cing.

Befürworter*innen des Masken­tra­gens argu­men­tieren, dass Tröpf­chen­in­fek­tionen verhin­dert oder zumin­dest verrin­gert werden könnten, wenn alle in der Öffent­lich­keit Masken anlegten. Aufgrund der Knapp­heit solcher Modelle in west­li­chen Ländern ist dabei keines­wegs von Filter­masken die Rede: viel­mehr werden Leser*innen dazu aufge­rufen, sich selbst Masken aus Baum­woll­stoff anzu­fer­tigen.

Gegner*innen hingegen sind äußerst kreativ in der Wahl ihrer Argu­mente. Nicht nur verengen sie häufig die Debatte auf medi­zi­ni­sche Masken und sugge­rieren so, eine Masken­pflicht liefe auf eine allge­meine Nutzung dieses knappen Guts und damit auf unso­li­da­ri­sches Handeln heraus. Andere, die die Masken­pflicht aus medi­zi­ni­schen Gründen für unsinnig halten, behaupten, sie dienten ledig­lich dem Fremd­schutz (in der Annahme, das nur zwei­fels­frei Infi­zierte sie tragen sollten) – ein Argu­ment, das zwei­fellos entkräftet würde, wenn eben alle Masken trügen. Auch wird mitunter behauptet, Masken begüns­tigten aufgrund der Anony­mität, die sie herstellten, die so genannten Hams­ter­käufe. Bisweilen wird jedoch auch ganz offen das Argu­ment geäu­ßert, eine gene­relle Verpflich­tung zum Tragen von Masken sei in Europa – anders als in Asien – nicht durch­zu­setzen.

Die Maske und das Andere

Dieses essen­tia­lis­ti­sche Argu­ment – dass die Maske unge­eignet für euro­päi­sche Gesell­schaften sei – ist aufschluss­reich: Es verweist auf einen Mecha­nismus des Othe­ring über den Aspekt der Gesichts­ver­hül­lung, wie er zuletzt in der Debatte um Formen der Gesichts­ver­schleie­rung im Islam zu beob­achten war.

Doch dieser Diskurs ist, wie ein Blick in Reise­be­richte über Vorder­asien und Nord­afrika sowie in Porträt­fo­to­grafie aus der Region zeigt, schon wesent­lich älter. West­liche Reisende des 19. Jahr­hun­derts wie Helmuth von Moltke oder Mark Twain vergli­chen Frauen in Ganz­kör­per­ver­schleie­rung mit Gespens­tern oder Toten. Ein ähnli­ches Bild vermit­telten eigens für den begin­nenden Tourismus in der Region herge­stellte Studio­fo­to­gra­fien, die Frauen in voll­stän­diger Verhül­lung zeigten. Reisende und Fotograf*innen schienen sich einig zu sein: Die Gesichts­ver­hül­lung nahm dem Indi­vi­duum das Indi­vi­du­elle, und mehr noch: die Frei­heit.

Alge­rien, 19. Jh.; Quelle: sarrazins.fr

Ganz andere Akzente hatte da noch Lady Mary Wortley Montagu Anfang des 18. Jahr­hun­derts gesetzt, als sie behaup­tete, Frauen nutzten die durch Verschleie­rung gewon­nene Anony­mität, um ihre sexu­ellen Hand­lungs­spiel­räume zu erwei­tern. Reisende des 19. Jahr­hun­derts hingegen nahmen die Verschleie­rung über­wie­gend negativ wahr, und zwar nicht nur, weil sie mit ihr einen Mangel an Leben­dig­keit und an Frei­heit asso­zi­ierten. Wie die Geschlech­ter­for­scherin Meyda Yeğe­noğlu argu­men­tiert, irri­tierte sie west­liche Beobachter*innen eben­falls aus zwei anderen Gründen. Zum einen erlaubte sie es der Trägerin ihre vermeint­lich wahre Natur zu verbergen. Zum anderen ermög­lichte sie es ihr, zu sehen ohne gesehen zu werden – und verlieh ihr damit Macht.

Euro­päi­sche Masken: Ausnahme und Status

Diese Miss­bil­li­gung von Prak­tiken der Gesichts­ver­hül­lung mag erstaunen, waren diese doch auch in Europa nicht unbe­kannt. Auf Masken­bällen und im Karneval gewährte sie Männern und Frauen des Ancien Régime eine mora­li­sche Auszeit. Aus medi­zi­ni­schen Gründen getragen schützte sie vor der Über­tra­gung von Krank­heiten, oft nicht allein durch die Maske selbst, sondern – wie im Fall der Pest­maske – auch durch wohl­rie­chende Kräuter, die in ihr trans­por­tiert wurden. Im mili­tä­ri­schen Kontext war Gesichts­ver­hül­lung sogar schon eher bekannt: Ritter­rüs­tungen verdeckten oft das gesamte Gesicht und gewährten nur einen schmalen Sehschlitz; Fecht­masken verdeckten sogar das komplette Gesicht. In der Frühen Neuzeit schützte der so genannte Visard den stan­des­gemäß hellen Teint von Frauen der Ober­schicht vor der Sonne: eine oft schwarze Maske, die ledig­lich für die Augen Öffnungen ließ und durch einen Steg in Höhe des Mundes an Ort und Stelle gehalten wurde. Im 19. Jahr­hun­dert trugen Frauen bei der Heirat sowie bei Begräb­nissen und in der Trau­er­zeit einen – wenn­gleich trans­pa­renten – Gesichts­schleier. Seit dem späten 18. Jahr­hun­dert ermög­lichte die Maske das Tauchen, seit dem frühen zwan­zigsten Jahr­hun­dert den Schutz vor Giftgas im Krieg. Frei­lich war allen diesen Prak­tiken der Gesichts­ver­hül­lung zwei­erlei gemein: Sie wurden ledig­lich vorüber­ge­hend getragen und/oder über­wie­gend von Männern und Frauen höheren Standes, also keines­wegs der Mehr­heit der Gesell­schaft. Die Maske, so konsta­tierte ferner der Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Mikhail Bakhtin, war dabei verbunden mit dem Über­gang, der Meta­mor­phose, der Verlet­zung natür­li­cher Grenzen. So lange sie zeit­weilig und ein Vorrecht sozialer Eliten war, fand die Gesichts­ver­hül­lung also bis ins 19. Jh. hinein und darüber hinaus in Europa durchaus Akzep­tanz.

Sicht­bar­keit, das Indi­vi­duum und der moderne Staat

Sicht­bar­keit aller­dings war, wie Kulturwissenschafter*innen seit Foucault gezeigt haben, Signum des modernen Staats. Während der Gedanke des Panop­ticon nur auf dem Papier für die Gestal­tung von Fabriken, Gefäng­nissen, und anderen Anstalts­ge­bäuden einfluss­reich wurde, leis­teten die Entwick­lung der Krimi­nal­fo­to­grafie mit Hilfe des Bertil­lon­schen Systems und nach dem Ersten Welt­krieg des Reise­passes mit Licht­bild einen entschei­denden Beitrag in diese Rich­tung. Wesent­lich neueren Datums sind das Vermum­mungs­verbot, wie es etwa im deut­schen Recht veran­kert ist, und die Video­über­wa­chung. Die Technik der Gesichts­er­ken­nung schließ­lich bietet das Maximum an Sicht­bar­keit im physi­schen wie virtu­ellen Raum.

Gleich­zeitig entwi­ckelte sich die Idee des Indi­vi­duums zur Grund­lage sich als liberal und säkular verste­hender Gesell­schaften bis in die Gegen­wart. Dieses Indi­vi­duum sollte vermeint­lich autonom handeln und in seiner Frei­heit möglichst wenig einge­schränkt werden. In der Praxis war das Indi­vi­duum in erster Linie ein männ­li­ches, bürger­li­ches, weißes. Für andere Bevöl­ke­rungs­gruppen waren die Hand­lungs­spiel­räume wesent­lich enger bemessen. Dies berührte jedoch nicht den Gedanken indi­vi­du­eller Hand­lungs­frei­heit als Ideal moderner Gesell­schaften. Neben der Glaubens-, Meinungs- und Versamm­lungs­frei­heit genoss das moderne Indi­vi­duum übri­gens auch – auf rein recht­li­cher Ebene – Frei­heit in der Wahl der Klei­dung, so lange diese nicht reli­giös codiert zu sein schien: Eigent­liche Klei­der­ord­nungen gab es in der Neuzeit vor dem Natio­nal­so­zia­lismus nicht mehr.

Fang Maske, Louvre; Quelle: wikimedia.org

Gesichts­ver­hül­lung hingegen wurde seit dem 19. Jahr­hun­dert mehr und mehr mit dem kultu­rell Anderen asso­zi­iert. In diesem Zusam­men­hang wurden insbe­son­dere aus Afrika und dem Pazifik stam­mende Masken zum Faszi­nosum. Sie verwiesen auf reli­giöse Rituale und Gesell­schafts­ord­nungen, die nicht auf dem Gedanken des Indi­vi­duums, sondern auf durch Über­gangs­riten struk­tu­rierten Lebens­al­tern basierten. Masken wurden Gegen­stand euro­päi­scher Samm­lungen. Sie inspi­rierten die Kunst der Moderne. Doch im euro­päi­schen und nord­ame­ri­ka­ni­schen Alltag war die Gesichts­ver­hül­lung vor allem im 20. Jahr­hun­dert ferner denn je. Selbst die noch im 19. Jahr­hun­dert in der Öffent­lich­keit allge­gen­wär­tigen Kopf­be­de­ckungen, damals Zeichen der Respek­ta­bi­lität, verschwanden nun. In west­li­chen Gesell­schaften des 19. und 20. Jahr­hun­derts zeigte man zuneh­mend Gesicht, um Authen­ti­zität und Ehrlich­keit zu kommu­ni­zieren.

Das Evan­ge­lium der west­li­chen Hygiene

Parallel verfes­tigte sich u.a. durch den Kolo­nia­lismus die Auffas­sung west­li­cher Hygiene als kultu­rell über­legen. Dies galt für die Urba­ni­sie­rung, in der die Moder­ni­sie­rung von Paris unter Hauss­mann mit Kana­li­sa­tion, Stra­ßen­be­leuch­tung, Sicht­achsen und Boule­vards Vorbild auch für die Umge­stal­tung außer­eu­ro­päi­scher Städte wurde. Es galt für die Medizin, deren west­liche Ausfor­mungen andere Formen medi­zi­ni­schen Wissens zwar nicht voll­ends verdrängten, jedoch die univer­si­täre Lehre domi­nierten. Auch in der Lebens­mit­tel­chemie und -hygiene wurden west­liche Stan­dards führend. Haus­wirt­schaft wurde zum Kern­be­stand­teil west­li­cher Akteure im Bildungs­wesen in kolo­nialen und quasi-kolonialen Kontexten. Diese und andere Akteure sorgten auch für eine Verbrei­tung west­li­cher Stan­dards im Bereich der körper­li­chen Rein­lich­keit. In der Praxis setzten sich auf all diesen Feldern west­liche Vorstel­lungen niemals einheit­lich durch (nicht nur deshalb, weil Kolo­ni­al­mächte dies zum Teil aus Rassismus, aus ökono­mi­schen Gründen und auch schlicht aus Mangel an Hand­lungs­macht nur halb­herzig verfolgten). Viel­mehr kam es zur Bildung von pidgin know­ledge (H. Fischer-Tiné), von hybridem Wissen. Doch aus west­li­cher Perspek­tive erschienen die eigenen Vorstel­lungen von Hygiene dennoch als über­legen.

„Eine Maske erzählt uns mehr als ein Gesicht“

Neben dem Umstand, dass west­liche Regie­rungen kaum für den Fall einer Pandemie vorge­sorgt haben, sind es wohl diese beiden Punkte – die Über­zeu­gung von der Über­le­gen­heit der eigenen Hygiene und die Ableh­nung von Gesichts­ver­hül­lung –, die eine Akzep­tanz der Maske in der gegen­wär­tigen Situa­tion erschweren, selbst wenn auch in Deutsch­land und anderswo in den letzten Tagen medi­zi­ni­sche Experten mehr und mehr die Vorteile des Masken­tra­gens hervor­heben – und Masken sogar zum Zank­apfel zwischen west­li­chen Staaten werden. Das Argu­ment gegen die Maske ist, so zeigt auch ein Blick auf Reise­be­richte des 19. Jahr­hun­derts, ein zutiefst orien­ta­lis­ti­sches. Während es aus hygie­ni­schen Gründen schlüssig erscheint, dass sich das Coro­na­virus eindämmen ließe, wenn jede*r in der Öffent­lich­keit eine Maske trüge, stehen kultu­relle Argu­mente mit langer histo­ri­scher Tradi­tion dieser prag­ma­ti­schen Lösung im Weg. Zu groß ist die Sorge vor einem Verlust des Gesichts. Selbst die Kampa­gnen für das Tragen von Masken setzen daher auf den Faktor Indi­vi­dua­lität, und dies wohl nicht nur aus schierer Knapp­heit an medi­zi­ni­schen Masken, wenn sie die krea­tiven Gestal­tungs­mög­lich­keiten des einzelnen betonen. Oscar Wilde hat wohl recht, wenn er behauptet, dass eine Maske uns mehr erzählt als ein Gesicht.