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bits: In Asien klappt Coronabekämpfung doch mit weniger Datenschutz?!

bits: In Asien klappt Coronabekämpfung doch mit weniger Datenschutz?!

Hallo,

die vergangenen Tage wurde ich mehrfach im Rahmen von Interviews und Leser:innenbriefen mit einem Kommentar in der Zeit konfrontiert, wo unter dem Titel „Von Asien lernen“ Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung aus Asien beschrieben wurden. Anscheinend haben viele aus dem Artikel herausgelesen, dass der Datenschutz bei uns Schuld an der Pandemie sei und dort der fehlende Datenschutz ein Hauptfaktor für eine bessere Strategie wäre.

Das Argument, dass der Datenschutz bei uns stören würde, hört man ja regelmäßig, und ich bin da schon oft drauf eingegangen. Heute möchte ich mich auf den Vergleich der Strategien zur Pandemiebekämpfung konzentrieren. Da spielen Datenschutzfragen tatsächlich nur eine nebensächliche Rolle. Vor allem kann man erfolgreiche Strategien in Asien leider nur bedingt mit unseren in Deutschland vergleichen.

Wie die Zeit richtig schreibt, liegt es nicht an einer „konfuzianischen Untertanenmentalität“, sondern an knallharten Vorschriften der jeweiligen Länder. Bei uns steht hingegen die Freiwilligkeit in der Befolgung der Regeln im Vordergrund. Es wird mit mehr oder manchmal weniger Erfolg versucht, notwendige Maßnahmen zu begründen und zu erklären. Das führt leider dazu, dass diese von Teilen unserer Gesellschaft als eine Art ehrenamtliches Engagement betrachtet werden. An die Vorgaben kann man sich dann halten, wenn man Lust drauf hat, oder eben nicht. Dazu zählt das korrekte Masken(richtig)tragen, das Abstandhalten oder ausnahmsweise mal auf Partys und Urlaube verzichten.

Dazu kommen in vielen asiatischen Staaten klare Reiseverbote und geschlossene Grenzen, und zwar im Sinne von tatsächlich undurchlässig, nicht nur eine Beschränkung oder Regulierung der Übertritte. Das ist bei kleinen Inselstaaten etwas einfacher durchzusetzen, wie sich auch in Neuseeland zeigt. Von Diktaturen wie China ganz zu schweigen. Aber vor allem setzen die Länder Urlaubsverbote konsequent um. Wenn wir bei uns Spanien-Urlaube in einer Pandemie verbieten würden, bräche vermutlich eine Revolution aus. Doch erst wenn wir solche Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheitsverbreitung ernsthaft umsetzen wollten, könnten wir uns ja darüber unterhalten, ob zur Einhaltung der harten Regeln auf bestehende Datenbanken zugegriffen werden könnte, um das auch durchzusetzen.

Quarantäne, aber richtig

Aber ein zentrales Element in asiatischen Staaten ist die konsequente Quarantäne-Strategie mit einer Überprüfung der Einhaltung. Ein Zwang zu 14 Tagen Hotel mit Verpflegung, aber auf eigene Kosten, ohne dass man das Zimmer verlassen darf. Tagsüber nur eine Stunde Rundgang auf dem Hotel-Parkplatz. Zur Einhaltung der Regeln wird überprüft, ob sich das Handy bewegt hat. Gut, darüber können wir sprechen. Aber erst, wenn wir uns auf den Punkt „14 Tage Quarantäne“ geeinigt haben, zusätzlich mit mehreren Tests in diesem Zeitraum. Bei uns wird beides ja eher als Handlungsempfehlung angesehen, Tests gibt es nicht mehr für alle und es gibt auch keinerlei Kontrolle darüber.

In Asien sind die Maßnahmen aber nicht freiwillig. Natürlich werden sie zunächst debattiert und erläutert, jedenfalls in den demokratischen Staaten. Aber dann setzt man sie eben um. Regelverstöße werden härter geahndet. Sozialer Druck und mögliche Sanktionen sorgen letztlich dafür, dass praktisch alle mit Masken rumlaufen, weil es sonst der ganzen Gesellschaft schlechter ginge. Das ist eigentlich ein No-Brainer, aber eben für Teile unserer Bevölkerung leider nicht – und da muss man nicht nur an Querdenker denken.

Wenn wir über eingeschränkten Datenschutz in Asien reden, dann reden wir vor allem über die Durchsetzung und Kontrolle von Regeln, die nicht zur Debatte stehen und damit dem Diskurs und einem Rechtfertigungszwang entzogen werden. Das wäre dann aber auch eine ganz andere Debatte bei uns als die Frage, ob die Corona-Warn-App jetzt ausreichend überwachen kann.

Die Corona-Warn-App ist gerade unser kleinstes Problem

Bei der App ist das Hauptproblem, dass sie zuviele Erwartungen geweckt hat. Vor allem bei Menschen, die sie technisch nicht gut in ihren Möglichkeiten einschätzen konnten und die jetzt den Datenschutz für die zweite Welle verantwortlich machen. Aber wenigstens funktioniert sie gerade noch, im Gegensatz zu unserer analogen Kontaktverfolgung in Gesundheitsbehörden, wo das System aktuell zumindest in Teilen zusammengebrochen ist. Und die meisten Beschwerden über die Corona-Warn-App haben eher mit unserer Test-Infrastruktur und der mangelnden Anbindung von Laboren zu tun und nicht mit der App an sich.

Selbstverständlich muss man alle Grundrechte gegeneinander aufwiegen und das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung steht nicht immer über allen anderen. Aber Maßnahmen müssen auch evidenzbasiert sein und priorisiert werden.

Ein simples „In Asien klappt es doch mit weniger Datenschutz“, ist mir dabei echt viel zu unterkomplex.

Kurze Pausenmusik:

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Die Erstellung dieser Ausgabe wurde freundlicherweise von Tomas Rudl und Mascha Fouquet unterstützt.

Neues auf netzpolitik.org

Anna Biselli hat verschiedene Reaktionen auf die Hintertür-Pläne des EU-Ministerrates zusammengefasst: Wirtschaft und Zivilgesellschaft stellen sich gegen Pläne der EU-Staaten.

Ein Vorschlag des EU-Ministerrats, dass verschlüsselte Kommunikation erheblich geschwächt werden soll, ruft starke Gegenreaktionen hervor. Sie kommen aus Zivilgesellschaft und Wirtschaft gleichermaßen.

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Serafin Dinges fasst ein aktuelles Urteil des Europäischen Gerichtshofs zusammen: Im Voraus angekreuzte Kästchen sind nicht legal.

Eine Einwilligung zur Datenspeicherung ist nur rechtskräftig, wenn Nutzer:innen das entsprechende Häkchen selbst setzen. Der Europäische Gerichtshof hat hierzu heute Klarheit geschaffen. Auslöser war ein Gerichtsverfahren in Rumänien.

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In ihrer Kolumne ordnet Julia Reda ein Verfahren vor dem Europäische Gerichtshof ein, der sich mit Kompatibilität von Uploadfiltern und der Europäischen Grundrechtscharta beschäftigt: EuGH könnte Uploadfilter kippen und Berlin blamieren.

Sollte die CDU gegen ihr Versprechen den Einsatz von Uploadfiltern verlangen, könnte der Europäische Gerichtshof die Richtlinie nächstes Jahr wieder kippen.

Was sonst noch passierte:

Das Bundeskriminalamt ermittelt gegen Drogenimporteure und hat dafür Chats aus dem Encrochat-Netzwerk ausgewertet: Krypto-Handys geknackt BKA nimmt Kokain-Großdealer fest.

Auf die Hintergründe von Encrochat hatte ich im Juli hingewiesen. Vice Motherboard hat viele Details der Operation: How Police Secretly Took Over a Global Phone Network for Organized Crime.

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Das Schweizer Republik-Magazin hat neue Details rund um die Crypto AG recherchiert. Das Unternehmen wurde viele Jahre lang von CIA und BND mitbetrieben und verkaufte Verschlüsselungsequipment mit eingebauten Hintertüren in alle Welt. Republik fand heraus, dass auch Schweizer Unternehmen von der CIA ausspioniert wurden: Die mysteriöse Schwester­firma.

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Eine neue Studie der Stanford University kommt auf Basis der Auswertung von Mobilfunkdaten zu dem Ergebnis, dass sich an einigen Orten Menschen besonders häufig anstecken. Zu den Orten gehören Restaurants, Hotels, Cafes, Fitnessstudios und religiöse Räume. Also überall, wo Menschen in Gruppen zusammenkommen. Lars Fischer hat bei Spektrum eine Einordnung: Telefondaten deuten auf Superspreader-Orte.

Die Studie „Mobility network models of COVID-19 explain inequities and inform reopening“ findet sich bei Nature.

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Eine gute Analyse zu den weniger werdenden Corona-Infektionszahlen bietet der Faktenfinder von Tagesschau.de: Trendwende in Sicht? Es ist derzeit unklar, ob das auf die aktuellen Maßnahmen zurückzuführen ist, auf die Appelle der Bundesregierung, mehr zuhause bleiben oder einfach nur die Tests abnehmen, weil das System gerade etwas zusammenbricht. Allerdings steigen die Todeszahlen und das ist kein gutes Zeichen.

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Dafür gibt es Hoffnungen, dass bis Ende 2022 das „Deutsche Elektronische Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz“ (DEMIS) in allen Gesundheitsbehörden verfügbar sein soll. Mal schauen, wie stark dann noch die Corona-Pandemie ist: Fax statt Videochat – So groß ist das Digitalisierungs-Defizit der Gesundheitsämter.

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Mehrere Arztpraxen sind derzeit ein Fall für die Staatsanwaltschaft, weil sie Schilder mit „Maske verboten“ hängen haben oder Statements wie „Impfung ohne Sinn“ von sich geben: Berliner Ärztekammer prüft 130 Fälle Corona leugnender Ärzte.

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Die Polizei in Mecklenburg-Vorpommern hat einige Verschwörungsideologen auf ihrer Corona-Leugnungs-Tournee festgenommen, da sie sich nicht an Auflagen halten wollten: Polizei nimmt Pandemieleugner Schiffmann in Gewahrsam.

Darunter war auch der Verschwörungsideologe Samuel Eckert, der auch eine Chatgruppe mit Falschbehauptungen und Verschwörungsmythen für Kinder betreibt, wie Report Mainz recherchiert hat: Verschwörungsmythen im Kinder-Chat.

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Das Bundesinnenministerium sieht Club-Kultur nicht als Teil der Kultur an. Ich persönlich halte Clubs in meiner Kultur für relevanter als Opern und Theater, aber da haben die Juristen im BMI offensichtlich eine andere Vorstellung: Berliner Clubs werden nicht als Kulturstätten anerkannt.

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Eine schöne Idee: Fahrrad-Aktivist:innen haben auf der Basis eines Luftbildes von 2019 für den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ausgerechnet, wieviel Fläche parkende Autos einnehmen. Die 38351 gezählten parkende Autos haben in etwa den Umfang von allen Parks im Bezirk zusammen.

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Auf mehrfachen Wunsch hin soll ich doch über das mediale Großereignis einer Trump-Pressekonferenz vom Wochenende vor einer Garage in einem Industriegebiet neben einem Sex-Shop schreiben. Passenderweise hat das die Washington Post schon gut zusammengefasst: It began on a gold escalator. It may have ended at Four Seasons Total Landscaping.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Hintergrundbilder zur Verwendung in Video-Konferenzen von dem Ort und auch in virtuellen 3D-Welten gibt es schon Nachbauten. Furries inklusive. Ein zeitgeschichtlicher Ort mit großer Ausstrahlung also, an den sich viele auch noch nach Trump erinnern werden.

Video des Tages: Philosophie von Revolutionen

Die Philosophin Eva von Redecker hat das Buch „Revolution für das Leben – Philosophie der neuen Protestformen“ geschrieben, das ich auch noch lesen möchte. In der Schaubühne Berlin hat sie das Buch und ihre Thesen im Gespräch mit Nils Markwardt vorgestellt. Davon gibt es eine Aufzeichnung auf Youtube.

Tilo Jung hatte zuletzt ein Gespräch mit Eva von Redecker für sein „Jung und naiv“-Interviewformat veröffentlicht, das man sich auch als Podcast anhören kann.

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Das war es für heute. Viele Grüße und bleibt gesund,


Markus Beckedahl

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Interview mit Corona-Leugner: Der Hessische Rundfunk handelt fahrlässig [Update]

Interview mit Corona-Leugner: Der Hessische Rundfunk handelt fahrlässig [Update]

Der Hessische Rundfunk nimmt die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zum Anlass, den Corona-Leugner Sucharit Bhakdi zu interviewen. So wichtig kritische Berichterstattung über die Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit von Ausgehbeschränkungen ist, mit Bhakdi als Gast ist der Sender einen Schritt zu weit gegangen.

Bhakdi war bis 2012 Professor für Epidemiologie an der Universität Mainz. Seit Beginn der Corona-Pandemie fällt er durch Falschaussagen auf, die er öffentlichkeitswirksam transportiert und die bei Corona-Leugner:innen auf große Resonanz stoßen.

Wiederholt haben Journalist:innen seine Aussagen zum Corona-Virus widerlegt (ZDF, correctiv.org, Süddeutsche Zeitung, maiLab). Auch sein ehemaliger Arbeitgeber, die Universität Mainz, distanzierte sich mittlerweile von Bhakdis Aussagen. Dennoch hat hr-info Bhakdi als Gesprächspartner eingeladen.

Die gehackte Öffentlichkeit

Ausgewogenheit ist eines der wichtigsten Prinzipien eines fairen Journalismus – und essentiell für Vertrauen in die Medien. Immer auch die Gegenseite hören, darauf sollten Journalist:innen nie verzichten.

Doch dieses lobenswerte Konzept kann leider gehackt werden. Auf der verzweifelten Suche nach der Mitte, dem neutralen Punkt zwischen den Positionen, gehen Journalist:innen viel zu häufig denen auf den Leim, die den Diskurs mit Tabubrüchen und Falschbehauptungen auf ihre Seite verschieben wollen.

Wer Nachrichtenjournalismus macht und sich selbst als objektiv begreift, ist in den heutigen Zeiten dazu aufgerufen, die Grenzen, innerhalb derer er die Mitte sucht, klar zu ziehen. Dann ist es egal, was außerhalb an Extremismus oder Falschinformationen geschieht, wie weit sich Akteure von diesen Grenzen wegbewegen. Belohnt werden sollte nicht, was laut ist und Tabus bricht oder was die Algorithmen in sozialen Netzwerken besonders gerne auswählen.

Geringere Reichweite von Faktenchecks

Einerseits sind diese Grenzen die der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Journalist:innen haben sich kritisch mit allen zu beschäftigen, die sich außerhalb dieser Grenzen bewegt, seien es Aktivist:innen oder der Staat selbst. Egal ob sie die Demokratie aus ideologischen Gründen ablehnen oder sie mit verfassungswidrigen Überwachungsgesetzen unterhöhlen. Die Sache, mit der Journalist:innen sich gemein machen sollten, ist die Demokratie.

Andererseits markieren diese Grenzen aber auch den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge. Und den haben Journalist:innen ebenso klar zu benennen und sich von Falschinformationen zu distanzieren. Genau das hat hr-info im Interview mit Sucharit Bhakdi versäumt. Es wurde weder eingeordnet, dass sich Bhakdi seit Beginn der Pandemie meilenweit von jeglicher Evidenz entfernt hat, noch wurden die Thesen, die er im Interview selbst verbreitet, kritisch beleuchtet.

Halbherzige Nachfragen der Moderatorin sind kein Widerspruch und ein nachträglicher Faktencheck, den hr-info mittlerweile angekündigt hat, erreicht immer weniger Menschen als das Produkt selbst. In Zeiten von Netzkommunikation versanden Faktenchecks oft im Nirgendwo.

Viele Menschen lesen nur Überschriften, wenn sie durch ihren Newsfeed scrollen. Im Falle von hr-info stolperten sie dann über die Falschinformation „Es gibt keine erhöhte Zahl von Erkrankungen“, die Sucharit Bhakdi im Interview aufstellt.

Screenshot der ursprünglichen Überschrift auf der Website des HR
Ursprünglich überschrieb die Redaktion den Beitrag online mit einem Zitat des Interviewpartners, das eindeutig nicht zutrifft. – Alle Rechte vorbehalten Screenshot

Mittlerweile hat der Hessische Rundfunk die Überschrift ausgetauscht und dem Beitrag auf der Website einen redaktionellen Hinweis beigefügt, in dem ebenfalls der Faktencheck angekündigt wird:

Einige Aussagen von Herrn Bhakdi sind kritisch zu hinterfragen und entsprechen nicht dem, was in der Wissenschaft weitgehend Konsens ist. Wir werden diese Aussagen zeitnah einem Faktencheck unterziehen und diesen hier veröffentlichen.

Um Missverständnissen vorzubeugen, haben wir das bei der Erstveröffentlichung des Podcasts im Titel verwendete Zitat ersetzt.

Auf Twitter schreibt die Redaktion von hr-info, dass sie die Kritik nachvollziehen könne:

https://twitter.com/hrinfo/status/1316332384707653634

Verantwortung für wissenschaftliche Laien

Doch das reicht nicht aus. Corona-Leugner:innen können das Interview weiterhin problemlos online verbreiten und gegenüber der gesellschaftlichen Mehrheit, die offizielle Informationen nicht leugnet, durch die Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sogar noch Boden gut machen. Den nachträglichen Faktencheck werden sie großzügig ignorieren.

Und hier sind wir beim Kern des Problems: Nicht alle Menschen, die Bhakdi Glauben schenken, haben ideologische Gründe oder führen Böses im Schilde. Sie tun eigentlich alles, was ihnen beim Bewerten von Fakten immer empfohlen wurde. Sie berufen sich auf einen Mann, der Professor an einer anerkannten Uni war. Diesen ersten Reputationscheck nehmen viele der Menschen vor, die sich auf Bhakdis Thesen beziehen.

Viel mehr kann man von wissenschaftlichen Laien auch nicht erwarten. Wer sich nicht akademisch oder zumindest regelmäßig journalistisch mit Virologie und Epidemiologie auseinandersetzt, kann die Evidenz von Bhakdis Behauptungen nicht prüfen, weiß nicht, welches Ansehen Bhakdi in Fachkreisen (nicht) genießt. Man kann nicht erwarten, dass Laien zwischen der Glaubwürdigkeit von Virologe Christian Drosten und Epidemiologe Sucharit Bhakdi unterscheiden können.

Tragische Fahrlässigkeit

Und genau das ist die entscheidende Aufgabe der Medien in derartigen Krisensituationen. Einschätzen, einordnen, informieren. Ich muss mich als Laie darauf verlassen können, dass ein Wissenschaftler, der von seriösen Journalist:innen interviewt wird und dessen Thesen in diesem Interview unwidersprochen und unwiderlegt bleiben, keinen Mist verzapft. Es ist der Job der Redaktion, so etwas vorher zu prüfen.

Ich will hr-info gar nicht unterstellen, diese Prüfung nicht vorgenommen zu haben. Bhakdi trotzdem diese Bühne zu geben, zeugt aber von einer mindestens genauso tragischen Fahrlässigkeit. Denn genau das ist das Ziel derer, die Verschwörungsmythen und Falschinformationen über Corona verbreiten.

Das ist auch das Ziel von Impfgegner:innen und Klimawandelleugner:innen. Sie wollen Unsicherheiten schaffen, wem oder was man noch vertrauen kann, wer oder was noch glaubwürdig ist. Damit untergraben sie das Vertrauen in die Wissenschaft und letztendlich auch wieder das Vertrauen in die Medien. Der Hessische Rundfunk sägt auch am eigenen Ast, denn auch dort findet guter (Wissenschafts-)Journalismus während der Corona-Pandemie statt.

Update 15.10.2020:

Mittlerweile hat der HR den angekündigten Faktencheck veröffentlicht.

Aus einem weiteren Statement des Hessischen Rundfunks geht hervor, dass der HR die Sendung gar nicht selbst produziert hat. Das Interview mit Sucharit Bhakdi lief ursprünglich in der ARD Infonacht, die der Mitteldeutsche Rundfunk produziert und die bundesweit ausgestrahlt wird. Die Interviewfragen nahm die HR-Moderatorin nachträglich auf. Die ursprünglichen Fragen des MDR-Moderators zeigten die fehlende Evidenz deutlicher auf als die nachgesprochenen Fragen des Hessischen Rundfunks. Der HR bedauert in seinem Statement nicht die Ausstrahlung des Interviews selbst, sondern nur die Übernahme der Sendung ohne Quellenangabe.

Dieses Statement irritiert massiv. Nachdem die Tweets der hr-info-Redaktion gestern den Eindruck erweckten, dass die Verantwortlichen den Auftritt Bhakdis an sich als Fehler sehen, stiehlt sich der Hessische Rundfunk mit seinem Statement aus der Verantwortung und schiebt sie dem Mitteldeutschen Rundfunk zu. Für diese Anstalt gilt natürlich ebenfalls, dass es problematisch ist, Falschaussagen überhaupt eine Plattform zu geben.

Zum Problem der Plattform für Falschaussagen kommen nun also noch ein Transparenzproblem und ein Glaubwürdigkeitsproblem hinzu. Der Fall wird von Gegner:innen und Kritiker:innen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks immer wieder hervorgekramt werden. Der HR erweist seinen eigenen seriös, transparent und fundiert arbeitenden Mitarbeiter:innen mit diesen Praktiken und dem nicht besonders souveränen Umgang einen Bärendienst.

Am Lerneffekt der Rundfunkanstalt darf gezweifelt werden, da die hessenschau in einem Artikel, der erst nach den zerknirschten Tweets von hr-info online erschien, Bhakdi weiterhin ohne Einordnung zitiert.

Screenshot eines Artikels der Hessenschau
Die Hessenschau zitiert Bhakdi weiterhin in einem Artikel. – Alle Rechte vorbehalten Screenshot

Der Mitteldeutsche Rundfunk hat mittlerweile auch einen Faktencheck veröffentlicht. Erfreulicherweise nicht wortgleich mit dem des Hessischen Rundfunks, obwohl sich beide Anstalten den Experten, Gert Uwe Liebert von der Uniklinik Leipzig, teilen.

Dealing with loneliness during the pandemic

Dealing with loneliness during the pandemic

Tremaine Fredericks rides on an empty Staten Island Ferry to Manhattan on March 24, 2020 in New York City.

  • Mental health disorders are on the rise during the COVID-19 pandemic.
  • Lack of social contact is anti-instinctual behavior for humans, yet it is needed during this particular crisis.
  • How we cope with social distancing and sheltering at home will in large part dictate how long this crisis lasts.

There have been many comparisons between the COVID-19 pandemic and previous historical incidents. Obviously, the last great flu pandemic of 1918-19 has been receiving a lot of attention. There’s also quantitative comparisons. Pundits compare this pandemic death toll to wars and terrorist attacks. This week, America surpassed the death toll in Vietnam. In previous weeks, rates were compares to the War in Afghanistan and 9/11.

Comparing a virus to a war isn’t fair, though the headlines can be forgiven. We’re trying to wrap our heads around the enormity of tragedy. One feature of consciousness is qualia, instances of subjective experience. In order to understand something—say, a glass of wine—we relate to it by stating “this is like this.” This Bordeaux smells like peppercorn and chocolate. Comparison gives us a point of reference in an effort to understand concepts. We do it with everything.

While death tolls are one thing, conditions on the ground are entirely different. Consider 9/11. During the months following that day, New Yorkers were more likely to say hello to random passerby on the street. There was an uptick in kindness and charity. People were present for one another on an unprecedented scale. There was a real feeling of “we’re in this together.”

Feeling like you’re a part of something requires presence, which is exactly what’s lacking as we shelter at home. Even on 9/11, as I walked from downtown Manhattan to my girlfriend’s apartment in the Upper East Side—I lived in Jersey City and had no way of returning home—I would stop to talk to people on the street. We were able to look one another in the eyes. Life was briefly upended, sure, but we could still physically be there for one another. We could even touch each other.

Why loneliness is a danger to individuals and societies | Andrew Horn

Lack of contact is driving loneliness during this pandemic. Health care workers are experiencing an increase in mental health conditions. Being on the front lines is emotionally taxing. But those forced to shelter at home, especially when living alone, are also facing increased anxiety and depression.

An avoidance of social contact is an evolutionary mismatch, argue three researchers in a recent essay published in the journal, Current Biology. Evolutionary biology dictates that we come together during times of crisis. We’re social animals. The inability to make contact is frustrating and leads to trauma as self-isolation persists.

The authors (Guillaume Dezecache, Chris Frith, and Ophelia Deroy) write that the media is driving narratives counter to natural behavior. During tragedies, we tend to want to help others more than take care of ourselves. Empathy is our biological inheritance. The media, they write, has adopted a Hobbesian view of the world: every man for himself.

The focus on irrational hoarding of supplies is one example. While running from a fire is a natural reaction to danger, they note that our intuitive responses are cooperation, not selfishness. News outlets perpetuate problems by homing in on aberrant behavior. In fact, they drive the problem. We believe supplies are running short, creating this Hobbesian mentality: I must hoard as well.

This mindset seems worse in cities. As they write,

“In all likelihood, the mismatch between our misperception of the severity of the threat and its consequences is likely to become even more destructive in dense urban areas in which social isolation is a costly good.”

man on Staten Island Ferry

A man rests on an empty Staten Island Ferry on March 24, 2020 in New York City.

Photo by Spencer Platt/Getty Images

Then there’s the flip side: refusing to social distance or shelter at home. Because the threat is invisible we tend to downplay the risks. This is in stark contrast to 9/11, in which more fearful minds associated any Muslim with terrorism. Fortunately, this trend was relatively rare in New York City, though anti-Islam sentiments exploded across the nation, usually in regions with less diverse cultures.

Sine we cannot see this virus, and therefore don’t necessarily understand how it’s transmitted or concern ourselves much if we’re not in a high-risk group, we don’t take precautions. The short-term benefit of contact might, however, fuel the long-term detriment of increased hospitalization and death.

Nonchalance isn’t the only reason for such behavior. It might be something much more ingrained in us.

“It is because our infection-avoidance mechanisms are overwhelmed by a much stronger drive to affiliate and seek close contact.”

As the authors conclude, the more we can stave off loneliness for the greater good of society—at-risk populations, such as the elderly and immunodeficient; health care workers; supply chains providing hospitals with necessary resources; workers contracted to produce those supplies—dictates how we emerge on the other side of this pandemic.

Sadly, there is no easy response. Collectively we’re facing a range of terrible outcomes. The best we can do is strive for the least tragic result. We passed 60,000 deaths in America today. How high that number climbs is in large part in our hands, yet keeping it low requires anti-instinctual behavior. That conundrum is shaping what our society will look like in the future.

Stay in touch with Derek on Twitter and Facebook. His next book is “Hero’s Dose: The Case For Psychedelics in Ritual and Therapy.”

Map of state-level coronavirus coordination efforts look like apocalyptic sci-fi

Map of state-level coronavirus coordination efforts look like apocalyptic sci-fi

Alfred Twu is maintaining a public-domain map of the various efforts underway between states to coordinate their pandemic response. It’s a detailed at-a-glance guide to who is doing what with whom, but it’s also been described as a Shadowrun scenario and a guide to the next civil war.

“Regional Advisory Council” is a perfectly postmodern name for a postapocalyptic polity and I’m definitely stealing it for a short story.

The best thing about the state pandemic coordination / civil war II map is that no-one wants Idaho pic.twitter.com/Dsh2aNaHDI

— Rob Beschizza (@Beschizza) April 27, 2020

Donald Trump and The Imbalance of COVID-19 Accountability

Donald Trump and The Imbalance of COVID-19 Accountability

On the very day that the media rightly slammed President Trump for his claims to “Total Authority,” many in the press continued their now month-long run of stories condemning him as the primary source of the perceived mishandling of Covid-19. David Frum, for example, argues that,

The utter unpreparedness of the United States for a pandemic is Trump’s fault … The refusal of red-state governors to act promptly, the failure to close Florida and Gulf Coast beaches until late March? That fault is more widely shared, but again, responsibility rests with Trump: He could have stopped it, and he did not.

While these arguments may be sound, such critics can’t have it both ways. If Donald Trump bears sole responsibility for Covid-19 unpreparedness, since he alone could have stopped the pandemic, then to date he has enjoyed a monarch-like authority. Either the president had such authority and thus deserves total blame, or he didn’t.

Donald Trump is far from innocent. The president was warned about the potential for a pandemic long before the virus reached US shores, but internal divisions, lack of planning and his relentless focus on economic output and on winning an election in November led to a delayed and thoughtless response. Then, instead of owning up to his obvious mistakes, Trump doubled down. He has spent the past month fighting the media at every turn, criticizing governors who oppose his ambitions to reopen the country, contradicting his own team and—perhaps most damaging of all—offering no reassurance to the American people that he might be the man for the immense task at hand.

But to pin the blame on one individual—even the most powerful individual in the country—is to misunderstand America’s form of government and ideals. Americans have never been shy about upholding the values of self-government and the distribution of powers that goes with it, and, despite the convenience of a simple scapegoat, it is hypocrisy to attribute the entirety of the blame to one facet of that government. Donald Trump does not and never has had total authority and therefore Donald Trump is not the source of all America’s problems in its mishandling of the virus outbreak. There was a shared responsibility that implicates state governments, local municipalities and various governmental organizations. All have varying levels of authority in operating the country and thus should share varying levels of accountability.

On 25 January, House Speaker Nancy Pelosi encouraged the people of San Francisco to go out and celebrate the Lunar New Year. A month later, only days before the national shutdown began, she toured Chinatown and commented, “That’s what we’re trying to do today is to say everything is fine here.” On 8 February, New York Health Commissioner Oxiris Barbot tweeted that people should go about their lives and “not change any plans due to misinformation spreading about #coronavirus.” And, as recently as 13 March, New York Mayor Bill de Blasio was telling New Yorkers to “go on about their lives.”

Perhaps the most egregious example of the hypocrisy on display is the treatment of New York Governor Andrew Cuomo. While many—myself included—have found solace in his leadership and daily press briefings, none of this should excuse the media from applying the same critical approach to Cuomo’s handling of the pandemic as they do to Trump’s. There have been relatively few questions asked of the Governor since he initially dismissed de Blasio’s call for a shelter-in-place policy for New York City, only to implement almost exactly what the mayor had asked for just days later. On Monday, 16 March, Cuomo said that he would not impose a requirement similar to San Francisco’s, which called for people to stay home and businesses to close, but, by Sunday 22 March, he had issued a statewide order doing just that. In both situations, Cuomo received praise for his decisiveness, and little criticism for the lag time that may have cost countless lives.

In an attempt to rebuke the president’s intrusion on his authority, Cuomo quoted Alexander Hamilton at a press briefing: “The state governments possess inherent advantages, which will ever give them an influence and ascendency over the national government, and will forever preclude the possibility of federal encroachments. That their liberties, indeed, can be subverted by the federal head, is repugnant to every rule of political calculation.” Cuomo argues that we should respect the power and responsibilities delegated to the states, while managing to steer clear of the scrutiny that should accompany those responsibilities.

When the time comes to hold our elected officials accountable, we should ask many of the same questions of our state leaders as we do of our president. Why weren’t you more prepared? Why didn’t you enact bolder policies in response to the first Covid-19 case on 1 March? Why was the severity of Covid-19 denied by various local and state officials? Why were the hospitals and nursing homes so woefully short of critical equipment and ventilators? And why did it take so long to get a viable and scalable testing program up and running?

This media double standard not only leads to the incorrect assignment of blame, but is dangerous because of the divisiveness it stokes amongst Americans. In the midst of a crisis, finger pointing just worsens the situation. Right now, our priorities should be to continue to flatten the curve, help our medical communities and keep people afloat financially, while starting to reopen businesses in places that have surpassed peak infection rates. The time will come for a post mortem and, when it does, it would be wise to remember that America is a country that distributes power and authority broadly—so, when things go wrong, blame and accountability should be widely distributed as well.

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