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Reconquista Internet: Neue Studie zeigt Wirksamkeit von Gegenrede im Netz

Reconquista Internet: Neue Studie zeigt Wirksamkeit von Gegenrede im Netz

Eine neue Studie deutet darauf hin, dass organisierte Gegenrede tatsächlich ein wirksames Mittel gegen Hass im Netz sein könnte. Wissenschaftler:innen aus dem Umfeld des Santa Fe Institute haben untersucht, wie sich Gegenrede in den sozialen Medien auf Hassrede auswirkt. Grundlage für die Erkennung von Hassrede und Gegenrede waren deutschsprachige Tweets aus den Netzwerken der rechten Trollarmee Reconquista Germanica sowie deren Gegenentwurf Reconquista Internet, der von Fernsehmoderator Jan Böhmermann initiiert wurde.

„Die Studie belegt erstmals empirisch, was wir mit ‚Reconquista Internet‘ praktisch erfahren haben: Wer organisierten Hass, rassistische Hetze oder die cleveren Diskursverschiebungskampagnen rechtsextremistischer Netzwerke im Internet erfolgreich bekämpfen will, muss wissen, wie diese verdeckten Manipulationsnetzwerke arbeiten, sie analysieren und gegen sie aktiv werden“, sagt Böhmermann netzpolitik.org.

Wirksamkeit von Gegenrede war bislang kaum erforscht

Der Informatiker Keyan Ghazi-Zahedi hat während seiner Zeit am Max-Planck-Institut in Leipzig an der Studie gearbeitet, gemeinsam mit vier Kolleg:innen aus den USA – unter ihnen auch eine Soziologin und sogar ein Epidemienforscher. Am Santa Fe Institute in New Mexico, an dem Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenkommen und vor allem sogenannte komplexe Systeme erkunden. „Unsere zentrale Frage war: Bringt Gegenrede im Internet etwas?“, sagt Ghazi-Zahedi.

Bis zu der Studie, die seit Anfang Juni als Preprint vorliegt, war dies kaum erforscht. Es habe hierzu schlichtweg keine groß angelegten Untersuchungen gegeben, schreiben die Forschenden.

Hassrede kann ein Algorithmus noch vergleichsweise leicht erkennen, womöglich schon anhand des verwendeten Schimpfwortvokabulars. Doch bei Gegenrede ist dies deutlich schwieriger. Die Datensätze, um eine KI wirksam trainieren zu können, hätten gefehlt. Dieses Problem wollen die Wissenschaftler:innen nun gelöst haben.

Fündig geworden sind sie dabei in Deutschland. „Neben organisierten rechten Troll-Gruppen gab es hier erstmals eine organisierte Gegenrede-Gruppe“, so Ghazi-Zahedi. Dies ermöglichte es den Wissenschaftler:innen, die Wechselbeziehung zwischen Hass- und Gegenrede zu erforschen.

Der rechte Mob bläst zum Trollsturm

Die Geschichte dieser der Studie zufolge einzigartigen Situation geht zurück bis in die Zeit vor der Bundestagswahl 2017. Damals bildete sich über den Chatanbieter Discord das rechte Netzwerk Reconquista Germanica. Angeführt von einem Mann, der sich Nikolai Alexander nannte und als „Oberbefehlshaber“ inszeniert hatte, organisierten Rechtsextremist:innen hier über Monate hinweg sogenannte Trollstürme.

In konzertierten Aktionen fluteten sie die sozialen Medien mit zum Teil menschenverachtender Propaganda, posteten massenhaft Kommentare voller Hass unter den YouTube-Videos politisch Andersdenkender. Einige Hashtags brachten sie in die Trending Topics auf Twitter, mitunter kaperten sie bereits bestehende mit ihren eigenen rassistischen Botschaften.

Reconquista Germanica ruft zu einer Kampagne gegen deinen ARD-Film auf (Februar 2018).
Reconquista Germanica ruft zu einer Kampagne gegen einen ARD-Film auf (Februar 2018). Alle Rechte vorbehalten Screenshot Daniel Laufer

Auch der Verfassungsschutz beschäftigte sich mit dem Netzwerk. Zeitweise verkehrten mindestens 300 Nutzer:innen auf dem Discord-Server, insgesamt sollen es mehrere Tausend gewesen sein. Weil Manipulation von Anfang an ein Teil der Strategie war, ist unklar, wie groß Reconquista Germanica wirklich war. Indem sie Sockenpuppen-Konten einsetzten, wollten die Rechtsextremist:innen gezielt den Anschein erwecken, die Gruppe sei viel größer als sie es war. Mehrfach löschte Discord ihren Server.

Die Zivilgesellschaft schlägt zurück

Im April 2018 rief der Fernsehmoderator Jan Böhmermann in seiner Sendung dann zu einer Art Gegenbewegung auf. Im „Neo Magazin Royale“ forderte er seine Zuschauer:innen dazu auf, dem neuen Discord-Server Reconquista Internet beizutreten. Genau wie Reconquista Germanica systematisch Hassrede verbreitet hatte, sollte sich dort nun der Widerstand bilden – in Form von organisierter Gegenrede in den sozialen Medien und zivilgesellschaftlichem Engagement.

Jan Böhmermann verkündet im Neo Magazin Royale den Start von Reconquista Internet (April 2018).
Jan Böhmermann verkündet im Neo Magazin Royale den Start von Reconquista Internet (April 2018). Alle Rechte vorbehalten Screenshot/ZDF

„Hass, Hetze und Diskursmanipulation sind die wichtigste und erfolgreichste Strategie rechtsradikaler Verfassungsfeinde“, sagt Böhmermann. „Ihre extremistischen Netzwerke im Internet sind gegenwärtig die größte Gefahr für unser friedliches Zusammenleben und die freiheitlich-demokratische Grundordnung – auch für unser nicht-digitales, echtes Leben.“

Schon nach wenigen Wochen tummelten sich bei Reconquista Internet mehr als 60.000 Mitglieder. Sie tauschten Hass-Postings aus und unterstützten die Betroffenen, indem sie ihnen öffentlich beisprangen.

„Wir wollten von Anfang an Vernunft ins Internet bringen und den Diskurs zivilisieren“, sagt Lorenz Schmidt. „Wenn Unrecht passiert, ist es wichtig, dass man einschreitet und etwas sagt.“ Lorenz Schmidt ist Teil eines nach eigenen Angaben etwa zehnköpfigen Kernteams und Administrator des Discord-Servers. Er heißt eigentlich anders, sein Name ist der Redaktion bekannt. Zu seinem Schutz schreiben wir ihn nicht.

„Gerade zu Beginn haben wir versucht, die Leute zu motivieren“, sagt Schmidt. Inzwischen hat das Engagement von Reconquista Internet in den sozialen Medien ihm zufolge jedoch nachgelassen, viele der Mitglieder sind nicht mehr auf dem Discord-Server aktiv. Stattdessen hätten sich einige kleinere Gruppierungen gefunden, die sich verselbstständig hätten, spezialisiert etwa auf Gegenrede auf Facebook, Twitter oder YouTube. „Reconquista Internet war der Funken, der diese Leute aktiviert hat“, sagt Schmidt.

Wie Reconquista Germanica hat auch Reconquista Internet Spuren im Netz hinterlassen. Den Wissenschaftler:innen hinter der neuen Studie ist es nun offenbar gelungen, diese zu erfassen und auszuwerten. Mehr als neun Millionen Tweets haben sie hierfür gesammelt.

Zwei Datensätze, um die KI-Erkennung zu trainieren

Etwa die Hälfte davon stammte von Konten, die im Zusammenhang standen mit der rechten Trollarmee Reconquista Germanica. Um sie zu erkennen, hielten die Forschenden Ausschau nach bestimmten Kennzeichen, zum Beispiel dem Emoji eines roten Kreuzchens, mit dem sich viele Rechte auf Twitter selbst markiert hatten.

Die übrigen Tweets stammten den Wissenschaftler:innen zufolge aus dem Umfeld von Reconquista Internet. Um die Konten dahinter zu identifizieren, analysierten sie das Netzwerk von rund hundert Nutzer:innen, deren Mitgliedschaft bei Reconquista Internet bekannt war. Die Funde filterten sie anschließend unter anderem nach für die Gruppe typischen Merkmalen in der Selbstbeschreibung auf Twitter.

Mit den beiden Datensätzen trainierten die Forschenden den Machine-Learning-Algorithmus ihres Erkennungssystems.

Was ist Hassrede? Was ist Gegenrede?

Nun mussten sie Wege finden, in der Vielzahl von Tweets Hass- und Gegenrede zu identifizieren.

Deshalb legten die Wissenschaftler:innen eine sogenannte Vertrauensschwelle fest: Nur wenn ihr System sozusagen überzeugt war, einen Tweet mittels einer sprachlichen Analyse als Hass- oder Gegenrede erkannt zu haben, sollte es diesen auch als solchen klassifizieren. Obwohl sich dies bei Gegenrede als deutlich schwerer herausgestellt habe, sagt Ghazi-Zahedi: „Unser KI-System hat gelernt, was typische Aussagen von Hass-Accounts oder von Gegenrede-Accounts sind.“

Um die antrainierten Fähigkeiten ihres KI-Systems zu überprüfen, rekrutierten die Forschenden über die Crowdworking-Plattform Mechanical Turk schließlich 55 Menschen. Mithilfe eines Tests des Goethe-Instituts stellten sie sicher, dass diese die deutsche Sprache gut genug verstanden.

Dann bewerteten die Testpersonen insgesamt 5.000 zufällig aus den Datensätzen ausgewählte Tweets, nach einer Skala von eins („mit hoher Wahrscheinlichkeit Gegenrede“) bis fünf („mit hoher Wahrscheinlichkeit Hassrede“). Neutrale Inhalte lagen in der Mitte der Skala.

Die Ergebnisse waren vielversprechend: Bei Hassrede stimmten die Bewertungen der Testpersonen den Forschenden zufolge nahezu perfekt mit denen der KI überein. Auch bei Gegenrede sei diese Übereinstimmung sehr stark gewesen. „Das zeigt, dass Gegenrede allgemein von Menschen und KI schwerer zu identifizieren ist. Wir glauben, dass könnte daran liegen, dass Gegenrede vielfältiger ist“, so Ghazi-Zahedi.

Mit dem Algorithmus 200.000 Konversationen untersucht

Als nächstes untersuchten die Wissenschaftler:innen, wie sich Hassrede und Gegenrede mit der Zeit verändert hatten. Hierzu erstellten sie einen dritten Datensatz und sammelten etwa 200.000 Konversationen aus den Jahren 2013 bis 2018, die unter den Tweets großer Konten entstanden waren, wie der Tagesschau, der Journalistin Nicole Diekmann oder der Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt. Allesamt waren sie bekannt dafür, Ziel von Hassrede geworden zu sein.

Die Wissenschaftler:innen ist es gelungen, Tweets innerhalb von Konversationen nach Hassrede (rot), Gegenrede (blau) und neutraler Rede (weiß) filtern.
Die Wissenschaftler:innen ist es gelungen, Tweets innerhalb von Konversationen nach Hassrede (rot), Gegenrede (blau) und neutraler Rede (weiß) filtern. Alle Rechte vorbehalten arXiv:2006.01974

Anhand der Bewertungen, die das KI-System den einzelnen Antworten gegeben hatte, errechneten sie das Verhältnis von Hass-, Gegen- und neutraler Rede.

In dem Zeitraum, als Reconquista Internet aktiv wurde, veränderten sich die Anteile von Hass- und Gegenrede.
In dem Zeitraum, als Reconquista Internet aktiv wurde, veränderten sich die Anteile von Hass- und Gegenrede. Alle Rechte vorbehalten arXiv:2006.01974

Die Ergebnisse zeigten, dass das Verhältnis von Gegenrede im April und Mai 2018 deutlich zunahm – also in der Zeit, in der Reconquista Internet gegründet worden war. Im Juli 2018 lag der Anteil von Gegenrede schließlich sogar über dem von Hassrede. „Wir können nicht sagen, dass das Erscheinen von Reconquista Internet das ausgelöst hat, weil wir keine Kausalität bewiesen haben“, sagt Keyan Ghazi-Zahedi.

Mit der Zunahme von Gegenrede wurde Hassrede weniger stark ausgeprägt.
Mit der Zunahme von Gegenrede wurde Hassrede weniger stark ausgeprägt. Alle Rechte vorbehalten arXiv:2006.01974

Zugleich stellten die Forschenden fest, dass sowohl Hass- als auch Gegenrede im Juli 2018 im Durchschnitt weniger stark ausgeprägt waren. Dies deute darauf hin, dass organisierte Gegenrede tatsächlich helfen kann, den polarisierten und hasserfüllten Diskurs im Netz auszugleichen.

Gegenrede führt zu zivilisiertem Diskurs

Die Studie geht auch der Frage nach, welchen Einfluss die Frequenz von Hass- oder Gegenrede auf den späteren Verlauf von Twitter-Konversationen haben. Hierzu untersuchten die Wissenschaftler:innen Twitter-Konversationen, in denen sie jeweils mehr als zehn Tweets mit Hass- und Gegenrede identifiziert hatten.

„Wir sehen, dass Hass mit dem Auftreten von Gegenrede abgenommen hat. Da gibt es einen Zusammenhang“, so Ghazi-Zahedi. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass auf Gegenrede häufiger neutrale Rede folgt als auf Hassrede. „Gegenrede ist anscheinend effektiver darin einen zivilisierten Diskurs herbeizuführen, wenn sie organisiert ist.“

Ghazi-Zahedi und seine Kolleg:innen hoffen nun, dass ihre Forschung dazu beitragen wird, die Dynamik hinter Hass- und Gegenrede besser zu verstehen. Womöglich könnte dann sogar die Zivilgesellschaft in den stark polarisierten USA vom Erfolg von Reconquista Internet lernen.

Neue Strategien für die Gegenrede im Netz

Den Wissenschaftler:innen liegen Datensätze vor, die Rückschlüsse darauf zulassen, welche Strategien gegen den Hass im Netz wann erfolgversprechend sind. So ließe sich wohl eine Art Leitfaden entwickeln. „Man könnte zum Beispiel zeigen, wann es Sinn ergibt, einzeln und mit Fakten zu argumentieren oder wann man besser zu zehnt dagegenhält und die Konfrontation sucht“, sagt Ghazi-Zahedi.

Auch ohne eine solche empirische Basis hat Reconquista Internet hierzu bereits Kenntnisse gesammelt. Lorenz Schmidt zufolge beschäftigte sich die Gruppe intensiv mit Argumentationsmustern und Manövern, um Hass im Netz zu begegnen. „Wichtig ist glaube ich, dass jeder erstmal nur das macht, was er sich selbst zutraut“, so Schmidt. „Es gibt natürlich auch Beiträge, bei denen ich empfehlen würde, sie dem Rechtsstaat zu überlassen und anzuzeigen.“

Aus diesem Grund konzentriert sich das ehrenamtliche Team hinter Reconquista Internet heute auf das Projekt „Hass melden“ – eine Plattform, über man strafrechtlich relevante Internetbeiträge zur Anzeige bringen kann. „Laute Gegenrede, Deplatforming in Kooperation mit den sozialen Netzwerken und die Zusammenarbeit mit Staatsanwaltschaft, Polizei und anderen zuständigen Behörden funktionieren“, sagt Jan Böhmermann. Bei Reconquista Internet ist er schon seit dem Sommer 2018 nicht mehr selbst aktiv, seine Rolle hat sich zu der eines Schirmherrn gewandelt.

Der Einfluss, den rechter Hass auf die Gesellschaft hat, ist indes nicht weniger gefährlich geworden. Eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov in Hessen ergab, dass Hassrede im Netz das Meinungsbild verzerren kann, indem sie viele Menschen davon abhält, ihre politische Meinung zu äußern. Extreme Ansichten des rechten Rands wirken verbreiteter als sie es tatsächlich sind, wenn sie unwidersprochen stehen bleiben.

Die neue Studie aus den USA hat nun offenbar die Wirksamkeit eines Gegengifts nachgewiesen.

Links der Woche, rechts der Welt 14/20

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Das Virus hat keinen Mythos

Schon die Pest war mehr als eine ansteckende Krankheit, wie Thomas Assheuer in der ZEIT feststellt. Auch das Corona-Virus wird von manchen als gerechte Geißel der Moderne und als deren Kur betrachtet. Das nämlich sei leichter, als sich in der Weltrisikogesellschaft um Haltung und Handlung zu bemühen. (29.03.20)

Der Zweck ist klar, die Mittel dunkel

„Von der Natürlichkeit des Zwecks darf nicht auf die Natürlichkeit der Mittel geschlossen werden“, schreibt Jonas Heller bei Telepolis in einem rechtsphilosophischen Aufsatz über die staatlich verordneten Infektionsschutzmaßnahmen, die nicht zum klassischen Ausnahmezustand passen und sich nicht von ihrem Zweck lösen dürfen. (01.04.20)

Bücher

Langsam schlägt sich der Stillstand des Verlagswesens im Feuilleton nieder: Kaum noch Rezensionen! Sebastian Ostritsch hat zum Hegel-Jahr noch eine Hegel-Biographie vorgelegt, die sich, glauben wir der FR, vor allem seinem dialektischen Denken widmet. +++ Auch die FAZ bespricht Zhao Tingyangs Abrechnung mit dem westlichen Universalismus und auch hier stößt die Idee einer „Tianxia“ nach antikem Vorbild auf Skepsis.

Bild und Ton

Rettung für Bingewatcher: Die SZ empfiehlt die dritte Staffel der technikphilosophischen Sci-Fi-Thriller-Serie „Westworld“.

Der Kollege Bernhard Horwatitsch nutzt das Home Office, um aus seiner Bude heraus Texte vorzulesen, darunter auch einige aus dem Lichtwolf. Über die in diesen Tagen unentbehrliche Fähigkeit zur Improvisation unterhalten sich Michael Rüsenberg und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5. Unter den Hohenzollern hätte es nicht solche Fallzahlen gegeben! Im DLF kommt heute die Lange Nacht über Preußen im Rheinland, morgen früh geht es bei Essay und Diskurs um Brasiliens Kulturpolitik unter Bolsonaro. und der allgemeine Stillstand ist eines der Themen bei Sein und Streit.

(Photo: alexstrachan, pixabay.com, CC0)

Die Unordnung der Dinge

Auch der studentische Arbeitsmarkt ist krisenbedingt zusammengebrochen, wie der Tagesspiegel an einigen Beispielen verdeutlicht. +++ Judith Schalansky denkt in der SZ über die traurige Ironie nach, dass Covid-19 vermutlich vom Schuppentier auf den Menschen übergesprungen ist, der es bis an den Rand der Ausrottung getrieben hat. +++ Alexander Unzicker schätzt alternative Medien wie KenFM, macht aber bei Telepolis seinem Ärger über deren wirre und gefährliche Ansichten zur Pandemie Luft. +++ „Auf makabere Weise bestätigt Corona alle Vorurteile der autoritären Rechten“, schreibt Philipp Hübl in der ZEIT, wo er sich mit dem faschistischen Ekel beschäftigt. +++ Otfried Höffe stellt in der NZZ sieben Thesen zum demokratieschonenden Umgang mit der Pandemie auf. +++ Extreme Ungleichheit macht Kooperation unmöglich, wie sich in einem spieltheoretischen Experiment zeigt, über das Spektrum berichtet. +++ Daniela Dröscher denkt in der ZEIT über Empathie in der Krise nach. +++ Ohne Optimismus geht es nicht: Die SZ hat sich bei einigen Fachleuten umgehört, wie die Menschen durch die Corona-Krise kommen.

Trotz Philosophie

Als allgemeine Linkempfehlung für dürftige Tage: Im spendenfinanzierten Portal Aeon gibt es jede Woche schöne Essays (manche mit Vorlesefunktion!) aus und über Philosophie und andere Gebiete. +++ Auch Alain Finkielkraut hat „Die Pest“ von Camus wieder gelesen und kritisiert Agamben und Sloterdijk scharf für ihre Skepsis gegenüber den politischen Maßnahmen zum Infektionsschutz, wie in der FAZ zu lesen ist. +++ In der Glotze kam wieder „Der Medicus“ und die zahlreichen Erwähnungen des Aristoteles darin haben die FR ganz nervös gemacht. +++ Nach wie vor lieferbar als Heft und E-Book: Der produktionsbedingt coronafreie Lichtwolf Nr. 69 zum Thema „Über“.

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Technologie des Weiter-so

Beim Klimaschutz setzt die Politik lieber auf technologische Innovation statt schmerzhafte Einschnitte. Isabell Schrickel schaut beim Freitag, was es mit dem Management von Sonneneinstrahlung und dem Abschöpfen von CO2 aus der Atmosphäre auf sich hat – und warum das nicht hilft, sondern eher schadet. (24.03.20)

Was bleibt von der Umarmung?

Gesa Lindemann zieht in der ZEIT eine erste Bilanz über Gewinner und Verlierer der Corona-Krise: Sie nützt dem Klima, den Nationalismen und IT-Konzernen, während der Einzelhandel, die EU und das allgemeine Grundvertrauen darunter leiden – vielleicht auf Dauer. (24.03.20)

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Der Wissenschaftsphilosoph Alfred Nordmann nimmt den gegenwärtigen Kampf gegen die Pandemie als Realexperiment und schaut in der ZEIT, was wir seit der Spanischen Grippe an Bewältigungsstrategien dazugewonnen haben und nun noch dazugewinnen werden. (25.03.20)

Biodiversität rettet Leben

Die Corona-Krise ist auch eine Folge unseres Umgangs mit dem Planeten: Im Spektrum-Interview erklären die Ökologen Josef Settele und Joachim Spangenberg, woher das Virus stammt und warum Artenvielfalt und geschützte Biotope die beste Prävention gegen die nächste Pandemie sind. (25.03.20)

Katastrophen bringen reiche Frucht

Nicht die Finanzkrise 2008, sondern die Systemkrise der 1970er hilft beim Verständnis des bevorstehenden Kollapses, nach dem nichts mehr so laufen wird wie zuvor, so schreibt William Davies im Freitag. Er blickt auch auf andere krisenhafte Einschnitte, denen ein Aufbau des Besseren folgte. (27.03.20)

Jedes Leben ist Leidensgeschichte

Peter Trawny denkt in der ZEIT über die Passion nach, mit der sich das Christentum besonders gut auskennt, die aber auch von Aristoteles bis Adorno Thema der Philosophie war. So lehren uns Leid und Schmerz einiges und verleihen dem davon geprägten Leben einen Sinn – oder ist das Pathos nur tiefsinnige Reklame für die bestehenden Verhältnisse? (27.03.20)

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Bücher

Litt Hölderlin gar nicht unter einer Geisteskrankheit, sondern unter zeitgemäßer „Psychotherapie“? Dafür argumentieren Uwe Gonther und Jann E. Schlimme in ihrem Buch, das die taz vorstellt. +++ Michael Hampes „Die Wildnis Die Seele Das Nichts“ lässt sich keinem Genre zuordnen und wirft auf diese Weise einen eigentümlichen Blick auf „das wirkliche Leben“, wie der Tagesspiegel findet. +++ Heroisierung sei eine patriarchale Herrschaftstechnologie, so der Schluss von Ulrich Bröcklings „Postheroische Helden“, das die SZ empfiehlt und auch bei Glanz & Elend ausführlich und lobend besprochen wird. +++ Zoran Terzić hat ein Buch über Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten geschrieben und die Rezension in der taz klingt sehr vielversprechend. +++ Der Hellenismus als Öffnung von Orient und Okzident füreinander hat eine Globalgeschichte verdient, die Angelos Chaniotis vorgelegt hat und von der WELT rezensiert wird. +++ Ziemlich ermüdend findet die taz Thomas Pikettys auf 1.300 Seiten ausgewalzten Datenbrei über die weltweite soziale Ungleichheit.

Radio

Der Schuhmacher als Mystiker: Im DLF kommt heute Abend die Lange Nacht über Jacob Böhme. Leserinnen der Lichtwolf-Essays von Osman Hajjar sind mit dem geistigen Reichtum von „1.001 Nacht“ vertraut und haben letzte Woche bei Essay und Diskurs viel von Dalila Zouaoui-Beckers Radioessay über das Verhältnis der Märchensammlung zum Koran gehabt. Morgen denkt ebd. Timo Rieg über die Eigentumsreligion und den Grundbesitz nach. Bei Sein und Streit geht es u.a. um die Lage der Flüchtlinge in Griechenland und an den EU-Außengrenzen. Marco Wahr und Jürgen Wiebicke sprechen im Philosophischen Radio des WDR 5 darüber, wie sich Ausgangsperren auf Körper und Geist auswirken.

Die Unordnung der Dinge

Es braucht keinen Lagerkoller, um zu fragen, ob Kontaktverbote verhältnis- oder verfassungsmäßig sind, und Peter Nowak wundert sich bei Telepolis, warum gerade Linke den Notstand höchstens ironisieren. +++ Der Politologe Reinhard Mehring warnt im FR-Interview vor einer langfristigen Beschädigung der demokratischen Kultur durch Notstandsrhetorik. +++ Auch Herfried Münkler warnt in einem SPIEGEL-Interview vor autoritären Gelüsten, die in Krisenzeiten erwachen, und Telepolis glaubt nicht, dass Europa davor gefeit ist, zur ökologischen Hygienediktatur zu werden. +++ Vielleicht verhilft die Krise auch dem bedingungslosen Grundeinkommen zum Durchbruch – das hofft jedenfalls die Aktivistin Adrienne Goehler im FR-Interview. +++ Aus Sorge um die Wirtschaft fordert so mancher – FDP-Lindner, Boris Palmer und Bundesphilosoph Nida-Rümelin etwa – lieber nur die Alten und Kranken zu isolieren, wie ebenfalls in der FR steht. Auch Markus Gabriel denkt in der NZZ über die moralische Rechtfertigung einer allgemeinen Kontaktsperre nach. +++ Geld oder Leben: Die verschiedenen Auswege aus dem Shutdown erörtert der Wirtschaftsetiker Thomas Beschorner im ZEIT-Interview.

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Im April startet das Sommersemester und FU-Präsident Günter M. Ziegler beschreibt im Tagesspiegel, warum krisenbedingt mehr Digitalisierung, Kreativität, Engagement und Phantasie gefragt sind als sonst. +++ Die pandemiebedingte Reduktion von Sozialkontakten kann für Leute mit psychischen Problemen besonders belastend sein. Der Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg gibt im Spektrum-Interview Auskunft. +++ Hamsterkäufe sind selbsterfüllende Prophezeiungen und ziemlich (a)sozial, also Gegenstand von Ökonomie und Soziologie. Die FAZ stellt zwei klassische Texte zum Thema vor. +++ Der Freitag erinnert an die Spanische Grippe, die vor gut 100 Jahren um die globalisierte Welt zog und bis heute erkennbare Spuren hinterließ. +++ Haben die Geisteswissenschaften mit ihrem postmodernen Relativismus die heutige Faktenüberdrüssigkeit befördert? Erhard Schüttpelz argumentiert in der FAZ für das Gegenteil. +++ Heute Nacht werden die Uhren um eine Stunde vorgestellt und zur Erinnerung gibt es bei Spektrum eine kleine Geschichte der Zeitumstellung.

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