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Deplatforming: Warum Trumps Accountsperrungen richtig und hochproblematisch sind

Deplatforming: Warum Trumps Accountsperrungen richtig und hochproblematisch sind

Twitter und viele andere Plattformen haben dem reichweitenstärksten Hassprediger der Welt nach der Stürmung des Kapitols in Washington den Saft abgedreht. Donald Trump verlor nicht nur seine Konten auf Twitter und Facebook, sondern sogar seinen E-Mailprovider, seinen Merchandise-Shop und seinen Snapchat-Account. Apple, Google und Amazon folgten und zerschlugen mit ihrer Marktmacht auch gleich die mögliche Exil-Plattform Parler, bevor ein von Trump angeführter Exodus dorthin stattfinden konnte.

Die Sichtbarkeit einschränken

Deplatforming nennt sich diese Praxis, Menschen ihre Bühne im Netz zu nehmen und sie ist ein wirksames Instrument, um Accounts weniger sichtbar für den Mainstream zu machen und die digitalen Berührungspunkte in der Gesellschaft zu verkleinern. Unerwünschte Akteure werden auf kleinere, radikalere, schwerer zugängliche Plattformen verdrängt, wo es zudem schwerer für sie wird Geld mit den Inhalten zu verdienen. Es bilden sich Paria-Netzwerke, in denen diese Akteure unter sich bleiben.

Aus demokratischer Sicht mag es wünschenswert sein, wenn diejenigen, welche die Demokratie beseitigen wollen, dieses Schicksal ereilt. Wenn sie in die Schmuddelecken des Internets verdrängt werden. Wohlmeinend könnte man sagen, dass hier Unternehmen ihre politische Verantwortung wahrnehmen, um die Demokratie vor ihren Feind:innen zu schützen.

In den Händen weniger Konzerne

Doch so einfach ist es nicht: Deplatforming ist ein problematisches Mittel, weil es die Macht über die Meinungsfreiheit in die Hände einiger weniger einflussreicher Konzerne legt.

Oder wie Evelyn Douek in The Atlantic formuliert: „Eine winzige Gruppe von Leuten im Silicon Valley definiert den modernen Diskurs und etabliert eine Grauzone, in der angeblich die Regeln irgendwo zwischen demokratischer Regierungsführung und Journalismus liegen, aber sie tun es spontan und auf eine Weise, die ihnen passt.“ Sie sind „Herrscher über das digitale Herrschaftsinstrument des Präsidenten“, schreibt Caroline Fetscher im Tagesspiegel.

Problematisches Mittel

Nun sind die Account-Sperrungen gegen Trump und Teile seiner Unterstützer:innen beileibe nicht die ersten Fälle von Deplatforming. Es handelt sich bei der Sperrung von Trump deshalb nicht um einen Präzedenzfall und auch auch nicht um die größte Löschwelle überhaupt, wie US-Konservative behaupten. In den letzten Jahren löschte Twitter mehr als eine Million mutmaßliche ISIS-Accounts ohne jegliche Transparenz. Zahlreiche Accounts aus dem rechtsradikal-verschwörungsideologischen Lager ereilte das selbe Schicksal in den letzten Monaten. Im vergangenen Sommer sperrten verschiedene Plattformen unzählige rechtsradikale Influencer.

Seit Jahren werden also Accounts auf Plattformen gesperrt, auch jene von Politiker:innen. Dies geschieht oftmals nach Gutsherrenart und ohne Begründung gegenüber den Betroffenen. Diese haben bislang wenig Chancen sich gegen solche Entscheidungen zu wehren, wenn sie keinen Sturm des Protestes und Medienberichterstattung generieren können, welche die Plattformen zum Umdenken zwingt.

Es gibt weder etablierte Beschwerdemechanismen oder noch eine neutrale Schlichtung solcher Sperrungen, die ja immer auch fehlerhaft sein können. Insbesondere, wenn Algorithmen und nicht Menschen über den Fortbestand von Accounts entscheiden.

Konzernentscheidungen zur Sperrung von Accounts sind von der Öffentlichkeit unkontrolliert. Sie werden umso problematischer, je größer, wichtiger und damit unverzichtbarer eine Plattform oder ein Service für die Kommunikation ist.

Erst jetzt gehandelt

Im Kapitalismus tun Konzerne, was ihnen politisch opportun erscheint. Im Regelfall kooperiert der Plattformkapitalismus mit jeder Regierung mächtiger Staaten, schreibt Christian Bartels im Altpapier.

Dass Trump erst von Facebook und Twitter rausgeworfen wurde, nachdem die Republikaner ihre Mehrheit und er selbst seine Macht als Präsident verloren hatte, ist nicht von der Hand zu weisen. Es gibt zahlreiche Tweets von Trump, die schon vor Jahren gegen die Community-Richtlinien Twitters verstoßen haben, arbeitet Simon Hurtz auf sueddeutsche.de heraus. Doch stattdessen räumte man dem Präsidenten Sonderrechte ein. Gehandelt wurde erst jetzt.

Problematisch ist Deplatforming auch, wenn wirtschaftliche Entscheidungen hinter den Maßnahmen stehen könnten. Wer sagt, dass Apple, Google und Amazon keine Eigeninteressen verfolgen, wenn sie eine möglicherweise aufstrebende Plattform wie Parler innerhalb von Tagen aus dem Netz drängen? Ben Wizner von der US-Bürgerrechtsorganisation ACLU kritisierte in der New York Times die Maßnahmen gegen Parler als problematisch. Im Gegensatz zu den Accountsperrungen auf den sozialen Netzwerken handele es sich im Fall von App Stores und Clouddiensten um Infrastruktur des Internets – hierbei sei Neutralität wichtig.

Privater oder öffentlicher Raum?

Man könnte auch wie Angela Merkel kritisieren, dass die Meinungsfreiheit als elementares Grundrecht nur durch den Gesetzgeber und nicht nach Maßgabe von Unternehmen eingeschränkt werden dürfe. Wobei eben gerade in Deutschland mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) Mechanismen geschaffen wurden, welche eine Entscheidung über die Gesetzmäßigkeit einer Meinungsäußerung bislang in die Hände eben jener kritisierten Konzerne legten. Und würde Merkels Kritik nicht bedeuten, dass Plattformen mit monopolartiger Marktmacht nicht mehr als private, sondern als öffentliche Räume definiert werden müssten?

Marcel Weiß geht bei Neunetz davon aus, dass Regierungen in Zukunft den Plattformen per Gesetz verbieten werden, ihre Accounts anzurühren. Regierungen weltweit würden sicherstellen wollen, dass US-Unternehmen nicht in ihre Regierungskommunikation eingreifen. Weiß ist sich sicher: „Es steht diesen CEOs nicht zu, zu entscheiden, ab welcher überschrittenen Linie ein Staatsoberhaupt nicht mehr auf den dominierenden Plätzen der vernetzten Öffentlichkeit partizipieren darf.“

Patrick Beuth beim Spiegel hingegen fordert das Gegenteil: Eine Gleichbehandlung von Politiker:innen mit einfachen Nutzer:innen.

Mehr Regulierung

In der EU sieht Binnenmarktkommissar Thierry Breton die Stürmung des Kapitols als 9/11 der sozialen Netzwerke. Eine Zäsur also, die eine Wende bei der Regulierung der Plattformen bringen wird. Diese könnten ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nun nicht mehr leugnen. Mit der dauerhaften Sperrung des persönlichen Twitter-Accounts von US-Präsident Donald Trump werde dies nun endlich anerkannt, schrieb Breton in einem Gastbeitrag.

Die Europäische Union will mit dem Digitale-Dienste-Gesetz die Praktiken von Plattformen für die Content-Moderation stärken und zugleich die Grundrechte in den internen Prozessen der Firmen wahren. Allerdings macht die EU auch weiterhin nicht direkt Moderationsregeln, sondern setzt auf Co-Regulierung: Plattformen sollen eigene Regeln machen und sich zu deren nicht-diskriminierender Durchsetzung verpflichten.

Ein Aspekt des EU-Gesetzesvorhabens könnte für Deplatforming große Folgen haben: Als grundrechtliche Sicherungsmaßnahme sieht der Kommissionsvorschlag einen verpflichtenden Beschwerdemechanismus für Nutzer:innen vor, deren Inhalte oder Konten entfernt wurden. Für Entscheidungen über solche Beschwerden könnte ein eigenes, quasi-justizielles Gremium geschaffen werden, an das sich jemand wie Donald Trump dann wenden könnte.

Deplatforming löst keine gesellschaftlichen Probleme

Fraglich ist natürlich auch, ob ein Deplatforming ausreicht, um antidemokratische und menschenfeindliche Ideologien zu bekämpfen. Kein Rassist wird durch ein Deplatforming zum Demokraten. Vielleicht führt die Maßnahme sogar zu einer Radikalisierung der Betroffenen, weil Gegenrede auf den Nischenplattformen vollkommen wegfällt

Ungeklärt sind auch Fragen von zielgerichteter politischer Werbung und die Rolle von Algorithmen, die honorieren, wie viel Interaktion, Empörung und Aufenthaltsdauer ein Inhalt generiert – und damit zur Verbreitung und Verstärkung rechtspopulistischer, verschwörungsideologischer und antidemokratischer Inhalte beitragen.

Was das Deplatforming angeht, steht es Demokratien nicht gut zu Gesicht, dass eine kleine Gruppe von Unternehmenschefs Entscheidungen solcher Tragweite trifft. Selbst, wenn das Ergebnis richtig ist für die Demokratie.

Stürmung des US-Kapitols: Internet-Hetze mit Konsequenzen

Stürmung des US-Kapitols: Internet-Hetze mit Konsequenzen

„Nichts wird uns stoppen….sie können es versuchen und versuchen und versuchen, aber der Sturm ist hier und er steigt auf D.C. herab in weniger als 24 Stunden….Dunkelheit zu Licht!“ Das schrieb Ashli Babbit kürzlich auf Twitter. Einen Tag später war die Veteranin der US-Luftwaffe tot. Es sollte ihr letztes digitales Lebenszeichen bleiben.

Sie war eine unter jenen, die in die US-Hauptstadt Washington gekommen waren, um den Noch-Präsidenten und Wahlverlierer Donald Trump im Kongress zu unterstützen – erst mit einer Demonstration, später mit der Stürmung des Capitols. Es waren noch nie dagewesene Szenen, ein blutiger Putschversuch im Parlament der mächtigsten Demokratie der Welt.

Ausgestattet mit roten MAGA-Kappen, Flaggen mit Aufdrucken der Konföderation, QAnon oder „Blue Lives Matter“, besetzten Trump-Anhänger für mehrere Stunden den US-Kongress, ohne auf nennenswerten Widerstand der Polizei zu stoßen. Die Welt schaute staunend zu, in unzähligen Livestreams im Internet, in sozialen Medien, in Tickern von Nachrichtenagenturen.

Gewalt vorprogrammiert

Von der Gewalt überrascht waren bestenfalls opportunistische Handlanger Trumps im Kongress wie die Senatoren Josh Hawley oder Ted Cruz. Sie halfen tatkräftig dabei mit, die Geister zu rufen, die nun Worte in Taten verwandelten. Wider besseres Wissen hielten sie die eigentlich rein formale Abstimmung auf, die den Wahlsieg von Joe Biden bestätigen sollte.

Dessen demokratisch errungenen Triumph über Trump will die konservative Hälfte in den USA schlicht nicht akzeptieren. Um die Macht einer zunehmend schwindenden weißen Bevölkerungsmehrheit zu sichern, scheint jedes Mittel recht zu sein.

Dabei hatte es sich seit langem abgezeichnet, dass die Chancen einer friedlichen Machtübergabe, ein elementarer Bestandteil jeder Demokratie, verschwindend gering war. Nicht erst seit gestern verbreitet Trump in seinem Twitter-Feed, in Fernsehauftritten oder Pressemitteilungen ungehindert gefährliche Verschwörungstheorien. Doch seit seiner Wahlniederlage beschleunigte sich die hetzerische und offen anti-demokratische Rhetorik.

In seinem Telefonat mit dem Wahlleiter des Bundesstaats Georgia etwa, das jüngst öffentlich wurde, ging Trump eine wirre Verschwörungsthese aus dem Internet nach der anderen durch. Eine Stunde lang setzte der Noch-Präsident Wahlleiter Bradford Raffensperger unter Druck und verlangte von ihm, doch endlich genug Wahlzettel zu finden, um ihm zum Sieg im bislang tiefroten Bundesstaat zu verhelfen.

Informationsdiät voller Verschwörungsthesen

Das Gespräch zeigte gut auf, in welchem Informations-Ökosystem sich der US-Präsident aufhält. Völlig losgelöst von jeglicher Realität haben er und sein Umfeld ein Paralleluniversum erschaffen, in dem sie stets die Opfer sind, umgeben und angeblich unterdrückt von finsteren Mächten – dem „Deep State“, Big-Tech, Philanthropen wie George Soros.

Der Twitter-Feed der im Capitol erschossenen Ashli Babbit, eines von vier Todesopfern, könnte auch von Trump stammen oder von einer seiner Anwält:innen wie Lin Wood oder Sidney Powell. Die selbsternannte Patriotin aus San Diego verbreitete Nachrichten von Michael Flynn weiter, dem ersten und nur wenige Wochen nach Amtsantritt entlassenen Sicherheitsberater Trumps. Prominente rechte Aktivist:innen wie Jack Posobiec finden sich dort, Donald Trump Junior, anonyme Nutzer:innen mit grünem Frosch-Avatar.

Viele der Retweets verweisen auf die QAnon-Verschwörungserzählung, die ohne Beleg einer weltumspannenden Elite systematischen Kindesmissbrauch vorwirft. Verbunden mit antisemitischen, antifeministischen und rassistischen Thesen hat die Bewegung schon lange den Untergrund schummriger Internet-Ecken wie 8kun verlassen. Q-Symbole finden sich auf Corona-Demonstrationen in Berlin, Spuren davon auch in Videos des rechtsextremen Mörders von Hanau.

Blaupause aus Michigan

Plattformen wie Facebook und Twitter haben sich inzwischen dazu durchgerungen, die virale Verbreitung dieser kruden Thesen einzudämmen. Doch es könnte zu spät sein, den Geist in die Flasche zurückzuzwingen. Auch haben die Plattformen bislang viel zu wenig unternommen, um andere, offensichtlich gefährliche Umtriebe auf ihren Diensten zu unterbinden.

Als etwa im Oktober rechte Bürgermilizen in Michigan die Entführung der Gouverneurin Gretchen Whitmer planten, nutzten sie dafür die von Facebook zur Verfügung gestellte Infrastruktur. Als Blaupause für die aktuellen Vorfälle in Washington lässt sich auch die Besetzung des Regierungsgebäudes im nördlichen Bundesstaat sehen.

Im Mai zogen dort rechte „Patriot:innen“ mit Waffen in das Gebäude ein, sie verlangten einen Stopp demokratisch legitimierter Anti-Corona-Maßnahmen. „LIBERATE MICHIGAN“ twitterte damals Donald Trump, ohne Rücksicht auf mögliche Folgen. Praktisch ungestraft zogen die Besetzer davon, aus ihrem Umfeld stammten die späteren Möchtegern-Entführer.

Deplatforming problematisch, aber notwendig

Mit einer Sperre auf einzelnen oder gar allen Plattformen ist es freilich nicht getan. Das lässt sich technisch kaum umsetzen, zudem ist solches Gedankengut zu tief in unseren Gesellschaften verankert. „Die Löschung eines Posts oder eines Accounts wird weder die Meinung von Menschen ändern, noch Gewalttaten oder Radikalisierung per se verhindern“, schreiben etwa Maik Fielitz und Karolin Schwarz in einer aktuellen Studie zu sogenanntem Deplatforming, also dem Entzug des virtuellen Megaphons für Hetzer.

„Und doch hat der Umgang von Plattformen mit rechtsextremen Akteuren einen großen Einfluss auf die Erfolgsbedingungen ihrer Politik und die Verbreitung antidemokratischer Propaganda“, schreiben die beiden weiter. Da solche Akteure inzwischen eigene soziale Netzwerke wie Gab oder Parler aufbauen, auf denen sie keinen Löschstift fürchten müssen, verlagere sich der Blick perspektivisch auf eine andere Ebene.

Im Visier stehen nun grundlegendere Infrastrukturen, etwa der DDoS-Schutzanbieter Cloudflare. Dieser ist aktuell etwa vor das früher bei Reddit gehostete TheDonald-Forum geschaltet, um Angriffe abzuwehren. Dort tauschen sich Hardcore-Trump-Fans aus, unter anderem dort wurde die gestrige Demonstration in Washington organisiert.

Privatisierte Rechtsdurchsetzung oder zivilgesellschaftlicher Druck?

Bei solchen Dienstleistern müsse man ansetzen, schreiben Fielitz und Schwarz – was gleichzeitig das Dilemma der aktuellen Situation aufzeige: „Denn je mehr solche Entscheidungen von Firmen getroffen werden, desto mehr entzieht sich der Konflikt seiner öffentlichen Dimension.“

Wenn private Firmen allein über den demokratische Diskurs entscheiden, dann ist das offenkundig problematisch – selbst wenn Politiker wie Trump dieses Feld längst verlassen haben. „Deplatforming bedarf einer demokratischen Legitimation“, heißt es in der Studie. „Denn trotz aller Probleme erweist sich das Deplatforming als wehrhaftes Instrument gegen Rechtsextremismus und Verschwörungsideologien“.

Twitter droht mit Account-Suspendierung

So lange wollte Twitter nicht warten – schon allein, weil nicht klar ist, wo die demokratische Legitimation herkommen soll, wenn der Präsident selbst die Demokratie untergräbt. Nachdem Trump gestern Abend mehrere Tweets in die Welt gesetzt hat, die die Lage eher angeheizt als beruhigt haben, sperrte der Anbieter den Account zunächst für zwölf Stunden.

„Als Resultat der beispiellosen und fortdauernden gewaltätigen Situation in Washington bestehen wir auf die Löschung dreier Tweets von @realDonaldTrump für ihren wiederholten und ernsthaften Verstoß gegen unsere Sicherheitsregeln“, begründete die Plattform ihr Einschreiten. Mit einer ähnlichen Formulierung löschte auch Facebook ein Video des Präsidenten.

Twitter könnte aber noch weiter gehen: Sollte Trump nach einer Aufhebung der Sperre weiter hetzen, werde sein Account dauerhaft suspendiert, warnt die Lieblingsplattform Trumps. Gut möglich, dass er bald auf eine Nischenplattform umziehen muss. Der Überlebenskampf der US-Demokratie wird weitergehen, so viel steht fest.

Links der Woche, rechts der Welt 46/20

Links der Woche, rechts der Welt 46/20

Lautes Nachdenken gestern und heute

Der erste Lockdown hat noch Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt, der zweite ist nur noch in „Corona-Fatigue“ erstarrt, wie Olivia Mitscherlich-Schönherr in der FR kommentiert und dazu rät, den Mut zum Neuanfang nicht an die Sehnsucht nach der alten Normalität zu verraten.

Launisch kommentiert die SZ, dass Psychologen das Urteil von Kierkegaard und Fromm bestätigen, wonach Langeweile die Wurzel allen Übels ist. In der taz wiederum ist zu lesen, dass die Corona-Krise bestätigt, was Kierkegaard und Heidegger über den Schwindel der Angst (und Freiheit zur Eigentlichkeit, vgl. LW71) schrieben. Darüber, was die Philosophie beitragen kann, um die Klimakatastrophe wieder aus dem Schatten der Pandemie hervorzuholen, unterhalten sich Bernward Gesang und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5.

Georg Simmel und Max Weber haben jemanden Trump schon vor 100 Jahren kommen sehen, schreibt Thomas Assheuer in der ZEIT. Denn sie wussten, was die kapitalistische Gesellschaft mit Anstand, Tradition und Moral macht, während sie die niedersten Instinkte des Menschen befeuert. Wenn dann noch eine militante Postmoderne dazu kommt, haben wir den Salat.

In der FAZ gratuliert Dietmar Dath zunächst mit kontrafaktischen Überlegungen zur US-Wahl Saul Kripke zum 80. Geburtstag, weil der das Mögliche und Notwendige in die Wunderwelt der Logik gebracht hat.

Der Historiker Axel Schildt ist über seinem Opus Magnum „Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik“ verstorben, doch die nun erschienenen 900 Seiten geben dem Tagesspiegel einen guten Eindruck, wie alte Kader im Feuilleton mit Heidegger, Adorno und Habermas umgingen.

Interessante Frauen

Der Freitag portraitiert Kahina Bahloul, die sich zur ersten Imamin Frankreichs erklärt hat und einen Islam vertritt, der Differenzen (und Karikaturen) auszuhalten versteht. Ute Gahlings wiederum betreibt eine Philosophische Praxis und die taz stellt ihre buchstäblich sinngebende Arbeit in Stichworten vor. Die neue, kurze und kritische Hannah-Arendt-Biographie von Richard J. Bernsteins wird kurz in der SZ rezensiert.

Die Infragestellung tradierter Familienbilder macht den Feminismus für Konservative verdächtig, kommt sie in Gestalt des kybernetischen Kommunismus von Shulamith Firestone daher, bricht blanke Panik aus. Johannes Clessienne stellt das Konzept bei Telepolis vor, das vor 50 Jahren formuliert wurde und aktueller denn je ist.

(Photo: Free-Photos, pixabay.com, CC0)

Nix darf man

Sozialwissenschaftler haben untersucht, wie es um die Haltung zur Meinungsfreiheit bei (linken) Frankfurter Studis bestellt ist, und die FAZ ist einigermaßen entsetzt über die Ergebnisse. Im SZ-Interview sprechen die Studienleiter Matthias Revers und Richard Traunmüller über die (Selbst-)Zensur, die ihre Untersuchung zu Tage gefördert hat, doch Nils Erich erinnert in der ZEIT daran, dass es an der Universität um Urteile und nicht um Meinungen geht.

Kunst und Künstlichkeit

Minoritär werden: Der Tierarzt Charles Foster hat wochenlang mit seinem 15-jährigen Sohn auf allen Vieren im Wald gelebt, um sich Fuchs und Dachs hineinzuversetzen. Und das ZEIT-Interview mit den beiden macht richtig Lust, es ihnen nachzutun.

Kunst ist Kunst, weil sie Kunst über etwas ist. Das hat Marc Hieronimus in LW69 erklärt und die WELT macht es noch einmal und kürzer und aufgeregter, wenn sie Arthur Dantos Gedankenexperiment zur Unterscheidung von Kunst und Nichtkunst vorstellt.

Wenigstens einige Ausstellungen dürfen noch geöffnet bleiben. Dass die Modeausstellung im New Yorker Metropolitan Museum keine Banalität ist, erklärt uns Sarah Pines: Anhand von Klamotten verschiedener Perioden wird hier nach der Zeit und der Dauer gefragt. Der Verein Berliner Künstler zeigt in seinen Galerieräumen eine Ausstellung zum Thema Tod, in der sich die FAZ umgesehen hat.

Apropos Kunst: Da auf Deep Learning basierende Künstliche Intelligenzen eine Blackbox sind, ist schwer zu sagen, ob und welche Vorurteile über die Welt sie sich angewöhnen. Die SZ schreibt über den aufstrebenden Trend der Psychoanalyse für KIs.

Donald Trump and The Imbalance of COVID-19 Accountability

Donald Trump and The Imbalance of COVID-19 Accountability

On the very day that the media rightly slammed President Trump for his claims to “Total Authority,” many in the press continued their now month-long run of stories condemning him as the primary source of the perceived mishandling of Covid-19. David Frum, for example, argues that,

The utter unpreparedness of the United States for a pandemic is Trump’s fault … The refusal of red-state governors to act promptly, the failure to close Florida and Gulf Coast beaches until late March? That fault is more widely shared, but again, responsibility rests with Trump: He could have stopped it, and he did not.

While these arguments may be sound, such critics can’t have it both ways. If Donald Trump bears sole responsibility for Covid-19 unpreparedness, since he alone could have stopped the pandemic, then to date he has enjoyed a monarch-like authority. Either the president had such authority and thus deserves total blame, or he didn’t.

Donald Trump is far from innocent. The president was warned about the potential for a pandemic long before the virus reached US shores, but internal divisions, lack of planning and his relentless focus on economic output and on winning an election in November led to a delayed and thoughtless response. Then, instead of owning up to his obvious mistakes, Trump doubled down. He has spent the past month fighting the media at every turn, criticizing governors who oppose his ambitions to reopen the country, contradicting his own team and—perhaps most damaging of all—offering no reassurance to the American people that he might be the man for the immense task at hand.

But to pin the blame on one individual—even the most powerful individual in the country—is to misunderstand America’s form of government and ideals. Americans have never been shy about upholding the values of self-government and the distribution of powers that goes with it, and, despite the convenience of a simple scapegoat, it is hypocrisy to attribute the entirety of the blame to one facet of that government. Donald Trump does not and never has had total authority and therefore Donald Trump is not the source of all America’s problems in its mishandling of the virus outbreak. There was a shared responsibility that implicates state governments, local municipalities and various governmental organizations. All have varying levels of authority in operating the country and thus should share varying levels of accountability.

On 25 January, House Speaker Nancy Pelosi encouraged the people of San Francisco to go out and celebrate the Lunar New Year. A month later, only days before the national shutdown began, she toured Chinatown and commented, “That’s what we’re trying to do today is to say everything is fine here.” On 8 February, New York Health Commissioner Oxiris Barbot tweeted that people should go about their lives and “not change any plans due to misinformation spreading about #coronavirus.” And, as recently as 13 March, New York Mayor Bill de Blasio was telling New Yorkers to “go on about their lives.”

Perhaps the most egregious example of the hypocrisy on display is the treatment of New York Governor Andrew Cuomo. While many—myself included—have found solace in his leadership and daily press briefings, none of this should excuse the media from applying the same critical approach to Cuomo’s handling of the pandemic as they do to Trump’s. There have been relatively few questions asked of the Governor since he initially dismissed de Blasio’s call for a shelter-in-place policy for New York City, only to implement almost exactly what the mayor had asked for just days later. On Monday, 16 March, Cuomo said that he would not impose a requirement similar to San Francisco’s, which called for people to stay home and businesses to close, but, by Sunday 22 March, he had issued a statewide order doing just that. In both situations, Cuomo received praise for his decisiveness, and little criticism for the lag time that may have cost countless lives.

In an attempt to rebuke the president’s intrusion on his authority, Cuomo quoted Alexander Hamilton at a press briefing: “The state governments possess inherent advantages, which will ever give them an influence and ascendency over the national government, and will forever preclude the possibility of federal encroachments. That their liberties, indeed, can be subverted by the federal head, is repugnant to every rule of political calculation.” Cuomo argues that we should respect the power and responsibilities delegated to the states, while managing to steer clear of the scrutiny that should accompany those responsibilities.

When the time comes to hold our elected officials accountable, we should ask many of the same questions of our state leaders as we do of our president. Why weren’t you more prepared? Why didn’t you enact bolder policies in response to the first Covid-19 case on 1 March? Why was the severity of Covid-19 denied by various local and state officials? Why were the hospitals and nursing homes so woefully short of critical equipment and ventilators? And why did it take so long to get a viable and scalable testing program up and running?

This media double standard not only leads to the incorrect assignment of blame, but is dangerous because of the divisiveness it stokes amongst Americans. In the midst of a crisis, finger pointing just worsens the situation. Right now, our priorities should be to continue to flatten the curve, help our medical communities and keep people afloat financially, while starting to reopen businesses in places that have surpassed peak infection rates. The time will come for a post mortem and, when it does, it would be wise to remember that America is a country that distributes power and authority broadly—so, when things go wrong, blame and accountability should be widely distributed as well.

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