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Flucht als politische Handlungsform

Flucht als politische Handlungsform

Europa steckt – nach wie vor – in der „Flücht­lings­krise“ fest. Seit dem Sommer 2015 gelangten Menschen aus Syrien, dem Irak, aus Eritrea und Afgha­ni­stan auf lebens­ge­fähr­li­chen Flucht­wegen nach Europa. In der Bundes­re­pu­blik wurden eine Million „Flücht­linge“ zunächst mit Gast­freund­schaft will­kommen geheißen. Nach der Silves­ter­nacht 2015, als im Kölner Haupt­bahnhof junge Männer aus nord­afri­ka­ni­schen und arabi­schen Herkunfts­ge­sell­schaften Sexu­al­de­likte begangen hatten, kippte die Stim­mung. Jetzt kamen Ressen­ti­ments aus der Deckung. Die „Gäste“ hatten, stell­ver­tre­tend für alle anderen, so schien es, den Pakt der Gast­freund­schaft gebro­chen und wurden als Bedro­hung für die libe­rale Gesell­schaft wahr­ge­nommen. Rechts­ex­treme Parteien und Gewalt­täter schlugen daraus Kapital. Der Histo­riker Joachim C. Häberlen hat auf die beiden „Erzäh­lungen“ von der helfenden Zivil­ge­sell­schaft einer­seits und der bedrohten Demo­kratie ande­rer­seits hinge­wiesen und ange­merkt, dass es beiden Erzäh­lungen an histo­ri­scher Tiefe mangelt: Das betrifft vor allem das uner­hörte poli­ti­sche Enga­ge­ment der Geflo­henen in den Demo­kra­tie­be­we­gungen Tune­siens, Ägyp­tens, Libyens, im Jemen und in Syrien. Die Revo­lu­tion in Syrien wurde und wird mit einer verhee­renden Folter-, Kriegs- und Gewalt­dy­namik zunichte gemacht, vor der Millionen Syrer*innen bis heute fliehen. Über ihre poli­ti­schen Lebens­ge­schichten und Demo­kra­tie­vi­sionen ist in Europa wenig bekannt. Sie hätten jedoch, so Häberlen, das Zeug, die Stereo­typen vom hilfs­be­dürf­tigen Flücht­ling oder demo­kra­tie­aversen Fremden zu erschüt­tern, womög­lich auch dazu, einer vertagten Demo­kra­tie­de­batte zwischen dem Nahen Osten und dem Westen Vorschub zu leisten. Das gilt zumal für ein diffe­ren­ziertes Wissen um den poli­ti­schen Kontext der Flucht, der zu einem neuen Verständnis von Flucht als einer Form poli­ti­schen Handelns führen könnte.

Flucht als Wider­stand

Nicht zufällig wird Flucht als wider­stän­dige Praxis der Selbst­be­freiung in der poli­ti­schen Philo­so­phie bis heute ausge­spart. Der hete­ro­doxe Wirt­schafts­wis­sen­schaftler Albert O. Hirschman, der als Sozia­list jüdi­scher Herkunft kurz nach der Macht­er­grei­fung der NSDAP im April 1933 aus Deutsch­land floh, hat in den 1970er Jahren Reak­ti­ons­weisen von Kunden und Orga­ni­sa­ti­ons­mit­glie­dern unter­sucht, die kraft der Prak­tiken Exit oder Voice ihre Unzu­frie­den­heit mit dem Leis­tungs­ab­fall eines Unter­neh­mens oder einer Orga­ni­sa­tion zum Ausdruck bringen. Das lässt sich auch und gerade poli­tisch verstehen: Ausge­hend von einem ordi­nary language-Befund geht es in einem histo­ri­schen Perspek­tiv­wechsel um die Wieder­ge­win­nung der poli­ti­schen Rele­vanz der Flucht. In der Hoch­phase des euro­päi­schen Menschen­ka­pi­ta­lismus (1450-1850) gehörten Flucht­prak­tiken zum zentralen Wider­stand gegen die Gewal­t­räume der Verskla­vung.

Das Wort „Flucht“ hat in unseren Brei­ten­graden keinen guten Ruf. Wer flieht, der tritt den Rückzug vor einer über­mächtig erschei­nenden Realität an, anstatt für die eigene Sache einzu­stehen. Wer es mit den realen Heraus­for­de­rungen nicht aufnehmen kann, tritt die Flucht z.B. ins Gaming, ins Porning, in die Droge an. Die „Flucht in die Krank­heit“ steht sympto­ma­tisch dafür, sich der Ausein­an­der­set­zung mit seinen psychi­schen Konflikten zu entziehen. Wer flieht, hat sich disso­zi­iert. Auch wenn er körper­lich an Ort und Stelle bleibt, mit seinen Gedanken, Erre­gungen und Phan­ta­sien, ist er ganz woan­ders, nicht mehr ansprechbar. Flucht ist eine Zeit­praxis der Abwe­sen­heit und eine Raum­praxis des Verschwin­dens: Soldaten, die vom Schlacht­feld flohen, anstatt in ihren eigenen Tod vorzu­laufen, hat man seit jeher Feig­heit nach­ge­sagt. Deser­ta­tion wurde seit der Aufstel­lung von stehenden Heeren mit harten Körper­strafen geahndet. Flucht bedeutet, so die gängige Über­zeu­gung, sich der Verant­wor­tung zu entziehen, einge­gan­genen Verpflich­tungen genauso wie schul­digem Gehorsam. Die Raum­codes der Diszi­pli­nar­an­stalten – Kaserne, Schule, Fabrik, Hospital, Gefängnis – weisen jedem Körper seinen Posten, sein Pult, seinen Platz, seine Zelle zu. Diese Loka­li­sie­rung, die die Vielen zu indi­vi­dua­li­sieren, zu synchro­ni­sieren und zu verwalten hilft, soll Flucht und Herum­schweifen genauso verhin­dern wie Zusam­men­bal­lung. Michel Foucault wusste das genau. Die Undis­zi­pli­nier­baren, die unter der Last der Befehle nicht zusam­men­zu­bre­chen wollten, aber über keine poli­ti­sche Stimme verfügten, konnten nur abhauen und mit wach­sender räum­li­cher Entfer­nung eine unge­si­cherte Frei­heit suchen.

Flucht als Praxis der Selbst­be­freiung und humaner Resis­tenz

Das galt umso mehr für die Gewal­t­räume des slaving, für die trunks und barr­a­coons an den afri­ka­ni­schen Küsten, für die Forts auf den vorge­la­gerten atlan­ti­schen Inseln, für die Skla­ven­schiffe auf der middle passage, für die Skla­ven­märkte und Plan­tagen in den Kolo­nien. Auf den Skla­ven­schiffen aller skla­ven­han­delnden euro­päi­schen Nationen wurde die „mensch­liche Ware“ gera­dezu „gesta­pelt“, so dass den Versklavten keine einzige unge­hin­derte Bewe­gung möglich war. Die schwim­menden Gefäng­nis­räume der Mari­ne­ar­chi­tektur, die den trikon­ti­nen­talen Handel und die Skla­ven­fahrten über die Ozeane ermög­lichten, stellten für die versklavten Menschen mit wach­sender Entfer­nung von ihren Herkunfts­ge­sell­schaften Orte eska­lie­render Rück­kehr­lo­sig­keit dar. Und doch waren sie durch­zogen von „Flucht­li­nien“ der Selbst­be­freiung und humaner Resis­tenz. Wohin konnte man fliehen, mitten auf dem Ozean? Gewalt bedeutet, Menschen auf bloße Körper, auf Ware, auf Sexob­jekte zu redu­zieren, sie „als Eigentum einzu­schreiben“ (Michael Zeuske), sie ihres Namens, Selbst­be­sitzes und ihrer Selbst­zu­ge­hö­rig­keit, ihrer Familie und Verwandt­schaft, ihrer Sprache und Kultur, ihres Besitzes und ihrer Erbschaft zu berauben. Gewalt bedeutet, sie zu verstüm­meln, zu foltern, noch über ihren Tod hinaus.

Lade­raum eines briti­schen Skla­ven­schiffs (1788), Quelle: Wiki­media

Wo es Gewalt gibt, gibt es Wider­stand und Gegen­ge­walt. Menschen lassen sich nicht restlos und wider­standslos auf bloße Körper redu­zieren. Michael Zeuske macht für die Revo­lu­ti­ons­zeit von 1760 bis 1850 eine „gigan­ti­sche, bisher kaum reflek­tierte, mari­time, ozea­ni­sche Dimen­sionen“ geltend – „revo­lu­tion at sea“. Neben Schiffs­re­volten arti­ku­lierten die Mund­toten ihren Wider­stand mit body poli­tics der Flucht wie Hunger­streik und Suizid. Von briti­schen Skla­ven­schiffen wird berichtet, dass die männ­li­chen Gefan­genen unter Trommel- und Peit­schen­schlag auf dem Deck täglich zum dancing and singing in Eisen­ketten gezwungen wurden, um sie in Form zu halten und die Mann­schaft zu unter­halten. Die Versklavten kaperten den slaveship dance: Verdre­hungen des Körpers und Verren­kungen der Glied­maßen stellten Angst und Schmerz dar; Codes des Schwei­gens, der versie­gelten Lippen und der stummen Trom­meln alter­nierten mit Kreisch­lauten der Trauer. Plötz­li­ches In-die Hände-Klatschen, Stampfen mit den Füßen sowie Auf- und Nieder­springen evozierten im Kontrast mit lang­samem Schwanken und Schlurfen der Füße Flucht­mög­lich­keiten. Sklavenschiff-Tänze vari­ierten Erfah­rungen von Leid und Demü­ti­gung, sie erweckten Ener­gien und riefen zu wider­stän­digen Hand­lungen auf: Der Tanz war „eine Erpro­bung von allen mögli­chen Formen der Flucht,“ wie Geneviève Fabe betont. Flucht war eine Körper­po­litik der voices of the voiceless: Suizide und Hunger­streiks, die als poli­ti­sche Widerstands- und Flucht­prak­tiken des Sich-Undienlichmachens in den Gewal­t­räumen des slaving erfunden worden sind, wurden mit drako­ni­scher Zwangs­er­näh­rung und terro­ris­ti­scher Gewalt verfolgt. Aus der Perspek­tive der Versklavten zogen sie „Flucht­li­nien“ zu den Vorfahren und verhießen eine spiri­tu­elle Trans­mi­gra­tion: Flying back to Africa. Die Kraft des Flie­gens wurde nur den in Afrika Gebo­renen zuge­spro­chen, wie die Flying Songs und Flying Talesto Africa bezeugen.

Runaway Slaves und Marro­nage

In vielen Inter­views, die durch das Federal Writers‘ Project im Rahmen des New Deal seit den 1930er Jahren mit Afroamerikaner*innen geführten wurden, die noch als Kinder in die Skla­verei geboren worden waren, finden sich Hinweise auf die afro-amerikanische Gegen­kultur der Flying Songs und Flying Tales to Africa, ferner Erzäh­lungen über alle mögli­chen Formen der Flucht: näch­te­langes Tanzen, heim­liche Treffen, Feste, Besuche auf Nach­bar­plan­tagen und die solcher­maßen wirk­same Weige­rung, sich auf bloße Arbeits­kräfte und sexuell miss­brauchte Körper redu­zieren zu lassen. Inso­fern runaway slaves von den Eigen­tü­mern als stealing them­selves bezeichnet wurden, ironi­sierten die Versklavten ihre Flucht­prak­tiken als stealing away, worauf Saidiya Hartman hinweist.

Harriet Tubman, eine Ikone der Wider­stands­be­we­gung, die 1849 aus der Skla­verei floh und sich danach als Flucht­hel­ferin enga­gierte. Quelle: Wiki­media

Auch die afro-karibische Gegen­kultur mit ihren „radi­kalen Narra­tionen“ des Black Atlantic, als welche Alan Rice die Flying Songs und Flying Tales to Africa bezeichnet hat, war verknüpft mit allen mögli­chen Formen episodi­scher und dauer­hafter Flucht. Sie bildeten ein Gefüge wider­stän­diger und revo­lu­tio­närer Prak­tiken im Zeichen einer poli­tisch umge­wer­teten Marro­nage.

1847 erläu­terte der Skla­ver­ei­gegner Victor Schoel­cher die rassis­ti­sche Zoologie der Skla­ven­halter, die nicht zuletzt darauf gerichtet war, Flucht als poli­ti­sche Hand­lungs­form zu diskre­di­tieren: „Marroon nennt man den Sklaven, der die Flucht ergreift. Das Wort kommt ohne Zweifel von den Spaniern, welche den flüch­tigen Sklaven cimmarron nennen. Ursprüng­lich gebrauchten sie diesen Ausdruck von Haust­hieren, welche wild wurden, wenn irgendein Zufall sie aus der Umge­bung der Menschen entfernte, und deshalb haben sie wohl auch ihre Neger so genannt.“

In der fran­zö­si­schen Karibik unter­schieden Skla­ven­halter in ihren Betriebs­in­ven­taren zwischen petit marro­nage und grand marro­nage. Dem König­reich Palmares, das bereits 1605 in den Hügeln von Serra da Barriga im Nord­osten Brasi­liens von Maroons, frei­ge­bo­renen Afri­ka­nern und Einhei­mi­schen, gegründet wurde und bis 1694 Bestand hatte, wurde auf dem Höhe­punkt seiner Macht­ent­fal­tung nach­ge­sagt, 20.000 bis 30.000 Mitglieder stark gewesen zu sein. Mit der Zunahme des trans­at­lan­ti­schen Skla­ven­han­dels im 17. Jahr­hun­dert nahmen auch die Maroon Socie­ties in Süd- und Zentral­ame­rika, in Brasi­lien und Kolum­bien sowie auf den Kari­bi­schen Inseln an Zahl und Größe zu. Die aus dem Nichts im unweg­samen Hinter­land entstan­denen Flucht­sied­lungen wurden als „Wund­brand“ mit kolonial-militärischer und „diszi­pli­närer“ Gewalt erbit­tert bekämpft. Auf einmo­na­tige Abwe­sen­heit stand Auspeit­schung und Brand­zei­chen, auf längere Abwe­sen­heit: das Durch­trennen der Achil­les­sehne, die Ampu­ta­tion eines Beines und im Wieder­ho­lungs­fall die Todes­strafe.

Maroon bands über­fielen Plan­tagen, um sich mit den notwen­digen Dingen zu versorgen und um weitere Versklavte zu befreien. Die Exis­tenz der Flucht­sied­lungen stellte die Insti­tu­tion der Skla­verei ganz konkret in Frage und stärkte den Rebellions- und Revo­lu­ti­ons­willen der Versklavten. Verhießen sie doch im Falle des Schei­terns einen Rück­zugsort für die Aufstän­di­schen, so die Einschät­zung des Schweizer Histo­ri­kers Albert Wirz. Die Mikro­po­litik der Flucht war revo­lu­tionär und konnte ihrer­seits zu revo­lu­tio­närer Makro­po­litik führen, wie Neil Roberts mit Blick auf die Haitia­ni­sche Revo­lu­tion betont. Im August 1791 begann im Norden der Halb­insel der erste Aufstand und leitete einen revo­lu­tio­nären Prozess ein, der 1804 zur Grün­dung des ersten unab­hän­gigen schwarzen Natio­nal­staates Haiti führte. Nicht zufällig hatten Haitia­ni­sche Revo­lu­tio­näre wie Milscent de Musset, Boukman, Jean-François Papillon, Georges Biassou oder Jeannot erfolg­reich Maroon bands komman­diert.

Poli­ti­sche Philo­so­phie und moderne Marro­nage

Edmund Burkes „Reflec­tions on the Revo­lu­tion in France“ sind im November 1790 erschienen, ein Jahr nach der Fran­zö­si­schen, ein Jahr vor der Haitia­ni­schen Revo­lu­tion. Die fran­zö­si­schen Jako­biner, so Burke, hätten sich nicht anders verhalten als eine „gang of Maroon slaves, suddenly broke loose from the house of bondage.“

Die rassis­ti­sche Zoologie der Skla­ven­halter und der poli­ti­schen Philo­so­phie der Neuzeit war zwei­fellos darauf bedacht, die poli­ti­schen Verbin­dungs­li­nien zwischen Flucht, Wider­stand und Revolutionär-Werden zu kappen. Für Kolo­ni­al­phi­lo­so­phen wie Thomas Hobbes, John Locke, Jean-Jacques Rous­seau, Imma­nuel Kant oder David Hume mit ihren Konzepten der Skla­verei und einer halbierten poli­ti­schen Mündig­keit war Flucht als poli­ti­sche Hand­lungs­form riskanter Selbst­be­freiung nicht nur unge­dacht, sondern undenkbar. Das Unge­dachte wirkt sympto­ma­tisch bis in die Gegen­wart nach und bestimmt noch unser entpo­li­ti­sie­rendes Denken der Flucht.

Flucht als Zeit­praxis der Abwe­sen­heit, die die kolo­nialen Gewal­t­räume der Verskla­vung selbst in die Flucht schlug, Flucht als Raum­praxis, die Gewal­t­räume durch Entzug schwächte, Flucht als body poli­tics der voices of the voiceless bildeten ein Ensemble poli­ti­scher Flucht­be­we­gungen der Selbst­be­freiung ohne Rück­kehr, aber auch ohne gesi­cherte Ankunft und gesetz­lich verbürgter Frei­heit.

Gilles Deleuze und Félix Guattari gehören zu den raren euro­päi­schen Denkern, die den „Flucht­li­nien“ in Bezug auf das lite­ra­ri­sche Schreiben und als revo­lu­tio­näre Praxis gefolgt sind. Neil Roberts hat die Marro­nage als poli­ti­sches Konzept der Frei­heit im Zeit­alter der Revo­lu­tionen unter­sucht und Frei­heit in Begriffen der Marro­nage gedacht. Albert O. Hirschman verdanken wir mit Exit und Voice die Aufmerk­sam­keit für zwei zentrale Hand­lungs­formen des Protests. Flucht kann eine poli­ti­sche Arti­ku­la­ti­ons­form des Wider­stands und eine Hand­lungs­form der Selbst­be­freiung sein. Hier können das heutige poli­ti­sche Denken und die oral history mit Flucht­ge­sprä­chen anknüpfen, um des poli­ti­schen Hand­lungs­sinns der Flucht in der Gegen­wart inne zu werden. Das 21. Jahr­hun­dert ist ein Zeit­alter der Flucht, wenn nicht gar moderner Formen der Marro­nage mit digi­talen poli­ti­schen Verlaut­ba­rungs­weisen und neuen wider­stän­digen Fluch­ter­zäh­lungen.

Links der Woche, rechts der Welt 13/20

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Technologie des Weiter-so

Beim Klimaschutz setzt die Politik lieber auf technologische Innovation statt schmerzhafte Einschnitte. Isabell Schrickel schaut beim Freitag, was es mit dem Management von Sonneneinstrahlung und dem Abschöpfen von CO2 aus der Atmosphäre auf sich hat – und warum das nicht hilft, sondern eher schadet. (24.03.20)

Was bleibt von der Umarmung?

Gesa Lindemann zieht in der ZEIT eine erste Bilanz über Gewinner und Verlierer der Corona-Krise: Sie nützt dem Klima, den Nationalismen und IT-Konzernen, während der Einzelhandel, die EU und das allgemeine Grundvertrauen darunter leiden – vielleicht auf Dauer. (24.03.20)

Was der Idiotenspiegel uns lehrt

Der Wissenschaftsphilosoph Alfred Nordmann nimmt den gegenwärtigen Kampf gegen die Pandemie als Realexperiment und schaut in der ZEIT, was wir seit der Spanischen Grippe an Bewältigungsstrategien dazugewonnen haben und nun noch dazugewinnen werden. (25.03.20)

Biodiversität rettet Leben

Die Corona-Krise ist auch eine Folge unseres Umgangs mit dem Planeten: Im Spektrum-Interview erklären die Ökologen Josef Settele und Joachim Spangenberg, woher das Virus stammt und warum Artenvielfalt und geschützte Biotope die beste Prävention gegen die nächste Pandemie sind. (25.03.20)

Katastrophen bringen reiche Frucht

Nicht die Finanzkrise 2008, sondern die Systemkrise der 1970er hilft beim Verständnis des bevorstehenden Kollapses, nach dem nichts mehr so laufen wird wie zuvor, so schreibt William Davies im Freitag. Er blickt auch auf andere krisenhafte Einschnitte, denen ein Aufbau des Besseren folgte. (27.03.20)

Jedes Leben ist Leidensgeschichte

Peter Trawny denkt in der ZEIT über die Passion nach, mit der sich das Christentum besonders gut auskennt, die aber auch von Aristoteles bis Adorno Thema der Philosophie war. So lehren uns Leid und Schmerz einiges und verleihen dem davon geprägten Leben einen Sinn – oder ist das Pathos nur tiefsinnige Reklame für die bestehenden Verhältnisse? (27.03.20)

(Photo: ulukasczyk, pixabay.com, CC0)

Bücher

Litt Hölderlin gar nicht unter einer Geisteskrankheit, sondern unter zeitgemäßer „Psychotherapie“? Dafür argumentieren Uwe Gonther und Jann E. Schlimme in ihrem Buch, das die taz vorstellt. +++ Michael Hampes „Die Wildnis Die Seele Das Nichts“ lässt sich keinem Genre zuordnen und wirft auf diese Weise einen eigentümlichen Blick auf „das wirkliche Leben“, wie der Tagesspiegel findet. +++ Heroisierung sei eine patriarchale Herrschaftstechnologie, so der Schluss von Ulrich Bröcklings „Postheroische Helden“, das die SZ empfiehlt und auch bei Glanz & Elend ausführlich und lobend besprochen wird. +++ Zoran Terzić hat ein Buch über Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten geschrieben und die Rezension in der taz klingt sehr vielversprechend. +++ Der Hellenismus als Öffnung von Orient und Okzident füreinander hat eine Globalgeschichte verdient, die Angelos Chaniotis vorgelegt hat und von der WELT rezensiert wird. +++ Ziemlich ermüdend findet die taz Thomas Pikettys auf 1.300 Seiten ausgewalzten Datenbrei über die weltweite soziale Ungleichheit.

Radio

Der Schuhmacher als Mystiker: Im DLF kommt heute Abend die Lange Nacht über Jacob Böhme. Leserinnen der Lichtwolf-Essays von Osman Hajjar sind mit dem geistigen Reichtum von „1.001 Nacht“ vertraut und haben letzte Woche bei Essay und Diskurs viel von Dalila Zouaoui-Beckers Radioessay über das Verhältnis der Märchensammlung zum Koran gehabt. Morgen denkt ebd. Timo Rieg über die Eigentumsreligion und den Grundbesitz nach. Bei Sein und Streit geht es u.a. um die Lage der Flüchtlinge in Griechenland und an den EU-Außengrenzen. Marco Wahr und Jürgen Wiebicke sprechen im Philosophischen Radio des WDR 5 darüber, wie sich Ausgangsperren auf Körper und Geist auswirken.

Die Unordnung der Dinge

Es braucht keinen Lagerkoller, um zu fragen, ob Kontaktverbote verhältnis- oder verfassungsmäßig sind, und Peter Nowak wundert sich bei Telepolis, warum gerade Linke den Notstand höchstens ironisieren. +++ Der Politologe Reinhard Mehring warnt im FR-Interview vor einer langfristigen Beschädigung der demokratischen Kultur durch Notstandsrhetorik. +++ Auch Herfried Münkler warnt in einem SPIEGEL-Interview vor autoritären Gelüsten, die in Krisenzeiten erwachen, und Telepolis glaubt nicht, dass Europa davor gefeit ist, zur ökologischen Hygienediktatur zu werden. +++ Vielleicht verhilft die Krise auch dem bedingungslosen Grundeinkommen zum Durchbruch – das hofft jedenfalls die Aktivistin Adrienne Goehler im FR-Interview. +++ Aus Sorge um die Wirtschaft fordert so mancher – FDP-Lindner, Boris Palmer und Bundesphilosoph Nida-Rümelin etwa – lieber nur die Alten und Kranken zu isolieren, wie ebenfalls in der FR steht. Auch Markus Gabriel denkt in der NZZ über die moralische Rechtfertigung einer allgemeinen Kontaktsperre nach. +++ Geld oder Leben: Die verschiedenen Auswege aus dem Shutdown erörtert der Wirtschaftsetiker Thomas Beschorner im ZEIT-Interview.

Berichte aus der Akademie

Im April startet das Sommersemester und FU-Präsident Günter M. Ziegler beschreibt im Tagesspiegel, warum krisenbedingt mehr Digitalisierung, Kreativität, Engagement und Phantasie gefragt sind als sonst. +++ Die pandemiebedingte Reduktion von Sozialkontakten kann für Leute mit psychischen Problemen besonders belastend sein. Der Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg gibt im Spektrum-Interview Auskunft. +++ Hamsterkäufe sind selbsterfüllende Prophezeiungen und ziemlich (a)sozial, also Gegenstand von Ökonomie und Soziologie. Die FAZ stellt zwei klassische Texte zum Thema vor. +++ Der Freitag erinnert an die Spanische Grippe, die vor gut 100 Jahren um die globalisierte Welt zog und bis heute erkennbare Spuren hinterließ. +++ Haben die Geisteswissenschaften mit ihrem postmodernen Relativismus die heutige Faktenüberdrüssigkeit befördert? Erhard Schüttpelz argumentiert in der FAZ für das Gegenteil. +++ Heute Nacht werden die Uhren um eine Stunde vorgestellt und zur Erinnerung gibt es bei Spektrum eine kleine Geschichte der Zeitumstellung.

Trotz Philosophie

Jens Kastner kann nicht zum Sterne-Konzert und denkt in der taz mit Agamben und Foucault über den Ausnahmezustand nach, während Tilman Allert in der FAZ ein geradezu barockes Lebensgefühl in der sich ausbreitenden Stille ausmacht und der Tagesspiegel in der Krise zum Nachdenken über den Hedonismus und das glückende Leben aufruft. +++ Eremiten haben es gut, sie kennen die Quarantäne, so lesen wir im Tagesspiegel, der auf die Einsiedelei in Geschichte und Gegenwart blickt. +++ Abenteuer Zuhause: Die FAZ erinnert an Xavier de Maistre, der nach 42-tägiger Zwangsisolation „Die Reise um mein Zimmer“ verfasste – ein Buch, das auch die SZ für die Quarantäne empfiehlt. +++ Die SZ unterhält sich außerdem mit dem Witzsoziologen Jörg Räwel über Humor in Krisenzeiten und das Scherzen um des Scherzens willen. +++ Walter Benjamins 20-seitiges Exposé „Paris, Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“ wird im Standard vorgestellt. +++ Es gibt einen neuen Lichtwolf – auch als E-Book.