KoolKill

Digitalisierung im Alter: Wie alte Menschen sich im Lockdown vernetzen

Digitalisierung im Alter: Wie alte Menschen sich im Lockdown vernetzen

Theaterbühnen wandern in Live-Streams, Sportvereine nach draußen, Konferenzen in die Cloud. In diesem Jahr mussten wir unser soziales Miteinander distanzgerecht umdenken und oft ins Digitale verlegen. Nicht alles davon klappte auf Anhieb, am Anfang wurde das soziale Leben vor allem reduziert und viele litten unter der aufkommenden Einsamkeit.

Insbesondere viele ältere Menschen waren plötzlich isoliert. Immer mehr Senior:innen gingen ins Netz, um miteinander in Kontakt zu bleiben, auf den Bildschirmen erhellte das Lachen bekannter und neuer Gesichter das Alleinsein. Die Pandemie katapultierte eine Entwicklung nach vorn, die schon lange in Bewegung war.

So trafen sich im November rund vierzig Senior:innen zu einem Zoom-Treffen. Über die Videokonferenz-App veranstaltet der Verein „Wege aus der Einsamkeit“ seit März zwei Mal wöchentlich die „Übungsrunde Smartphone/Tablet“. Hier tauschen sich „Strickeule“, „Honigbiene“ und andere über Kamerafunktionen, neu entdeckte Apps oder Fragen aus. Aber diesmal war etwas komisch, die Senior:innen kannten einige der Namen nicht. Als dann der Username „Hitler“ auftauchte, war die Situation klar: Jemand wollte das Meeting crashen.

Aber die Senior:innen waren vorbereitet. „Erst alle rausschmeißen, dann das Meeting verlassen“, erklärt Dagmar Hirche, die 63-jährige Gründerin des Hamburger Vereins: „Ich habe die Senioren von Anfang an geschult, dass das passieren kann.“

Beim sogenannten Zoombombing suchen Trolle im Internet nach offenen Videokonferenzen, um dann etwa eine Präsentation zu kapern und mit meist rechtsradikalen oder pornographischen Inhalten zu schockieren. Seit Dagmar Hirche zu Beginn der Corona-Maßnahmen das Programm ihres Vereins digitalisieren musste, hatte sie sich regelmäßig über die damit verbundenen Risiken informiert. Aus Gründen des Datenschutzes hatte sie ihren Mitgliedern auch geraten, sich nur mit Vor- oder Spitznamen in Zoom einzuloggen.

Von Unmut oder Berührungsängsten mit neuen Technologien ist bei ihr und ihren Vereinsmitgliedern keine Spur zu sehen. Nachdem die unerwünschten Gäste aus dem Meeting entfernt und neue Zugangsdaten per Mail an alle Teilnehmer:innen verschickt worden waren, lachten sie herzlich über die Absurdität der Situation: „Was es für Spinner gibt“. Ein Spektakel, das sich vor 2020 niemand hätte ausmalen können.

„Alter hat ein Imageproblem“

Dagmar Hirche hat ihren Verein Wege aus der Einsamkeit (WadE) 2007 gegründet, um aktiv Einsamkeit im Alter zu bekämpfen. Es hätte viel Angebot über alte Menschen, aber wenig mit ihnen gegeben. Das wollte sie ändern. Mit Flashmobs, Silent Discos, Speeddating und Partys erreichte der Verein schnell ein großes Publikum, gewann einige Preise und Hirche wurde plötzlich zu einer kleinen Berühmtheit.

Die Geschäftsführerin einer Unternehmensberatung wollte den Erfolg nutzen, um alten Menschen die Teilhabe an der digitalen Welt zu ermöglichen und gleichzeitig deren Image zu verbessern. Mit dem Projekt „Wir versilbern das Netz“ hat WadE seit 2014 über 7.000 Senior:innen im Umgang mit Tablets und Smartphones geschult. „Wenn man mit Spaß an die Sache rangeht, gibt es bei den Leuten überhaupt keine Scheu“, erzählt Hirche. „Es liegt an uns, das mit Begeisterung zu machen. Es wird viel gelacht.“

Die Auseinandersetzung mit digitalen Technologien ist jedoch längst mehr als reiner Zeitvertreib. Viele Informationen sind heutzutage nur noch oder vorwiegend im Internet verfügbar, von Sprechstundenzeiten der Arztpraxis um die Ecke bis zum eigenen Kontostand. Wer nicht digital angebunden ist, hat es oft schwer.

Digitale Teilhabe im Alter

Die digitale Teilhabe im Alter ist schon länger auch ein politisches Thema. Im kürzlich erschienen achten Altersbericht, den das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) regelmäßig herausgibt, ist Digitalisierung das zentrale Thema. Im Teilbericht „Ältere Menschen und Digitalisierung“ heißt es: „Einen Zugang zum Internet zu haben, digitale Technologien zu nutzen und kompetent damit umgehen zu können, ist heute in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens eine wesentliche Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe.“

Grafik mit Statistiken zu Internetzugang nach Alter
Auszug aus der Studie „Internetzugang und Internetnutzung in der zweiten


Lebenshälfte“ CC-BY-NC-SA 2.0 Oliver Huxhold, Katrin Otte

Grundvoraussetzung dafür ist die Infrastruktur: Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen haben knapp 90 Prozent der 60- bis 66-Jährigen Zugang zum Internet. Dieser Anteil schrumpft stark, je älter die Befragten sind. Bei 73 bis 78-jährigen sind es nur noch 64 Prozent, danach weniger als die Hälfte. Bei Frauen oder Menschen mit niedrigem Bildungsgrad wird die Zahl noch kleiner.

In Pflegeeinrichtungen, die vom Altersbericht nicht abgedeckt werden, gibt es selten Internetzugang. Hier sind die Aussichten besonders bedrückend, die Gefahr der Isolation besonders hoch. Belastbare Zahlen gibt es dazu nicht, aber die Einschätzung wurde von allen Interviewten geteilt. Eine Bewohnerin einer Pflegeeinrichtung hat den dramatischen Mangel in einem Bürger:innendialog mit Angela Merkel vor Kurzem verdeutlicht.

Hier klicken, um den Inhalt von Twitter anzuzeigen.

Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von Twitter.

Mittlerweile wollen einige öffentliche Initiativen die digitale Teilhabe alter Menschen verbessern: In regionalen Mehrgenerationenhäusern werden beispielsweise Kleingruppen mit Geräten und Schulungen gefördert. Im November 2019 startete der Infobus „Digitaler Engel“, der durch die Bundesrepublik fährt. Auf öffentlichen Plätzen vor allem in ländlichen, „strukturschwächeren“ Regionen gibt es dort Einführungen in verschiedene Technologien.

Wenig Flexibilität öffentlicher Angebote

Öffentliche Einrichtungen stellten viele Programme alternativlos ein, das galt im März wie im November. Der Digitale Engel brauchte mehrere Wochen, um ein vergleichbares Online-Programm einzurichten. Senior:innen, die sonst in der analogen Welt einen regen sozialen Austausch pflegten, im Theater oder in Freizeitclubs, saßen plötzlich alleine zuhause. Bestehende Benachteiligungen bei der gesellschaftlichen Teilhabe wurden verstärkt.

Dagmar Hirche wollte das Programm ihres Vereins so schnell wie möglich digital anbieten. Dazu musste sie den Teilnehmer:innen die technischen Grundlage der Videotelefonie erst nahebringen. „Kein Senior kannte Zoom“, erzählt Hirche. Also nahm sie im März mit ihrem Mann hinter der Kamera ein Video auf, in dem sie das Programm erklärte. „Am 25.3. waren dann 40 Senioren in unserem Meeting und es war total chaotisch, nichts hat geklappt und alle haben durcheinander geredet. Aber Hauptsache, sie haben alle den Mut gehabt.“

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.

Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Mittlerweile ist das kostenfreie tägliche Programm für viele Senior:innen Teil des Tagesrhythmus geworden. Es wird getanzt, Sitzyoga gemacht, es gibt Lesungen und Konzerte. Ansonsten tauscht man sich über Tipps und Tricks aus, in den öffentlichen Sitzungen fühlt es sich fast so an, als hätte jede Teilnehmer:in einen eigenen Fragenkatalog vorbereitet. Sieglinde fragt nach Rat, wie sie mit dem Anruf eines Trickbetrügers umgehen soll. Dagmar Hirche gibt ihr Tipps.

Über einen Newsletter geht das Programm an über 2.000 Abonnent:innen und viele der Frauen – die an die 90 Prozent der Teilnehmer:innen ausmachen – haben sich noch nie analog gesehen. Für einige ist es der einzige regelmäßige Kontakt, den sie zu Coronazeiten haben. An Weihnachten wird der digitale Konferenzraum auf die Bitte einiger Mitglieder hin offen bleiben. Wer keinen Besuch erwartet, kann dann online gemeinsam feiern.

Eine Frage der Barrieren

Einzelne Erfolgsprojekte sind rührend und stimmen optimistisch, doch viele Vereinsorganisator:innen fühlen sich von der öffentlichen Hand im Stich gelassen. Öffentliche und private Angeboten unterscheiden sich stark von Region zu Region und sind kaum durchschaubar. Schon im Juni forderten Akteur:innen deshalb ein Gesamtkonzept.

Es lässt sich außerdem schwer messen, wen man mit den verschiedenen Programmen überhaupt erreicht oder erreichen kann. Zwar gibt es etliche Senior:innen, die voller Neugier auf neue Technologien zugehen – aber was ist mit denen, die dafür gar nicht die Voraussetzungen haben? Gerade hier braucht es Lösungen für barrierearme Kommunikationsmittel, die bei alten Menschen besonders verbreitet sind. Allen voran: das Telefon.

Ein Beispiel dafür ist die Hotline Silberdraht, eine kostenlose 0800-Nummer, die digitale Inhalte per Telefon abrufbar macht. Über ein Wahlmenü kann man in dem automatisierten Service aktuelle, lokale Nachrichten hören, eine Beethoven-Sonate abspielen oder einem Podcast lauschen. Der gesamte Dienst ist innerhalb weniger Wochen aus einem Hackathon im März 2020 entstanden.

Wie gut das barrierearme Telefon ankommt, zeigt auch der Erfolg des Services Silbernetz. Über einen Anruf wird man anonym mit einer der aktuell etwa 30 Mitarbeiter:innen verbunden und kann reden, egal worüber.

„Manche machen wirklich diesen Vergewisserungscall“, erzählt Elke Schilling, Gründerin des Dienstes. „Sie sagen: ‚Hallo, ich hab jetzt gefrühstückt und jetzt noch das und das vor und ich wünsch dir einen schönen Tag.‘ Und dann zu Mittag nochmal das gleiche. Es ist dieses Alleinsein und in diesem Alleinsein vergewissern sie sich, dass jemand da ist, der bereit ist, ihnen zuzuhören.“

„Alte Menschen haben keine Lobby“

Manche Anrufer:innen haben mit psychischen Problemen oder materiellen Sorgen und Ängsten zu kämpfen. Doch oft geht es um kleine, alltägliche Situationen, bei denen alte Menschen Hilfe benötigen. „Ich hatte neulich eine alte Dame am Telefon, 83, die mir sagte: ‚Meine Tochter ist an Covid-19 erkrankt und ich bin hier alleine, weiß mir zu helfen, aber ich müsste jetzt auch einen Test machen. Ich weiß nicht, wo!’“, schildert Schilling ein kürzliches Gespräch. „Dann hab ich recherchiert, was es in ihrer Stadt an Teststationen gibt und ihr die Rufnummern durchgegeben.“

Es sind Situationen, bei denen viele sich an das Internet wenden würden. Wer dazu aber keinen Zugang hat, ist in seinen Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung massiv eingeschränkt. Das Silbernetz überbrückt diesen Graben.

Der erste Lockdown hat laut Schilling eine überwältigende Welle an Hilfsbereitschaft ausgelöst. Ihr Verein allein erhielt 1.000 Bewerbungen Freiwilliger, die über den Verein eine direkte Telefonfreundschaft mit einem alten Menschen beginnen wollten. Momentan kann der Verein keine neuen Bewerbungen mehr annehmen, die Kapazitäten reichen für den Verwaltungsaufwand einfach nicht aus. Doch das Anrufvolumen ist mit dem zweiten Lockdown im Herbst wieder merklich gestiegen.

Es scheitert an öffentlicher Unterstützung. „Alte Menschen haben keine Lobby“, klagt Schilling. Aus diesem Grund hat sie mit ihrem Verein den Silbernetz-Kongress „Netzwerk gegen Einsamkeit im Alter“ ins Leben gerufen. Über zwei Tage trafen gut 100 Expert:innen, Senior:innen und Vereine aus ganz Europa digital zu Vorträgen, Workshops und Austausch. Ähnliche Initiativen aus der Schweiz, den Niederlanden und Rumänien waren zu Gast. Gesundheitsminister Jens Spahn war auch dabei, gemeinsam mit der Vize-Präsidentin der EU-Kommission, Dubravka Šuica.

Heute ist Elke Schilling eine der stärksten deutschen Stimmen im Einsatz für mehr Selbstbestimmung im Alter. Die energische Frau hat sich selbst die Lobby für alte Menschen geschaffen, die ihr gefehlt hat.

Einsamkeit ist kein Problem des Alters

Aber wie groß ist das Problem der Einsamkeit im Alter tatsächlich? Die Antwort hängt davon ab, wen man fragt. Elke Schilling, ihrerseits eigentlich Mathematikerin und Statistikerin, spricht regelmäßig von acht Millionen Menschen in Deutschland, die zumindest gelegentlich einsam sind. Das wären knapp die Hälfte der achtzehn Millionen über 65-Jährigen.

Professor Tesch-Römer, Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen, ist mit seiner Einschätzung vorsichtiger – es mangelt schlichtweg an belastbaren Daten. Die Zahl von Elke Schilling hält er aber für überschätzt: „Leider gibt es die Tendenz im öffentlichen Diskurs, Älterwerden mit Einsamwerden gleichzusetzen. Das ist nicht hilfreich, denn es verdeckt den Blick auf die wirklich einsamen Menschen und es verstärkt negative Altersstereotype.“

„Chronische, lang andauernde Einsamkeit ist ein großes Problem, aber diese Form der Einsamkeit betrifft eine Minderheit der Bevölkerung“, erklärt Tesch-Römer. Wobei man daraus nicht schließen dürfe, dass Einsamkeit im Alter kein Problem darstellt. Laut dem Achten Altersbericht sind es immer noch fünf bis zehn Prozent der Befragten, die sich regelmäßig einsam fühlen.

Um die Forschung zu Einsamkeit richtig zu verstehen, muss man zwischen sozialer Isolation und subjektiver Einsamkeit zu unterscheiden. Ersteres beschreibt die Menge der sozialen Kontakte, die im Alter tatsächlich abnehmen. Letzteres ist dagegen die subjektive Empfindung, dass die Menge der sozialen Begegnungen niedriger als gewünscht ist.

Aus dem letzten Alterssurvey geht hervor, dass die objektive soziale Isolation im Alter zwar zunimmt, die subjektive Einsamkeit sich mit dem Älterwerden aber nur geringfügig ändert. Diese Beobachtung deckt sich sich auch mit den Ergebnissen des BBC Loneliness Experiment, das Einsamkeit global betrachtet hat. Selbst die Auswirkungen der Pandemie betrafen alle Altersgruppen etwa gleich, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ergab. Hier waren es gar die 30- bis 40-Jährigen, die sich als besonders betroffen herausstellten.

Der große Unterschied zu Einsamkeit in jüngeren Jahren ist, dass Einsamkeit im Alter andere Anlässe hat, wie Verwitwung oder Pflegebedürftigkeit – sie ist also häufiger chronisch. „Wer im Alter einmal einsam ist, kommt nicht mehr so leicht aus diesem Zustand heraus“, so Tesch-Römer.

Wege aus der Einsamkeit

Für die Bekämpfung von Einsamkeit gibt es nicht die eine richtige Lösung. Auf der Suche nach einer allumfassenden öffentlichen Strategie, stößt man stattdessen auf viele kleine Initiativen und Privatpersonen. Das Wichtigste ist, die Menschen zu finden, die an Hilfe interessiert sind, egal wie. Die Digitalisierung ist dabei oft nur ein Mittel zum Zweck.

Da sind die Omas Gegen Rechts, die sich eigentlich lieber persönlich treffen würden, aber die Gelegenheit der digitalen Treffen genutzt haben, ihre deutschlandweite Vernetzung zu verstärken. Und da ist Günter Voß, der eifrige und engagierte Koordinator des Berliner SeniorenComputerClub, der neue Mitglieder oft über Mundpropaganda findet. Unlängst hat sein ältestes Mitglied mit 94 Jahren seinen Laptop an seine Tochter weitergegeben, damit sie sich mit ihren 72 auch mal mit der Technologie auseinandersetzt. Ihm selbst reicht sein Smartphone vollkommen aus. Und so gewinnt Verein für Verein, Schritt für Schritt, jedes Mal die digitale und gesellschaftliche Teilhabe an Stärke.

Korrektur: In dem Artikel hieß es zunächst, der Digitale Engel hätte Monate gebraucht, um sein Programm online anzubieten, tatsächlich waren es mehrere Wochen.

Interview zu Technikängsten: Ein kritischer Blick kann zu mehr Sorgfalt führen

Interview zu Technikängsten: Ein kritischer Blick kann zu mehr Sorgfalt führen

Christian Vater war im Sonderforschungsbereich „Materiale Textkulturen“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft tätig und arbeitete in verschiedenen Start-Ups als wissenschaftlicher Referent. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am KIT – Institut für Technikzukünfte (itz) – Department für Geschichte, HEiKA-Projekt „Autonome Systeme im Spannungsfeld von Recht, Ethik, Technik und Kultur“. Eine kürzere Fassung des Interviews erschien zuerst beim Goethe-Institut unter der Lizenz CC BY-SA 3.0.

Für den Technikphilosophen Christian Vater stellt der Computer als Universalwerkzeug eine disruptive Technologie dar, die dementsprechende Reaktionen von Panik bis Euphorie auslöst. In Deutschland ließe sich dabei aber keine besonders starke Angstreaktion feststellen, vielmehr attestiert er den Deutschen einen aufgeklärteren Umgang mit gewissen Technologien, der besonders durch gesellschaftliche Akteure wie den Chaos Computer Club geschult wurde. Auch Hindernisse für deutsche Start-Ups sieht er eher in Infrastruktur und Finanzierung.

Porträt-Foto von Christian Vater
Der Technikphilosoph Christian Vater. Alle Rechte vorbehalten Ute von Figura, Heidelberg

Arne Cypionka: Wir wollen heute über Technikangst sprechen, auch darüber, ob es sich dabei um eine typisch „deutsche Angst“ handelt. Wie können wir uns diesem Begriff nähern? Lässt sich dieses Phänomen Ihrer Meinung nach über die gesamte Menschheitsgeschichte belegen oder kommt es zu Brüchen, beispielsweise durch bestimmte Technologien?

Christian Vater: Ich bin ja theoretischer Philosoph und kümmere mich um Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte. Da haben wir natürlich Schnittmengen mit der Technikgeschichte, aber gehen oft auch ein bisschen anders an die Sache heran. Zur Technikangst ist erst vor wenigen Monaten ein Beitrag von Martina Heßler und Bettina Hitzer in der Technikgeschichte erschienen, genau zum Thema Technikangst. Das Vorwort ist wundervoll lesbar und dort werden verschiedene Schwierigkeiten gesammelt, die man aus technikhistorischer Sicht hat, sich mit Fragen aus diesem Feld zu beschäftigen.

Angst ist als Kategorie nicht unbedingt Teil des Raums, den ich als theoretischer Philosoph untersuchen kann. Dementsprechend würde ich für meine eigene Arbeit eher den Begriff der Sorge vorziehen. Sorge ist ein Begriff, der irgendwo aus dem Grenzbereich der praktischen Philosophie, der politischen Philosophie und der Anthropologie kommt, den wir zum Beispiel in Harry Frankfurts „On Caring“ finden.

Sorge ist ein Modus des Umgangs mit der Welt ist und zum Umgang mit der Welt gehört auch ein Umgang mit den Werkzeugen und die Frage, wie ich mit der Welt umgehe, wenn ich Werkzeuge verwende. In die Klasse der Werkzeuge gehören natürlich auch Rechenmaschinen, Kommunikationsgerät, mediale Vervielfältigungsapparate und – natürlich – die universelle Rechenmaschine Computer, die alles gleichzeitig ist.

Dementsprechend kann man schwer in der Gegenwart über Sorge der Welt gegenüber oder anderen Menschen gegenüber nachdenken, ohne über Computer nachzudenken. Wenn man über Computer nachdenkt, ist es nicht mehr weit zu Spezialfragen wie der nach künstlicher Intelligenz.

Arne Cypionka: Könnte die universelle Rechenmaschine Computer also in besonderem Maße zu Technikangst führen?

Christian Vater: Seitdem wir Geschichte schreiben, finden wir Geschichten über neue Techniken und Technologien. Diese Geschichten sind immer sehr einschneidend und haben mit großen Hoffnungen, aber auch mit großen Ängsten zu tun. Sie können alle Formen annehmen, die wir an Literatur kennen. Es gibt großartige Versuche, Zäsuren zu markieren, entlang dessen, was wir aus heutiger Perspektive „Einführung disruptiver Technologien“ nennen.

Der Buchdruck wäre ein Kandidat für tiefgreifende Veränderungen durch disruptive Technologien, die Dampfmaschine ein anderer. Wenn ich mir die Geschichte dieser disruptiven Technologien anschaue, komme ich nicht umhin zu sagen: Ja, verkoppelte, verbundene Rechenmaschinen, die universell mit allen uns bekannten und verwendeten Medien umgehen können und die wir kooperativ nutzen – global – sind wohl eine disruptive Technologie.

Also erwarte ich zurzeit Mythenbildung und Angstgeschichten, sowohl was Erzählung über Ängste angeht, als auch was die Formulierung von Hoffnung angeht: „AI wird unseren Planeten erfolgreicher durch die Klimakatastrophe steuern können als jeder Mensch; künstliche Intelligenz wird selbstständig werden und uns alle vom Planeten tilgen.“

Wenn wir in das Regal mit Science-Fiction-Literatur schauen oder in die Cinethek, dann ist das alles schon da und auch nicht seit gestern, sondern mindestens seit der Romantik mit Frankenstein und auf jeden Fall in der Frühgeschichte des Kinos mit Metropolis. Hier kommt der Begriff der Sorge ins Spiel. Ich kann den Modus der Sorge verwenden, um mir die Technologie genau anzugucken, vielleicht in aufklärerischer Absicht, und versuchen, besser zu verstehen, wie diese Technologie auf Menschen wirkt.

Arne Cypionka: Nimmt die Computertechnologie aber nicht sogar unter diesen disruptiven Technologien eine Sonderstellung ein, wenn man an künstliche Intelligenz denkt – Maschinen, die sich potenziell selbst weiterentwickeln können?

Christian Vater: Sind Rechenmaschinen denkbar, die mehr sind als Werkzeuge des Menschen? Sind Rechenmaschinen denkbar, die durch einen Konstruktionstrick, durch einen Zufall wie einen Blitzschlag oder durch exponentielle Entwicklung nicht mehr unter unseren Maschinenbegriff fallen?

Meine Antwort darauf ist gleichzeitig spektakulär und auch nicht: Natürlich sind solche Maschinen denkbar.

Maschinen, die sich eigenständig rekonfigurieren können, umgeben uns bereits. Dieses Verfahren nennen wir maschinelles Lernen und es ist im Detail unspektakulär. Es ist gleichzeitig eine beeindruckende Technik, von der unsere Vorfahren vor 80 Jahren noch nicht geglaubt hätten, dass es so etwas gibt. Hat es dazu geführt, dass wir es plötzlich mit erwachten, intelligenten anthropomorphen Androiden zu tun haben? Nein!

Wir haben einfach Geräte, neben die wir keine Hilfskraft stellen müssen, die ständig alles umstöpselt und wir haben Geräte, die zum Beispiel Messreihen durchführen können, ohne dass ein Experte daneben steht und immer wieder am Rad dreht, weil die Geräte das Rad selbst drehen können. Unsere Technik ist adaptiv geworden. Nicht mehr, und nicht weniger.

Arne Cypionka: Dennoch entwickeln sich diese Maschinen zunehmend zu Blackboxen, bei denen nicht nur für den Laien nicht mehr nachvollziehbar ist, was im Inneren passiert. Stellt der Einsatz von solchen Technologien nicht potentiell eine Art gesellschaftlichen Kontrollverlust dar? Ich denke hier zum Beispiel an Predictive Policing, wo Algorithmen auf einer Datengrundlage zukünftige Verbrechen vorhersagen sollen und präventive Polizeieinsätze rechtfertigen.

Christian Vater: Predictive Policing ist mir als weiterer Versuch bekannt, Prognosewerkzeuge zu bauen, die stark datengestützt sind. Dahinter stecken zum einen Modelle, wie Verbrechen funktioniert, wie Menschen Verbrechen begehen; zum anderen demografische Annahmen, in welchem Viertel Personen wohnen, die bestimmte Verbrechen auf welche Art und Weise begehen.

Diese Annahmen sind immer mit der Suche nach Merkmalen verbunden, die den Konstrukteuren dieser Maschinen dabei helfen sollen, eben diese Annahmen zu treffen und zu begründen. Das heißt, hinter einem Apparat für Predictive Policing stecken sehr viele Annahmen, die man auflisten und Stück für Stück, zum Beispiel unter Zuhilfenahme soziologischer Werkzeuge, prüfen kann, wenn man sie transparent vorgelegt bekommt.

Das ist allerdings sehr viel Arbeit und die Frage ist, ob eine Behörde oder eine Firma, die Maschinen oder Apparate dieser Art entwickelt, Interesse daran hat, auch noch Arbeit in die Überprüfung der eigenen Grundannahmen zu stecken. Wenn nicht, wäre das eine Aufgabe für die interessierte akademische Öffentlichkeit.

Hierin besteht vielleicht eine Besonderheit in Deutschland. Im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern der Welt haben wir die Möglichkeit, Vereine zu gründen. Das ist ein Artefakt unserer Institutionsgeschichte. Vereinsgründung ermöglicht es, eine Institution zu schaffen, die sich mit fast beliebigen Fragen beschäftigt. Eine dieser Fragen ist die nach dem Nutzen und dem Übel der Rechenmaschinen. Wir haben in Deutschland einen solchen Verein: den Chaos Computer Club. Dieser Verein wird inzwischen auch bei den Bundestagsanhörungen angehört.

Sie haben mich danach gefragt, ob ich bestimmte nationale Eigenarten sehe. Es fällt mir sehr schwer, sie im Großen zu sehen, denn unseren Ideenhorizont teilen wir mindestens mit der westlichen Welt. Wir alle haben Descartes gelesen und Hobbes und Kant. Wir zitieren Platon und Aristoteles und wir teilen Homer, Shakespeare und Goethe. Ob wir hier in Deutschland in einer anderen Welt leben, was zum Beispiel Ängste angeht, das halte ich für eine schwierige und voraussetzungsreiche Frage.

Was wir uns aber anschauen können ist, ob Deutschland als Staatswesen anders funktioniert. Ein Unterschied sind Vereine und wir haben einen auffällig aktiven und sehr ernst genommenen Verein, der sich mit diesen Fragen beschäftigt.

Arne Cypionka: Das heißt, durch Vereine wie den Chaos Computer Club gibt es in Deutschland, vielleicht stärker als in anderen Ländern, eine aufgeklärte Öffentlichkeit sowie eine stärkere Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger in politischen Gremien bei Fragen der Informationstechnologie?

Christian Vater: Aber auch durch die Einrichtung von Hackerspaces, die ja nichts damit zu tun haben, dass man in das BTX-Netz einsteigt, um der Sparkasse Pfennigbeträge zu klauen, sondern die etwas damit zu tun haben, dass Spitzentechnologie der Gegenwart über private oder öffentliche Förderung oder Sponsoring beschafft wird und für alle interessierten Laien zur Verfügung steht, zum Beispiel mit Virtueller Realität, Drohnen oder mit 3D-Druck…

Arne Cypionka: Sehen Sie neben der aufklärerischen Arbeit des Chaos Computer Club noch andere Gründe für einen besonderen Umgang mit Technologie in Deutschland? Hat die oft unterstellte Ablehnung insbesondere digitaler Technologien vielleicht historische Ursprünge?

Christian Vater: Hier haben wir es vielleicht mit einem Zielkonflikt zu tun. Es gibt nur begrenzte Kapazitäten für Forschung und Entwicklung. In Deutschland lag der Schwerpunkt aus ganz verschiedenen Gründen nicht auf der Entwicklung von programmierbaren, elektrischen Rechenmaschinen. Vielleicht lag es daran, dass man der Meinung war, dass mit Kant die Logik zu Ende gedacht war und die Leibniz-Rechenmaschine das Maximum ist, was man im Prinzip aus den Versuchen herausholen kann, Logik zu mechanisierten.

Vielleicht lag es daran, dass man Ressourcen eher in die Atomforschung steckte, um die Unabhängigkeit der Energiegewinnung für die heimische Industrie und die heimischen Städte zu gewährleisten. Oder es lag daran, dass der Schwerpunkt im Maschinenbau lag, zum Beispiel in der Flugzeugforschung und in der Automobilentwicklung.

Diese beiden Beispiele sind übrigens auch hochkomplexe Technologien – vor denen wir auch in Deutschland nie Angst hatten.

Arne Cypionka: Als Garant für innovative Technologieentwicklung gelten heute Start-Up-Unternehmen. Sie selbst waren als wissenschaftlicher Referent zu künstlichen Intelligenzen in verschiedenen Start-Ups tätig. Was genau muss man sich darunter vorstellen?

Christian Vater: Spaß und Abenteuer. Und viel Arbeit, auch am Wochenende und an Feiertagen. Die Gelegenheit, sich als theoretischer Philosoph den Arbeitsalltag in einem entwicklungsgetriebenen Forschungsunternehmen anzuschauen, ist ein großes Privileg. Ich war auch eingestellt, um mit den einzelnen Entwicklungsteams mitzuarbeiten und sie zu begleiten, die konkreten Fortschritte zubeobachten um dann zu gucken, ob das konkret Gebaute, das Erhoffte und das, was andere publiziert haben, zusammenpasst.

Arne Cypionka: Im Vergleich mit dem Silicon Valley wirkt die deutsche Start-Up-Szene vorsichtiger und weniger chaotisch. Auch ein Mentalitätsunterschied zu den Vereinigten Staaten?

Christian Vater: Das sage ich nicht als Wissenschaftler, sondern als jemand, der da dringesteckt hat: Sie können über die Funktionsweisen der amerikanischen Startup-Szene sehr viel in der in der Autobiographie „Chaos Monkeys: Obscene Fortune and Random Failure in Silicon Valley“ des US-amerikanischen Start-Up-Gründers Antonio García Martínez nachlesen. Er war einer der ersten Leute, die im Silicon Valley dieses Spiel mitgespielt haben und seine Biografie ist lesenswert.

Ich kann Ihnen sagen, dass es so in Deutschland nicht funktioniert. Ich denke, es hat viel damit zu tun, dass bei uns die Finanzierungsstrukturen anders sind. Typischerweise ist es so, dass es in Deutschland nicht besonders viele Hedgefonds gibt, die sich auf Seed-Investment spezialisiert haben. Die wissen, wenn sie zehn kleine Start-Ups finanzieren und sie die Regeln der Finanzierung betrachten, dass nach drei Jahren eines dieser Start-Ups so viel Gewinn abwerfen wird, dass alle anderen Investitionen sich damit amortisieren.

Das haben wir in Deutschland nicht. Was wir in Deutschland haben, sind Sparkassen und Volksbanken, die typischerweise die ersten Investoren für ein neues Geschäft sind. Ich bin ein ganz großer Freund von Sparkassen und Volksbanken. Da sie aber mehr oder minder das Geld der Gemeinschaft verwalten, sind sie vorsichtige Geschäftspartner, die weniger leicht in Projekte investieren.

Das mag sich ändern, zum Beispiel dadurch, dass Universitäten diese Lücke identifiziert haben und jetzt selber Investment betreiben, das nennt sich Inkubator und ist so etwas wie eine universitätsinterne Förderung der ersten Phase, von der Idee zum Planen. Die Förderung ist da ganz niedrigschwellig: Sie brauchen einen Raum, sie brauchen eine Internetleitung, sie brauchen ein Postfach. Das zu bekommen ist erst mal gar nicht so einfach, wenn sie kein Geld haben.

Und es gibt zunehmend als Erweiterung der Hackerspaces, darüber haben wir vorhin schon geredet, so etwas wie spezielle Coworking-Spaces. Ein Beispiel dafür ist in Darmstadt entstanden, das Lab3 und der Hub31 drumherum, wundervoll. Da steht also das Equipment der Hackerspaces und daneben gibt es genau für diese erste Phase Büroräume. Und sie haben noch den Vorteil, dass sie mit diesen Geräten arbeiten können, zum Beispiel mit 3D-Druckern für Metall, was ihnen das Prototyping erheblich vereinfacht.

Das entsteht gerade, es gibt also Strukturunterschiede.

Arne Cypionka: Sie führen diese Unterschiede also eher auf Infrastruktur und Finanzierung zurück. Wäre es angemessener, von Skepsis gegenüber neuer Technologie statt von Technikangst zu sprechen und kann dieser kritische Blick unter Umständen vielleicht sogar als Vorteil betrachtet werden?

Christian Vater: Ich würde sagen ja und es wäre schön, wenn es ihn gäbe. Es ist aber auch wichtig festzuhalten, dass ein kritischer Blick kein destruktiver Blick und auch nicht pessimistisch sein muss. Er kann auch in Sorge zur Sorgfalt führen und muss nicht in Angst vor einer unbestimmten Zukunft münden.

Ein kritischer Blick ist auch nicht notwendig Auslöser der Maschinenstürmerei. Auslöser der Maschinenstürmerei sind meinen historischen Studien gemäß üblicherweise sozialökonomische Konflikte entlang von Veränderungen. Ich komme aus dem kleinen Städtchen Hannoversch Münden, wo Fulda und Werra zusammenfließen. Dieses Städtchen kontrollierte den Weserhandel über Jahrhunderte, die Flößer auf der Weser kamen aus Münden. Das erste Dampfschiff auf deutschem Boden, vielleicht sogar der Weltgeschichte, konstruiert von Denis Papin, ist bis nach Münden gefahren und wurde dort von den Flößern zerlegt – und zwar am Samstag, den 24. September 1707.

Bis heute haben wir im Rathaus ein großes Historiengemälde, was die glorreichen Flößer der Vergangenheit feiert. Aber da ging es nicht um die Angst vor einer Dampfmaschine. Da ging es um Durchfahrtsrechte und darum, dass die Flößer weiter flößen wollten.

Adbusting: Mit Geheimdienst, Polizei und Terrorabwehrzentrum gegen ein paar veränderte Plakate

Adbusting: Mit Geheimdienst, Polizei und Terrorabwehrzentrum gegen ein paar veränderte Plakate

Adbusting ist eine Form politischer Kunst. Sie gestaltet Werbung um, hängt falsche Plakate auf oder nutzt Werbeplätze für eigene, oftmals satirische Kampagnen. Die Aktionen richten sich gegen Unternehmen, gegen Parteien oder auch gegen Institutionen des Staates wie Polizei, Geheimdienste und Bundeswehr. Nichts, was irgendwie politisch ist, kann vor Adbusting sicher sein.

Adbusting ist eine Intervention im öffentlichen Raum, die sich meist in sozialen Medien fortsetzt und dort größere Sichtbarkeit erlangt. Die rechtlichen Vergehen beim Adbusting liegen im Bereich der Sachbeschädigung oder im Diebstahl, wobei sich die Delikte meist im Bagatellbereich bewegen.

Rigides Vorgehen gegen Adbusting

Seit einigen Jahren gehen Behörden in Deutschland allerdings „(un)verhältnismäßig rigide“ gegen Adbusting vor, wie Andreas Fischer-Lescano und Andreas Gutmann in einem Beitrag im Verfassungsblog schreiben. So ordnete das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in seinem Jahresbericht 2018 eine Adbusting-Aktion gar dem Bereich des „gewaltorientierten Linksextremismus“ zu.

In einer Kleinen Anfrage zum Thema antwortete die Bundesregierung:

Die Aktionsform des „Adbusting“ ist im Teil „Gewaltorientierter Linksextremismus“ angesiedelt, um den thematischen Zusammenhang zwischen „Adbusting“ als strafbare Aktionsform zur Diskreditierung der Vertreter des Staates durch Linksextremisten und gewaltsamen Aktionsformen zu wahren.

Das heißt konkret: Der Staat, hier sein Inlandsgeheimdienst, sieht polizeikritisches Adbusting als Vorstufe zur Gewalt gegen Polizist:innen. Mit dieser Begründung könnte alle Staatskritik, welche die Bundesregierung für „verallgemeinernd und über eine sachliche Kritik deutlich hinausgehend“ hält, dazu führen, im Verfassungsschutzbericht genannt zu werden.

Terrorabwehr gegen Plakate

Die politische Kunstform hat es sogar bis ins Gemeinsame Extreismus- und Terrorabwehrzentrum (GETZ) geschafft. Dort waren in den Jahren 2018 und 2019 tatsächlich vier Sachverhalte mit diesem Thema auf der Tagesordnung. Die Bundesregierung wollte auf eine weitere Kleine Anfrage hin nicht beantworten, warum Adbusting im GETZ besprochen wurde – und begründete die Ablehnung damit, dass durch die Beantwortung ein Nachteil für die Bundesrepublik Deutschland entstehen könne.

Bei einer parlamentarischen Anfrage im Land Berlin kam jetzt jedoch heraus, dass der Berliner Verfassungsschutz für drei Meldungen beim Terrorismusabwehrzentrum zuständig war. Die Berliner Polizei übermittelte darüber hinaus Daten mit Adbusting-Bezug an das Bundeskriminalamt.

Text: Wir nehmen auch Arschlöcher
Die Kampagne des Peng-Kollektivs übernahm Design und Website-Name einer Rekrutierungskampagne. Alle Rechte vorbehalten Peng! Collective

„Satire jagen, während Nazis ihr Unwesen treiben“

Auch der Militärische Abschirmdienst (MAD), der Geheimdienst der Bundeswehr, beschäftigte sich zwischen 2015 und 2019 insgesamt 13 Mal mit Veränderungen von Bundeswehrplakaten. Ein Fall davon betraf das Peng-Kollektiv, das eine Bundeswehr-Werbung parodierte.

Peng hatte Plakatwerbung der Bundeswehr mit einer eigenen Internetadresse überklebt und auf dieser Website, die der Rekrutierungswerbung sehr ähnlich sah, die Bundeswehr kritisiert. Jean Peters von Peng kritisiert gegenüber netzpolitik.org die Erfassung:

Wenn der militärische Geheimdienst dieses Landes Satire jagt, während Nazis in der KSK-Elitetruppe der Bundeswehr ihr Unwesen treiben und privat Waffen horten, dann hat der Chef dieser Behörde Christof Gramm seinen Laden nicht unter Kontrolle, ja sogar den inneren Kompass verloren.

Plakat mit Björn Höcke als nationalistischer Rattenfänger
Nationalistischer Rattenfänger Höcke. Alle Rechte vorbehalten Dies Irae

Der Übereifer der Behörden zeigte sich auch in Thüringen gegen das Adbuster-Kollektiv „Dies Irae“. Hier fing die Polizei, nachdem Plakate gegen den AfD-Politiker Björn Höcke in Erfurt auftauchten, selbst an wegen Beleidigung zu ermitteln. Die Behörde trat dann an den Rechtsradikalen heran, damit dieser doch bitte einen Strafantrag stelle, berichtet das Verfassungsblog.

Später nahm die Polizei gar DNA-Proben an den Plakaten und von einem Angestellten des Außenwerbeunternehmens, wie aus der Antwort der Thüringischen Landesregierung auf eine Kleine Anfrage hervorgeht.

Vehikel „Schwerer Diebstahl“

In einem anderen Fall arbeiteten Polizist:innen aus Hamburg und Berlin unter großem Aufwand zusammen, um einen Adbuster zu finden. Beschuldigt wird dieser, fünf Werbekästen in Berlin mit Plakaten bestückt zu haben. Für die Ermittlungsbehörden Sachbeschädigung und Schwerer Diebstahl, sie ermittelten aus öffentlichem Interesse – obwohl in keinem der Fälle das betroffene Außenwerbeunternehmen eine Anzeige erstattet hatte. Am Ende gab es Hausdurchsuchungen und ein Gerichtsverfahren. Der Betroffene willigte in eine Einstellung gegen Auflagen ein und musste 1.200 Euro zahlen oder 120 Sozialstunden leisten. Für dieses Verfahren wurde ein beispielloser Aufwand getrieben, vier Jahre liefen die Ermittlungen, alleine beim Landeskriminalamt Berlin waren drei Beamte damit befasst.

Fälschung und Original
Manchmal reicht es, ein paar Worte zu überkleben. Links das veränderte Plakat, rechts das Original der Berliner Polizei. Alle Rechte vorbehalten maqui.blogsport.eu / Polizei Berlin

„Inhalt der Adbustings befeuert Ermittlungseifer“

Die Juristen Lescano und Gutmann sehen einen Zusammenhang zwischen den Themen des Adbustings und der Reaktion des Staates. Vor dem Hintergrund des normalerweise geringen Sachschadens durch Adbusting entstehe der Verdacht, dass der Ermittlungseifer vom Inhalt der Adbustings befeuert würde – gerade wenn diese sich kritisch mit Polizei, Geheimdiensten und Bundeswehr auseinandersetzten.

Das sieht auch ein Sprecher der Soligruppe plakativ, der sich Klaus Poster nennt, ähnlich. An den Überreaktionen der Behörden könne man sehen, wie diese intern tickten. Sie sähen Adbustings nicht als Teil des demokratischen Diskurses, sondern nehmen die Aktionen als Angriff wahr. Das führe zu dieser Form der Willkür, würde aber auch peinlich für die Behörden: „Beim Vorgehen gegen veränderte Werbeposter steigert es die Lächerlichkeit auf ein Niveau, das die Kommunikationsguerilla allein nie hinbekommen hätte“, so Poster gegenüber netzpolitik.org.

Lescano und Gutmann weisen auch darauf hin, dass die intensive Verfolgung von Adbusting den Schutz der Meinungsfreiheit ins Gegenteil verkehre:

Ein Verhalten, das in den Schutzbereich spezieller Freiheitsrechte – hier das Art. 5 GG – fällt, wird stärker eingeschränkt als eine vergleichbare Handlung ohne entsprechenden Meinungsbezug.

Dabei sei das Vorgehen gegen spezifische Meinungsinhalte durch Artikel 5 des Grundgesetzes grundsätzlich untersagt. „Es wird Zeit, dass die deutschen Sicherheitsbehörden diesen Grundsatz auch dann beherzigen, wenn es um Adbusting geht, das sich kritisch mit ihren Praxen und Imagekampagnen auseinandersetzt“, so Lescano und Gutmann weiter.

Gefälschte SPD-Plakate
Mit falschen Plakaten kritisierten Adbuster die Flüchtlingspolitik der SPD. Alle Rechte vorbehalten Rocco and his Brothers / Screenshot

Schrille Töne statt Gelassenheit

Aber nicht nur die Sicherheitsbehörden sollten in Sachen Aktionskunst abrüsten, sondern auch die Betroffenen von unerwünschten Kommunikationsmaßnahmen.

Allgemeine Raserei Alle Rechte vorbehalten Klaus Staeck

Als die SPD mittels Adbusting für ihre Flüchtlingspolitik kritisiert wurde, beklagte deren Verband in Essen eine „Verleumdungskampagne“ und „hohe kriminelle Energie“, die den „demokratischen Diskurs“ beschädige. Man habe Strafanzeige erstattet und sei im „ständigen Austausch“ mit der Polizei. Darunter geht es bei der SPD wohl nicht, wenn ein paar Plakate ausgetauscht werden.

Dabei ist die Nutzung von echten Logos zum Sichtbarmachen von Missständen wirklich kein neues Stilmittel, wie die Gruppe „Dies Irae“ anmerkt. Klaus Staeck, einer der bekanntesten Plakatkünstler Deutschlands, ein Unterstützer der Sozialdemokratie, hat sich dieses Mittels schon vor Jahrzehnten bedient.

Kriminalisierung von Adbusting ist nicht nur ein deutsches Phänomen. In Polen wurden jüngst zwei Menschen festgenommen, weil sie eine Buswerbung in Warschau mit einem eigenen Plakat veränderten. Die Polizei wirft den Aktivst:innen „Diebstahl“ und „Einbruchdiebstahl“ vor. Auf diese Vergehen stehen zwischen ein und zehn Jahren Gefängnis.

Mittlerweile hat sich Amnesty International eingeschaltet. In einer Urgent Action kann jede:r die beiden Betroffenen unterstützen – und einen Brief an den polnischen Innenminister schreiben.

Demaskiert: Covid-19 und die kulturelle Dimension der Debatten um die Maskenpflicht

Demaskiert: Covid-19 und die kulturelle Dimension der Debatten um die Maskenpflicht

Können Masken helfen, die Verbrei­tung des Coro­na­virus einzu­dämmen? Diese Frage wird derzeit in Deutsch­land und anderen west­li­chen Ländern – ganz anders als etwa in China, Japan und Hong­kong – äußerst kontro­vers debat­tiert. Zwar enga­gieren sich Personen des öffent­li­chen Lebens unter dem Hashtag #maskeauf für das Tragen eines Gesichts­schutzes. Die Stadt Jena verpflichtet ihre Bürger*innen zum Tragen von Masken in der Öffent­lich­keit, und die öster­rei­chi­sche Regie­rung hat jüngst entschieden, dass ähnliche Maßnahmen nach dem Ende der Ausgangs­sperre gelten sollen. Doch bleiben diese Rege­lungen umstritten – deut­lich umstrit­tener als andere Maßnahmen des social distan­cing.

Befürworter*innen des Masken­tra­gens argu­men­tieren, dass Tröpf­chen­in­fek­tionen verhin­dert oder zumin­dest verrin­gert werden könnten, wenn alle in der Öffent­lich­keit Masken anlegten. Aufgrund der Knapp­heit solcher Modelle in west­li­chen Ländern ist dabei keines­wegs von Filter­masken die Rede: viel­mehr werden Leser*innen dazu aufge­rufen, sich selbst Masken aus Baum­woll­stoff anzu­fer­tigen.

Gegner*innen hingegen sind äußerst kreativ in der Wahl ihrer Argu­mente. Nicht nur verengen sie häufig die Debatte auf medi­zi­ni­sche Masken und sugge­rieren so, eine Masken­pflicht liefe auf eine allge­meine Nutzung dieses knappen Guts und damit auf unso­li­da­ri­sches Handeln heraus. Andere, die die Masken­pflicht aus medi­zi­ni­schen Gründen für unsinnig halten, behaupten, sie dienten ledig­lich dem Fremd­schutz (in der Annahme, das nur zwei­fels­frei Infi­zierte sie tragen sollten) – ein Argu­ment, das zwei­fellos entkräftet würde, wenn eben alle Masken trügen. Auch wird mitunter behauptet, Masken begüns­tigten aufgrund der Anony­mität, die sie herstellten, die so genannten Hams­ter­käufe. Bisweilen wird jedoch auch ganz offen das Argu­ment geäu­ßert, eine gene­relle Verpflich­tung zum Tragen von Masken sei in Europa – anders als in Asien – nicht durch­zu­setzen.

Die Maske und das Andere

Dieses essen­tia­lis­ti­sche Argu­ment – dass die Maske unge­eignet für euro­päi­sche Gesell­schaften sei – ist aufschluss­reich: Es verweist auf einen Mecha­nismus des Othe­ring über den Aspekt der Gesichts­ver­hül­lung, wie er zuletzt in der Debatte um Formen der Gesichts­ver­schleie­rung im Islam zu beob­achten war.

Doch dieser Diskurs ist, wie ein Blick in Reise­be­richte über Vorder­asien und Nord­afrika sowie in Porträt­fo­to­grafie aus der Region zeigt, schon wesent­lich älter. West­liche Reisende des 19. Jahr­hun­derts wie Helmuth von Moltke oder Mark Twain vergli­chen Frauen in Ganz­kör­per­ver­schleie­rung mit Gespens­tern oder Toten. Ein ähnli­ches Bild vermit­telten eigens für den begin­nenden Tourismus in der Region herge­stellte Studio­fo­to­gra­fien, die Frauen in voll­stän­diger Verhül­lung zeigten. Reisende und Fotograf*innen schienen sich einig zu sein: Die Gesichts­ver­hül­lung nahm dem Indi­vi­duum das Indi­vi­du­elle, und mehr noch: die Frei­heit.

Alge­rien, 19. Jh.; Quelle: sarrazins.fr

Ganz andere Akzente hatte da noch Lady Mary Wortley Montagu Anfang des 18. Jahr­hun­derts gesetzt, als sie behaup­tete, Frauen nutzten die durch Verschleie­rung gewon­nene Anony­mität, um ihre sexu­ellen Hand­lungs­spiel­räume zu erwei­tern. Reisende des 19. Jahr­hun­derts hingegen nahmen die Verschleie­rung über­wie­gend negativ wahr, und zwar nicht nur, weil sie mit ihr einen Mangel an Leben­dig­keit und an Frei­heit asso­zi­ierten. Wie die Geschlech­ter­for­scherin Meyda Yeğe­noğlu argu­men­tiert, irri­tierte sie west­liche Beobachter*innen eben­falls aus zwei anderen Gründen. Zum einen erlaubte sie es der Trägerin ihre vermeint­lich wahre Natur zu verbergen. Zum anderen ermög­lichte sie es ihr, zu sehen ohne gesehen zu werden – und verlieh ihr damit Macht.

Euro­päi­sche Masken: Ausnahme und Status

Diese Miss­bil­li­gung von Prak­tiken der Gesichts­ver­hül­lung mag erstaunen, waren diese doch auch in Europa nicht unbe­kannt. Auf Masken­bällen und im Karneval gewährte sie Männern und Frauen des Ancien Régime eine mora­li­sche Auszeit. Aus medi­zi­ni­schen Gründen getragen schützte sie vor der Über­tra­gung von Krank­heiten, oft nicht allein durch die Maske selbst, sondern – wie im Fall der Pest­maske – auch durch wohl­rie­chende Kräuter, die in ihr trans­por­tiert wurden. Im mili­tä­ri­schen Kontext war Gesichts­ver­hül­lung sogar schon eher bekannt: Ritter­rüs­tungen verdeckten oft das gesamte Gesicht und gewährten nur einen schmalen Sehschlitz; Fecht­masken verdeckten sogar das komplette Gesicht. In der Frühen Neuzeit schützte der so genannte Visard den stan­des­gemäß hellen Teint von Frauen der Ober­schicht vor der Sonne: eine oft schwarze Maske, die ledig­lich für die Augen Öffnungen ließ und durch einen Steg in Höhe des Mundes an Ort und Stelle gehalten wurde. Im 19. Jahr­hun­dert trugen Frauen bei der Heirat sowie bei Begräb­nissen und in der Trau­er­zeit einen – wenn­gleich trans­pa­renten – Gesichts­schleier. Seit dem späten 18. Jahr­hun­dert ermög­lichte die Maske das Tauchen, seit dem frühen zwan­zigsten Jahr­hun­dert den Schutz vor Giftgas im Krieg. Frei­lich war allen diesen Prak­tiken der Gesichts­ver­hül­lung zwei­erlei gemein: Sie wurden ledig­lich vorüber­ge­hend getragen und/oder über­wie­gend von Männern und Frauen höheren Standes, also keines­wegs der Mehr­heit der Gesell­schaft. Die Maske, so konsta­tierte ferner der Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Mikhail Bakhtin, war dabei verbunden mit dem Über­gang, der Meta­mor­phose, der Verlet­zung natür­li­cher Grenzen. So lange sie zeit­weilig und ein Vorrecht sozialer Eliten war, fand die Gesichts­ver­hül­lung also bis ins 19. Jh. hinein und darüber hinaus in Europa durchaus Akzep­tanz.

Sicht­bar­keit, das Indi­vi­duum und der moderne Staat

Sicht­bar­keit aller­dings war, wie Kulturwissenschafter*innen seit Foucault gezeigt haben, Signum des modernen Staats. Während der Gedanke des Panop­ticon nur auf dem Papier für die Gestal­tung von Fabriken, Gefäng­nissen, und anderen Anstalts­ge­bäuden einfluss­reich wurde, leis­teten die Entwick­lung der Krimi­nal­fo­to­grafie mit Hilfe des Bertil­lon­schen Systems und nach dem Ersten Welt­krieg des Reise­passes mit Licht­bild einen entschei­denden Beitrag in diese Rich­tung. Wesent­lich neueren Datums sind das Vermum­mungs­verbot, wie es etwa im deut­schen Recht veran­kert ist, und die Video­über­wa­chung. Die Technik der Gesichts­er­ken­nung schließ­lich bietet das Maximum an Sicht­bar­keit im physi­schen wie virtu­ellen Raum.

Gleich­zeitig entwi­ckelte sich die Idee des Indi­vi­duums zur Grund­lage sich als liberal und säkular verste­hender Gesell­schaften bis in die Gegen­wart. Dieses Indi­vi­duum sollte vermeint­lich autonom handeln und in seiner Frei­heit möglichst wenig einge­schränkt werden. In der Praxis war das Indi­vi­duum in erster Linie ein männ­li­ches, bürger­li­ches, weißes. Für andere Bevöl­ke­rungs­gruppen waren die Hand­lungs­spiel­räume wesent­lich enger bemessen. Dies berührte jedoch nicht den Gedanken indi­vi­du­eller Hand­lungs­frei­heit als Ideal moderner Gesell­schaften. Neben der Glaubens-, Meinungs- und Versamm­lungs­frei­heit genoss das moderne Indi­vi­duum übri­gens auch – auf rein recht­li­cher Ebene – Frei­heit in der Wahl der Klei­dung, so lange diese nicht reli­giös codiert zu sein schien: Eigent­liche Klei­der­ord­nungen gab es in der Neuzeit vor dem Natio­nal­so­zia­lismus nicht mehr.

Fang Maske, Louvre; Quelle: wikimedia.org

Gesichts­ver­hül­lung hingegen wurde seit dem 19. Jahr­hun­dert mehr und mehr mit dem kultu­rell Anderen asso­zi­iert. In diesem Zusam­men­hang wurden insbe­son­dere aus Afrika und dem Pazifik stam­mende Masken zum Faszi­nosum. Sie verwiesen auf reli­giöse Rituale und Gesell­schafts­ord­nungen, die nicht auf dem Gedanken des Indi­vi­duums, sondern auf durch Über­gangs­riten struk­tu­rierten Lebens­al­tern basierten. Masken wurden Gegen­stand euro­päi­scher Samm­lungen. Sie inspi­rierten die Kunst der Moderne. Doch im euro­päi­schen und nord­ame­ri­ka­ni­schen Alltag war die Gesichts­ver­hül­lung vor allem im 20. Jahr­hun­dert ferner denn je. Selbst die noch im 19. Jahr­hun­dert in der Öffent­lich­keit allge­gen­wär­tigen Kopf­be­de­ckungen, damals Zeichen der Respek­ta­bi­lität, verschwanden nun. In west­li­chen Gesell­schaften des 19. und 20. Jahr­hun­derts zeigte man zuneh­mend Gesicht, um Authen­ti­zität und Ehrlich­keit zu kommu­ni­zieren.

Das Evan­ge­lium der west­li­chen Hygiene

Parallel verfes­tigte sich u.a. durch den Kolo­nia­lismus die Auffas­sung west­li­cher Hygiene als kultu­rell über­legen. Dies galt für die Urba­ni­sie­rung, in der die Moder­ni­sie­rung von Paris unter Hauss­mann mit Kana­li­sa­tion, Stra­ßen­be­leuch­tung, Sicht­achsen und Boule­vards Vorbild auch für die Umge­stal­tung außer­eu­ro­päi­scher Städte wurde. Es galt für die Medizin, deren west­liche Ausfor­mungen andere Formen medi­zi­ni­schen Wissens zwar nicht voll­ends verdrängten, jedoch die univer­si­täre Lehre domi­nierten. Auch in der Lebens­mit­tel­chemie und -hygiene wurden west­liche Stan­dards führend. Haus­wirt­schaft wurde zum Kern­be­stand­teil west­li­cher Akteure im Bildungs­wesen in kolo­nialen und quasi-kolonialen Kontexten. Diese und andere Akteure sorgten auch für eine Verbrei­tung west­li­cher Stan­dards im Bereich der körper­li­chen Rein­lich­keit. In der Praxis setzten sich auf all diesen Feldern west­liche Vorstel­lungen niemals einheit­lich durch (nicht nur deshalb, weil Kolo­ni­al­mächte dies zum Teil aus Rassismus, aus ökono­mi­schen Gründen und auch schlicht aus Mangel an Hand­lungs­macht nur halb­herzig verfolgten). Viel­mehr kam es zur Bildung von pidgin know­ledge (H. Fischer-Tiné), von hybridem Wissen. Doch aus west­li­cher Perspek­tive erschienen die eigenen Vorstel­lungen von Hygiene dennoch als über­legen.

„Eine Maske erzählt uns mehr als ein Gesicht“

Neben dem Umstand, dass west­liche Regie­rungen kaum für den Fall einer Pandemie vorge­sorgt haben, sind es wohl diese beiden Punkte – die Über­zeu­gung von der Über­le­gen­heit der eigenen Hygiene und die Ableh­nung von Gesichts­ver­hül­lung –, die eine Akzep­tanz der Maske in der gegen­wär­tigen Situa­tion erschweren, selbst wenn auch in Deutsch­land und anderswo in den letzten Tagen medi­zi­ni­sche Experten mehr und mehr die Vorteile des Masken­tra­gens hervor­heben – und Masken sogar zum Zank­apfel zwischen west­li­chen Staaten werden. Das Argu­ment gegen die Maske ist, so zeigt auch ein Blick auf Reise­be­richte des 19. Jahr­hun­derts, ein zutiefst orien­ta­lis­ti­sches. Während es aus hygie­ni­schen Gründen schlüssig erscheint, dass sich das Coro­na­virus eindämmen ließe, wenn jede*r in der Öffent­lich­keit eine Maske trüge, stehen kultu­relle Argu­mente mit langer histo­ri­scher Tradi­tion dieser prag­ma­ti­schen Lösung im Weg. Zu groß ist die Sorge vor einem Verlust des Gesichts. Selbst die Kampa­gnen für das Tragen von Masken setzen daher auf den Faktor Indi­vi­dua­lität, und dies wohl nicht nur aus schierer Knapp­heit an medi­zi­ni­schen Masken, wenn sie die krea­tiven Gestal­tungs­mög­lich­keiten des einzelnen betonen. Oscar Wilde hat wohl recht, wenn er behauptet, dass eine Maske uns mehr erzählt als ein Gesicht.