KoolKill

„Die Zukunft des Wirtschaftssystems nach der Pandemie“ (Digitales Kolloquium am 7. Oktober 2020)

„Die Zukunft des Wirtschaftssystems nach der Pandemie“ (Digitales Kolloquium am 7. Oktober 2020)

Unser Digitalkolloquium zur ZUKUNFT DES WIRTSCHAFTSSYSTEMS NACH DER PANDEMIE fand am 7. Oktober 2020 von 17.00-18.00 Uhr statt. Zur gemeinsamen Diskussion gestellt wurde der hier veröffentlichte, von Niklas Dummer und Christian Neuhäuser verfasste Artikel zur Frage „Sozialliberale Marktwirtschaft oder autoritärer Kapitalismus?“. (Ein PDF des Textes findet sich hier). Einen Mitschnitt der Veranstaltung findet sich unten.

Die Moderation unseres digitalen Kolloquiums übernahm Martin Beckstein. Einen Diskussions-Input steuerte Franziska Dübgen bei. Das theorieblog-team dankt herzlich Niklas Dummer, Christian Neuhäuser und Franziska Dübgen sowie für seine Initiative und Moderation dieses Kolloquiums Martin Beckstein!

Die Zukunft des Wirtschaftssystems nach der Pandemie. 

Sozialliberale Marktwirtschaft oder autoritärer Kapitalismus?

1. Einleitung

Die Covid-19-Pandemie trifft Staaten, mit libertären Wirtschaftssystemen besonders hart. Wir möchten daher die Frage aufwerfen, wie es um zwei andere Wirtschaftssysteme angesichts der Pandemie steht. Das ist erstens ein sozialliberales System, wie es sich in den sozialen Marktwirtschaften Europas schwach andeutet. Zweitens handelt es sich um den autoritären Kapitalismus asiatischer Prägung, der staatskapitalistische Züge aufweist. Der mit der Pandemie verbundene politische und in der Öffentlichkeit auch so bezeichnete Ausnahmezustand und die daraus resultierende ökonomische Krise können einen Druck hin zu einer Modifikation marktliberaler Wirtschaftssysteme produzieren, so lautet unsere These. Es besteht die Chance, dass eine sozialliberale Alternative wieder stärker wird. Es besteht aber auch die Gefahr, dass sich vielerorts ein zunehmend autoritärer Kapitalismus durchsetzt, der Ähnlichkeiten mit einem Staatkapitalismus hat, bei dem die Marktwirtschaft und ihre einzelnen Prozesse also in einem hohen Maße durch staatliche Akteure gelenkt werden. Erstens ermöglicht dieser wirtschaftlichen Eliten, ihre in der Pandemie verlorene marktbasierte Macht politisch zurückzugewinnen. Zweitens produziert das Virus eine existentielle Angst, die zu einem gesteigerten Autoritätsbedürfnis führt (Fromm 2000). Dieser Gefahr kann dadurch begegnet werden, die gemeinwohlorientierten Tendenzen der sozialen Marktwirtschaft zu stärken und in Richtung eines tatsächlich sozialliberalen Systems weiterzuentwickeln. Das würde zu einer nachhaltigen Entmachtung wirtschaftlicher Eliten führen und die krisenbedingten existentiellen Ängste auffangen.

Für diese Position werden wir in drei Schritten argumentieren. In einem ersten Schritt werden wir einige für das Wirtschaftssystem zentrale Merkmale der Pandemie auflisten und darlegen, welche wirtschaftspolitischen Schwierigkeiten sich daraus ergeben. In einem zweiten Schritt werden wir erläutern, warum dies in der gegenwärtigen Lage die ohnehin schon sichtbare Tendenz zu einem autoritären Kapitalismus befördert. In einem dritten Schritt werden wir dann argumentieren, dass diese gefährliche Tendenz durch eine progressive Entwicklung in Richtung eines sozialliberalen Systems aufgehoben werden kann.

2.     Wirtschaftspolitische Beobachtungen in der Pandemie

Eine offensichtliche Lehre der Pandemie besteht darin, dass die Politik zumindest in Kontinentaleuropa auf eindrucksvolle Weise ihr Primat insbesondere der Wirtschaft gegenüber wiederherstellt (Heisbourg 2020: 9f.). Erhebliche ökonomische Einbußen werden in Kauf genommen, um durch Kontaktverbote die Ausbreitung des Virus zu reduzieren. Trotz einiger Widerstände am Anfang der Maßnahmen und immer wieder aufflammender Kritik besteht doch ein breiter Konsens, so scheint es, der diese Eingriffe trägt (Juhl et al. 2020: 6-8; Wagner/Kühne/Siegel 2020). Dafür gibt es offenbar eine Reihe von Gründen:

  1. Die Ursachen-Wirkungs-Ketten sind sehr klar, und das utilitaristische Nutzenkalkül erscheint eindeutig (Glover et al. 2020: 37-40). Enger Kontakt führt zu häufiger Infektion, und eine Infektion führt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu langanhaltenden gesundheitlichen Schäden oder zum Tod. Durch Kontaktsperren lässt sich diese Kausalkette gut unterbrechen. Um zahlreiche Tode zu verhindern, scheinen drastische Maßnahmen also gerechtfertigt.
  2. Es ist keine klare Bestimmung eines feindlichen Lagers der Verursacher*innen oder Betroffenen möglich. Zwar gibt es populistische Versuche, Asiat*innen und insbesondere Chines*innen verantwortlich zu machen. Das hat sich zumindest im vernünftigeren Teil des medialen Diskurses durch die rasche weltweite Verbreitung aber als absurd erwiesen (Vertovec 2020). Ähnlich verzweifelte Versuche, alte und vorerkrankte Menschen als feindliches Lager zu etablieren, scheinen daran zu scheitern, dass zu viele Menschen mit diesen besonders Betroffenen in sehr engen persönlichen Beziehungen stehen.
  3. Die ergriffenen Maßnahmen sind drastisch und können eine enorme Wirkung entfalten, aber es wird glaubhaft versprochen, dass sie nur für kurze Zeit erfolgen – was sich u. a. an den im Mai vollzogenen Lockerungsmaßnahmen zeigt. Auf diese Weise kann ein vorübergehender Ausnahmezustand behauptet und eine Art Katastrophenstimmung geschaffen werden, die für diese Dauer eine erhöhte Bereitschaft zur Solidarität und zu persönlichen Einbußen entstehen lässt. Das markiert einen zentralen Unterschied zu strukturellen und chronischen Problemen wie der globalen Armut und dem Klimawandel. Die dadurch induzierte Beruhigung der Bevölkerung kann allerdings nur für einen bestimmten Zeitraum gelingen.

Zusammen können diese drei Punkte gut erklären, warum die Politik durch die Pandemie die Möglichkeit hat, gegenüber der Wirtschaft ihr Primat wiederherzustellen. Weite Teile der Bürger*innen halten weltweit die drastischen Einschränkungen ihrer grundlegenden Freiheitsrechte zum Lebensschutz für legitim. Da erscheinen die Einschränkung wirtschaftlicher Freiheit und bereits sichtbare Disruptionen im Wirtschaftssystem nicht weniger gerechtfertigt. Allerdings stellt sich die Frage, ob der Staat sein Primat auch über die Pandemie hinaus wird aufrechterhalten können – und was das für die Zukunft von Wirtschaftssystemen und die globale Dominanz marktlibertärer Strukturen bedeutet.

Zugleich zeigt sich bereits, dass die ökonomischen Kosten der Pandemie auf mehreren Ebenen sehr ungleich verteilt sind. Man kann der Einfachheit halber drei Ebenen voneinander unterscheiden, um diese Effekte sichtbar zu machen: die volkswirtschaftliche Ebene, die branchenbezogene Ebene (und damit verbunden einzelne Unternehmen) und die Ebene individueller Wirtschaftsakteure.

Verschiedene Volkswirtschaften sind gegenwärtig sehr unterschiedlich betroffen. Dies hängt, abgesehen von politischen Sonderwegen einzelner Länder, vor allem von drei Faktoren ab: erstens wie stark das Virus bei ihnen ausgebreitet ist, zweitens welche Branchen bei ihnen besonders stark angesiedelt sind und drittens welche wirtschaftspolitische Grundstruktur einschließlich des Gesundheitssystems etabliert ist. Je stärker das Virus verbreitet ist, desto stärker sind die verordneten Einschränkungen und desto mehr wird der Wirtschaftskreislauf unterbrochen. Je stärker ein Land von besonders kontaktintensiven Branchen abhängig ist, desto stärker leidet die Volkswirtschaft (Ewing 2020). Deutschland beispielsweise ist zwar ein Exportland, aber eher in technischen Branchen stark, die weniger belastet sind. Demgegenüber sind Länder, die vor allem auf Tourismus angewiesen sind, ungleich härter betroffen (Blagov et al. 2020: 11). Länder mit einer sozialen Marktwirtschaft wie Deutschland oder einem autoritären Kapitalismus wie China können Einbußen besser abfedern als Länder mit einer sehr libertären Wirtschaftspolitik. Ersteren beiden stehen beispielsweise Maßnahmen wie Kurzarbeit, sozialstaatliche Hilfeleistungen oder sogar massive Investitionsprogramme zur Stützung der Binnenwirtschaft viel schneller und leichter zur Verfügung. Gerade dieser Punkt ist für die zu berücksichtigenden Folgen nicht zu unterschätzen.

Branchen sind sehr unterschiedlich betroffen. Insbesondere die Digitalwirtschaft profitiert enorm. Der Aktienkurs von Amazon ist entsprechend gestiegen, und Jeff Bezos, ohnehin schon der reichste Mensch der Welt, wird sicherlich noch einmal deutlich reicher werden (Frank 2020). Vor dem Hintergrund, dass die Digitalwirtschaft bereits massiv oligopolistische und mitunter monopolistische Strukturen aufweist, ist hier krisenbedingt mit einer weiteren Konzentration von Kapital und ökonomischer Macht zu rechnen. Auf der anderen Seite stehen alle Branchen und Unternehmen, die besonders stark mit persönlichen Kontakten verbunden sind. Dazu gehören die gesamte Tourismusbranche und weite Teile des Kulturbetriebes (Bachmann et al. 2020: 1f.). Im letzteren Fall besteht ein zusätzliches Problem darin, dass über kleine Theater und Vereine organisierte Gegenkulturen sowie viele andere zivilgesellschaftliche Begegnungsstätten an Halt verlieren. Das befördert einen Trend hin zu einer weiteren Homogenisierung massenmedial vermittelter Informationen und Kulturgüter über das Fernsehen und zentrale Zeitungen. Einzig das Internet hält hier einen Ort pluraler Kulturräume aufrecht, der aber strukturell von wenigen Unternehmen kontrolliert wird und systemisch zur organisierten Unvernunft neigt.

Auf der Ebene individueller Akteure gibt es einige wenige Gewinner in absoluten Zahlen, beispielsweise Aktienbesitzer*innen von Internetunternehmen. Es gibt aber zahlreiche relative Gewinner. Dazu gehören erstens all diejenigen, die ihre Jobs nicht verloren haben und ihre vollständigen Einkommen weiter erhalten. Zu den relativen Gewinnern werden in absehbarer Zeit auch all diejenigen zählen, die von einer zu erwartenden Inflation profitieren, beispielsweise Menschen mit Immobilienkrediten. Zu den ökonomischen Verlierern gehören klarerweise Menschen, die ihre Jobs verloren haben, und insbesondere diejenigen, die aufgrund des Verlustes von Einnahmequellen Insolvenz privat oder im Betrieb anmelden müssen. Hier zeigt sich jetzt schon, dass es vor allem prekär Beschäftigte und Kleinunternehmer*innen sind, die besonders unter der Krise zu leiden haben. Das gilt auch deswegen, weil für sie keine oder kaum geeignete zusätzliche Auffangpakete geschnürt worden sind (Ahmed et al. 2020).

Da die Pandemie aller Voraussicht nach nicht in wenigen Monaten beendet sein wird, ist zu erwarten, dass Staaten ihre neu zurückgewonnene Handlungsmacht noch eine Weile behalten werden. Zumindest bis es einen Impfstoff gibt, was frühestens 2021 der Fall sein wird und noch keineswegs ausgemacht ist (Heisbourg 2020: 8), sind Staaten darin legitimiert, zum Schutz der Grundrechte auf Leben und Gesundheit erhebliche Einschränkungen anderer Grundrechte und wirtschaftlicher Rechte vorzunehmen. Zwar werden immer wieder Forderungen nach Lockerungen laut und auch umgesetzt werden. Aber bei steigenden Fallzahlen, insbesondere mit Todesfolge, ist auch eine immer wiederkehrende Akzeptanz von zeitlich beschränkten Restriktionen zu erwarten. Wenn das zutrifft, dann ist von einer staatlich kontrollierten Pendelbewegung auszugehen. Diese Pendelbewegung zwischen Lockerungen und Restriktionen hat erhebliche Auswirkungen auf das Wirtschaftssystem, denn es erscheint offensichtlich, dass Märkte allein unter diesen Bedingungen nicht die erwünschten Resultate erzielen. Das lässt die Verbreitung eines autoritären Kapitalismus befürchten, wie wir im nächsten Abschnitt diskutieren werden.

Allerdings ist dafür die gerade eingeführte Annahme einer anhaltenden Pandemie mit einer gewissen Pendelbewegung zentral. Wenn es zu keiner Pendelbewegung kommt und in absehbarer Zeit eine Rückkehr zu dem vorherigen libertären oder nur schwach sozialen Wirtschaftssystem realistisch erscheint, dann ist die ökonomische Geschichte der Corona-Krise schnell erzählt. Sie besteht aus nur drei nicht besonders spektakulären Akten.

Im ersten Akt, in dem wir uns gerade befinden, streiten drei Lager miteinander. Das erste Lager plädiert für ökonomische Reformen zugunsten ökonomisch benachteiligter Gruppen, weil in der Krise sichtbar geworden ist, dass das Wirtschaftssystem auf solidarischer Kooperation beruht, ökonomisch schwache Gruppen von Krisen besonders hart und wirklich existentiell, nicht nur in einem großbürgerlichen Sinne, getroffen werden und gleichzeitig gesellschaftlich wertvolle Arbeit leisten. Das zweite Lager plädiert für eine schnelle Rückkehr zum alten Wirtschaftssystem, um die alten Strukturen der Produktion, aber auch damit verbundenen Machtverhältnisse wiederherzustellen. Das dritte Lager versucht zwischen beiden zu vermitteln, indem es mehr oder weniger große ökonomische Reformen anregt, unter dem Deckmantel eines besseren Krisenschutzes, aber in Wahrheit oft um eigene politische oder ökonomische Interessen zu schützen. Das gilt beispielsweise für Politiker*innen etablierter Parteien im Wahlkampfmodus.

In einem zweiten Akt werden sich unter diesen Bedingungen wohl die restaurativen Kräfte durchsetzen. Sie haben erstens ihre ökonomische Macht nicht in einem hinreichend großen Ausmaß verloren und kontrollieren noch genug Kapital, um politischen Druck erneut aufbauen zu können. Zweitens bekommen sie Unterstützung von klassischen Ökonom*innen, die wirtschaftliche Entwicklung und Stabilität mit Wachstum gleichsetzen (siehe bspw. Feld et al. 2020). Sie werden daher politische Maßnahmen fordern, die insbesondere große Kapitaleigentümer*innen bevorzugen, weil das eine schnelle Rückkehr zu Wachstum verspricht und entsprechende Signale an Märkte und Börsen ausstrahlt. Das verstärkt die politische Macht kapitalistischer Eliten noch einmal.

Der dritte Akt vollzieht die Tragödie mit einer Rückkehr zum Ausgangszustand. Reiche Akteure werden aufgrund ihrer letztlich doch intakt gebliebenen Verbindungen zu politischen Eliten solche politischen Maßnahmen durchgesetzt haben, die sie als Gruppe besonders wenig in Mitleidenschaft ziehen, auch wenn das nicht für jeden Einzelfall gelten mag. Die Kosten der Pandemie wird die Gesellschaft insgesamt zu tragen haben, und die persönlichen Kosten für die ärmsten Gesellschaftsmitglieder werden besonders hart sein (Fessler/Schürz 2020). Makroökonomische Besserungserscheinungen und minimale sozialstaatliche Auffangmechanismen überdecken dieses Ergebnis. Die Pandemie wird das libertär orientierte Wirtschaftssystem dann nicht zerstören, sondern eher für eine Weile zumindest reanimieren. Selbst der Abbau sozialstaatlicher Strukturen wird dann weitergehen, weil das den nunmehr wieder erstarkten Interessen des Kapitals entspricht.

3. Auf dem Weg in den autoritären Kapitalismus?

Vielleicht kommt es aber zu einer anhaltenden Pendelbewegung, in der Restriktion und Lockerung von Schutzmaßnahmen einander abwechseln. Ihre zu erwartende Dauer hat einen erheblichen Einfluss auf Funktionalität und Struktur zukünftiger Wirtschaftssysteme.

Der zentrale Grund für eine zu erwartende Transformation ist, dass sich ein Laissez-faire-Kapitalismus, der hauptsächlich über Preissignale an Märkten gesteuert wird, im Krisenmodus in mehrfacher Hinsicht als besonders dysfunktional erweist. Da in solch einer Krise wie der Pandemie nicht klar ist, wann welche ökonomischen Tätigkeiten erlaubt sein werden, ergibt sich eine Reihe von nicht planbaren Unsicherheiten, die die Fragilität von Märkten zutage fördern (Bachmann et al. 2013; Baker et al. 2020). Insbesondere kommt es zu Unsicherheiten bei der Nachfrage und darüber auch in Produktion, Investition und bei Arbeitsplätzen. Kapitalinvestitionen sind nicht mehr mit hinreichender Sicherheit einer gewissen Renditeerwartung möglich (Fritsche/Harms 2020: 266f.). Diese Investitionsunsicherheit ist ein Faktor, der einen autoritären Kapitalismus begünstigt. Gleichzeitig sind die Jobs sehr vieler von ihrer Erwerbsarbeit abhängigen Beschäftigten sehr fragil geworden (Bachmann et al. 2020). Auch hier ist nicht klar, wann eine größere Stabilität erreicht werden kann. Diese Einkommensunsicherheit ist ein zweiter Faktor, der einen autoritären Kapitalismus begünstigt.

Warum ist es so, dass Investitionsunsicherheit und Erwerbsunsicherheit zu einer gesteigerten Akzeptanz von Autorität führen? Zunächst besteht natürlich ein allgemeiner Zusammenhang zwischen existentieller oder existentiell erlebter Unsicherheit, einer das Weltbild erschütternden Urangst und dem Bedürfnis nach charismatischer Führung, der eine beruhigende Welterklärung gelingt und die Sicherheit verspricht. Die anhaltende Verunsicherung, aber auch Zersetzung bekannter Strukturen und Lebensformen durch die Pandemie schafft also einen reichhaltigen Nährboden für Autoritätsbedürftigkeit, die sich in Autoritätshörigkeit verwandeln kann, wenn sie geschickt genutzt wird (Fromm 2000). Investitionsunsicherheit und Erwerbsunsicherheit verstärken diesen Zusammenhang, und Vorschläge zu ihrer Bewältigung können leicht zu einem autoritären Kapitalismus führen.

Während der Pandemie erweisen sich staatliche Strukturen als besonders stabil und geeignet, mit den Risiken umzugehen. Sie organisieren alle zentralen Maßnahmen zur Bewältigung der Krise. Da liegt es nahe, vom starken Staat zu erwarten, auch Investitionssicherheit zu gewährleisten. Im Grunde stehen dafür zwei Mechanismen zur Verfügung. Erstens lassen sich solche Wirtschaftszweige direkt finanziell unterstützen, die auch in der Pandemie oder zumindest danach wieder Renditen versprechen. Diese Unterstützung kann auf unterschiedliche Weise stattfinden, beispielsweise durch günstige Kredite, direkte Subventionen und Steuererleichterungen. Die Politik kann dabei Signale an die Wirtschaft senden, sich in eine bestimmte Richtung zu entwickeln, etwa indem sie diese Erleichterungen an grüne Technologien bindet. Jedenfalls zeigt sich hier, dass die Pandemie mit einer erheblichen wirtschaftspolitischen Macht und einem damit einhergehenden Gestaltungsspielraum des Staates verbunden ist. Dasselbe gilt für die zweite Maßnahme, nämlich die Aktivierung der Binnennachfrage. Auch dies ist durch vergünstigte Kredite, Steuererleichterungen oder Umverteilung und Geldgeschenke möglich. Wieder erlaubt das erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten durch eine Konzentration auf bestimmte Güter und Dienstleistungen.

Wenn wir bei der einfachen Unterscheidung von libertärer Ökonomie, autoritärem Kapitalismus und sozialliberalem System bleiben, dann können diese Maßnahmen auf eine Weise genutzt werden, um eines der drei Systeme zu befördern und in den beiden letzteren Fällen den dafür nötigen institutionellen Umbau zu initiieren. Wir möchten noch einmal betonen, dass die Aussichten einer marktlibertären Restauration bei einer anhaltenden Pandemie schlecht aussehen. Dafür gibt es drei Gründe. Erstens würden die Kosten der Pandemie erheblich steigen, und immer mehr staatliches Geld müsste in das System gepumpt werden. Das wäre den Bürger*innen gegenüber irgendwann nicht mehr zu rechtfertigen, wenn gleichzeitig keine einschneidenden und die Bevölkerung besänftigenden Reformen verkündet werden. Denn es wären dann die alten Eliten, die von den Maßnahmen am meisten profitierten, und die ohnehin schon stattfindende Umverteilung von unten nach oben würde noch offensichtlicher. Zweitens würde das einer starken Selbstentmächtigung der Politik zugunsten wirtschaftlicher Eliten gleichkommen, und es ist zumindest unklar, ob die Politik diese in den Monaten der Pandemie liebgewonnene wirtschaftspolitische Macht wieder aufgibt. Drittens wären Wirtschaftseliten dennoch über lange Zeit in einem hohen Maße von dem guten Willen der Politik abhängig. Das widerspricht nicht nur ihrem Selbstbild, sondern stellt auch einen erheblichen Unsicherheitsfaktor dar. Es ist also unwahrscheinlich, dass diese Wirtschaftseliten das Ende einer anhaltenden Pandemie abwarten und darauf setzen, dann wieder restauriert zu werden.

Genau diese Argumente gegen eine Rückkehr zu einer libertären Marktwirtschaft nach einer anhaltenden Krise sprechen auch für die vermutlich schleichend stattfindende Entwicklung hin zu einem autoritären Kapitalismus. Erstens wird der Staat seine wirtschaftspolitische Macht unserer Einschätzung nach nicht so schnell wieder abgeben, sondern den anhaltenden Krisenmodus ausnutzen, um diese auszubauen. Da die Pandemie im Kern eine nichtökonomische Krise ist und nach anderen Standards bewertet wird, sind einschneidende wirtschaftspolitische Maßnahmen dauerhaft möglich. Anders ausgedrückt, hat die Wirtschaft deswegen ihr Primat verloren, weil es plötzlich nicht mehr ökonomische Kennzahlen sind, die zur Bewertung des Erfolges politischen Handelns und Krisenmanagements dienen.

Zweitens können politische Eliten die Pandemie nutzen, um auch jenseits des Wirtschaftssystems ihre Macht zu stabilisieren, indem sie lernen, die Medien besser zu kontrollieren und demokratische Prozesse auszuhöhlen. Die jahrzehntelange große Koalition hat durch einen relativen politischen Stillstand ohnehin schon ihren Teil dazu beigetragen. Die gegenwärtige Lernkurve besteht vor allem darin, dass sich Krisen hervorragend nutzen lassen, um unliebsame Themen aus dem öffentlichen Diskurs zu verbannen und von der politischen Agenda zu streichen. Das gilt beispielsweise für das Thema der Migration nach Europa, aber auch für den zuvor gestiegenen öffentlichen Druck in der Klimafrage. Populistische und verschwörungstheoretisch verführbare Scheinoppositionen tragen zu dieser Diskurskontrolle noch bei.

Es kann gut sein, dass durch das angestiegene Sicherheitsbedürfnis in der Bevölkerung und die Sehnsucht nach charismatischer Führung auch strukturelle Umbaumaßnahmen des politischen Systems durchsetzbar werden. Erste Vorstöße in diese Richtung gibt es bereits, indem die Funktionalität von Parlamentarismus und Föderalismus infrage gestellt und versuchsweise ausgehöhlt wird. Doch selbst wenn das in absehbarer Zeit nicht gelingt, dann zeigt sich immerhin doch, dass bereits der wahrgenommene Ausnahmezustand ein konsequentes Durchregieren erlaubt. Natürlich ist die Krise real und auch nicht künstlich erzeugt. Alle Vermutungen in diese Richtung desavouieren sich selbst. Aber das ändert nichts daran, dass sich Krisen autoritär nutzen lassen. Und die gegenwärtige weltpolitische Lage macht es wahrscheinlich, dass die nächste Krise nicht allzu lange auf sich warten lässt. Politik als ein auf Dauer gestelltes Management immer neuer Krisen erleichtert einen strukturellen Umbau hin zu autoritären Strukturen. Die Pandemie könnte dafür ein wichtiger Baustein sein.

Dies leitet über zum dritten und entscheidenden Punkt für eine mögliche Entwicklung hin zu einem autoritären Kapitalismus. Wenn die Politik auf einen dauerhaften Krisenmodus umstellt, ihre Autorität erhöht und damit auch ihre wirtschaftspolitische Macht langfristig sichert, dann kommt das einer Entmächtigung ökonomischer Eliten gleich. Der Burgfrieden zwischen politischer Demokratie auf der einen Seite und der davon entkoppelten autoritären Kontrolle des Kapitals über das Wirtschaftssystem einschließlich der zentralen Elemente der Wirtschaftspolitik auf der anderen Seite ist damit aufgekündigt. Der einzige Weg für das Kapital bzw. seine Eigentümer, die verlorene Macht zurückzugewinnen, besteht dann darin, selbst in die Politik zu drängen und sie genauso vom demokratischen Willensbildungsprozess zu lösen, wie es zuvor im Bereich der Wirtschaft und Wirtschaftspolitik schon gelungen war.

Bereits bestehende enge Kontakte zur Politik (Hartmann 2018: 170, 237; Crouch 2013: 165f.), der große Einfluss auf Medien (Cagé 2020: 126-131; Crouch 2013: 63-69), das immer noch bestehende Drohpotenzial, ihr Kapital zu vernichten, und die Sehnsucht nach erlösenden charismatischen Führungspersönlichkeiten spielen den ökonomischen Eliten dabei in die Hände. Es ist zu erwarten und bleibt zu beobachten, wie in kleinen Schritten die personale Verbindung zwischen Parteien, Verwaltung und Wirtschaft immer enger wird. Es gilt auch zu beobachten, wie wirtschaftliche Eliten die Medien nutzen, um ihre Anliegen über Persönlichkeiten zu platzieren. Wenn es auf diese Weise zu einem Schulterschluss zwischen wirtschaftlichen und Teilen der politischen Eliten kommt, dann ist eine gemeinsame mediale Kampagne zu erwarten, die sie als Krisenbewältiger*innen, Freiheitsbewahrer*innen und Wohlstandsstifter*innen darstellt. Das schafft politische Mehrheiten, und die können genutzt werden, um verfassungsbewährte liberale und demokratische Grundrechte allmählich auszuhöhlen. Die im Reallabor erlebte relative Ohnmacht der Verfassungsgerichte angesichts immer neuer Erlasse zur Verhaltensregulation der Bevölkerung bietet dieser neuen autoritären Elite eine Blaupause für ihre mögliche Strategie. Zugleich werden Marktstrukturen wirtschaftspolitisch so manipuliert, dass Gewinne zunehmend diesen Eliten zufallen (Shipman/Edmund/Turner 2018: 79-81, 107f.; Stiglitz 2017: 120-127, 164-170; Piketty 2014). Auch das ist ein Prozess, der längst im Gange ist und ausgebaut werden kann.

Es kann natürlich sein, dass es auch bei einer anhaltenden Krise nicht zu solch einem verstärkten Schulterschluss kommt und zu viele Akteure der autoritären Verführung widerstehen. Das gilt es abzuwarten. Allerdings ist dieser Ausweg eines autoritären Kapitalismus für politische und wirtschaftliche Eliten außerordentlich verführerisch. Er verspricht politischen Eliten, ihre neu gewonnene Macht zu behalten, und wirtschaftlichen Eliten, ihre Macht zurückzuerlangen. Er verspricht wirtschaftlichen Eliten auch, ihre überproportionale Abschöpfung der wirtschaftlichen Gewinne zu behalten, und politischen Eliten, zunehmend daran teilzuhaben. Die Gefahr einer Entwicklung hin zu einem autoritären Kapitalismus ist also real (Milanovic 2019).

4. Die sozialliberale Alternative

Es gibt eine Alternative zu einem Abgleiten in einen autoritären Kapitalismus, die dennoch die Probleme einer libertären oder nur schwach sozialen Marktwirtschaft umgehen kann. Sie besteht in einem Ausbau der sozialen Elemente des gegenwärtigen Wirtschaftssystems hin zu einem sozialliberalen Wirtschaftssystem. Es sind vor allem zwei grundlegende Änderungen gefordert: Auf der einen Seite sind das eine höhere Einkommenssicherheit und -gleichheit. Auf der anderen Seite ist das eine gleichmäßigere Verteilung des Vermögens, insbesondere der Produktionsmittel. Diese Maßnahmen haben drei wichtige Effekte für Stabilität und Gerechtigkeit im Krisenmodus.

Erstens wird durch die beiden Neuausrichtungen die Legitimität des politischen Systems erhöht. Mehr Menschen werden für ihre kooperativen Beiträge wertgeschätzt, und im Falle einer Krise wie der Pandemie sind weniger Menschen existenziell getroffen und müssen unverschuldet um Hilfe bitten. Das liegt nicht nur an größerer Einkommenssicherheit, sondern auch daran, dass eine flächendeckende Beteiligung am Produktionskapital eine bessere Risikoabfederung verspricht.

Zweitens erhöhen diese Maßnahmen die Solidarität in der Bevölkerung, weil es die geringere Ungleichheit und gleichmäßigere Verteilung von Einkommen und Vermögen ermöglicht, auch die Kostenlasten gleichmäßiger zu verteilen. Die Einkommen und Vermögen sind strukturell stärker aneinandergekoppelt, und Belastungen treffen die Akteure in einem stärkeren Ausmaß gleich, sodass niemand sich zu stark be- und andere zu stark entlastet sehen kann. Das unterbindet dauerhaft Neid- und Giervorwürfe, die ansonsten schnell zu unfruchtbaren Verteilungskämpfen führen können (Schürz 2019: 177-185).

Drittens ist aufgrund der strukturellen Eingriffe nicht mehr so viel wirtschaftspolitische Macht in den Händen weniger superreicher Wirtschaftsakteure konzentriert, was auch wettbewerbsschädliche Tendenzen haben kann. Diese Akteure kontrollieren nicht mehr einen Großteil der Produktionsmittel. Sie verlieren dadurch ihr Drohpotenzial und die Möglichkeit, die Politik zu infiltrieren, um das politische System in Richtung eines autoritären Kapitalismus unter ihrer Beteiligung umzubauen. Gerade diese Schwächung wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer Eliten angesichts einer drohenden autoritären Wende ist zentral. Wenn das Produktionskapital in der Bevölkerung breit gestreut ist, dann kann sich die Bevölkerung auch dauerhaft gegen autoritäre Strukturen in der Politik wehren, der dann der Rückhalt wirtschaftlicher Eliten fehlt.

Welche Maßnahmen können solch eine sozialliberale Alternative befördern, die gleichzeitig krisenfester und wehrhaft gegen autoritäre Machtansprüche ist? Es sind vor allem zwei Typen von Maßnahmen, die gefordert sind. Erstens ein bedingungsloses Grundeinkommen (Piketty 2020: 1228-1233), verbunden mit einem Recht auf Arbeit, und ein deutlich über dem Grundeinkommen liegender Mindestlohn (Neuhäuser 2018: 245f.; ders. 2016). Zweitens sind für eine relative Gleichverteilung des Kapitals sorgende Steuern nötig, nämlich eine Vermögenssteuer und eine Erbschaftssteuer. Hinzu kommen flankierende Maßnahmen, die eine rasante Kapitalflucht verhindern. Das sind eine klug strukturierte Finanztransaktionssteuer, Kartell- und Übernahmeregelungen und unserer Ansicht nach auch eine Demokratisierung von Unternehmen.

Ein Grundeinkommen sorgt dafür, dass Krisen, die auf zufällige Weise unterschiedliche Menschen unterschiedlich stark treffen, zu keinem im strengen Sinne existenziellen Ruin führen. Außerdem wird das Sozialsystem dadurch von seiner demütigenden Struktur bereinigt (Dagan 2011: 66f.). Dafür ist es eine Voraussetzung, dass das Grundeinkommen an der relativen Armutsgrenze liegt. Allerdings muss zugleich auch verhindert werden, dass ein Grundeinkommen ein Recht auf Arbeit entwertet, weil es ja eine andere Art der nichtstigmatisierenden Versorgung gibt, und zu weiteren Lohnsenkungen in Niedriglohnbereichen führt. Durch einen flächendeckend durchgesetzten Mindestlohn lässt sich dies verhindern, wenn dieser deutlich oberhalb der relativen Armutsgrenze angesiedelt ist. Dafür müssen allerdings zugleich alle Umgehungsformen durch Leiharbeit, Minijobs etc. abgeschafft werden.

Wichtig ist zweitens die schrittweise Einführung einer stark progressiven Steuerstruktur, die zu einer weiteren Streuung des Produktionskapitals führt. Das sind erstens eine Erbschaftssteuer und zweitens eine Vermögenssteuer (Neuhäuser 2018: 240f.). Erwägenswert ist auch eine sehr hohe Einkommenssteuer auf sehr hohe Einkommen, um Umgehungsversuche zu verhindern (Piketty 2020: 1192-1202). Diese Steuern sorgen dafür, dass die Konzentration von Kapital in wenigen Händen effektiv verhindert und ein Schulterschluss ökonomischer und politischer Eliten für den Umbau hin zu einem autoritären Kapitalismus unwahrscheinlich wird. Dafür ist es allerdings wichtig, auch verdeckte Formen der Kapitalkonzentration, beispielsweise durch Stiftungsbildung, zu verhindern.

Die dritte Gruppe von Maßnahmen dient dazu, ein sozialliberales Wirtschaftssystem zu stabilisieren und gegen libertäre oder autoritäre Strukturen zu schützen. Einmal gehört dazu eine Finanztransaktionssteuer, die den Aktienmärkten die Macht nimmt, das realwirtschaftliche Geschehen zu kontrollieren. Das betrifft nicht nur riskante Termingeschäfte, sondern alle Verschiebungen von großen Kapitalmengen, insbesondere über Ländergrenzen hinweg. Diese könnten noch einmal extra besteuert werden. Dazu gehören auch ein Kartell- und Übernahmerecht, das die Entstehung von marktbeherrschenden Unternehmen mit einer entsprechend konzentrierten Wirtschaftsmacht verhindert. Unserer Ansicht nach gehört dazu auch eine Demokratisierung von Unternehmen, weil nur so die Entstehung neuer wissensbasierter Machteliten an Märkten, beispielsweise im IT-Bereich, verhindert werden kann.

Die Corona-Krise oder die nächste Krise könnten ein Anstoß für derartige Reformen sein. Die politischen Chancen dafür erscheinen freilich nicht besonders groß. Zu eng sind schon die Verbindungen wirtschaftlicher und politischer Machteliten und zu groß ihre Kontrolle des öffentlichen Diskurses. Wahrscheinlicher ist also eine krisenbedingte Dynamik, in der die Politik durch ihre Wirtschaftspolitik immer wieder bestimmte wirtschaftliche Kräfte stärkt, die dann ihrerseits ihre Kontrolle über die Märkte festigen können. Auf diese Weise entsteht die oben beschriebene Entwicklung hin zu einem autoritären Kapitalismus, wie sie in asiatischen Ländern wie Singapur, Malaysia oder China bereits vollzogen ist (Carney 2018), sich in osteuropäischen Ländern entwickelt und sich in ehemals libertären angelsächsischen Demokratien bereits abzeichnet.

Niklas Dummer ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie und Politikwissenschaft der TU Dortmund und leitet die Redaktion der Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik. Er beschäftigt sich u.a. mit Eigentums- und Würdetheorien.

Christian Neuhäuser ist Professor für praktische Philosophie an der TU Dortmund. Er arbeitet zu Theorien der Selbstachtung und Verantwortung sowie zu Fragen der ökonomischen und internationalen Gerechtigkeit. Aktuelle wissenschaftliche Buchpublikationen sind: Reichtum als moralisches Problem (Suhrkamp) und herausgegeben zusammen mit Christian Seidel: Kritik des Moralismus (Suhrkamp).

Was gibt dem Leben Sinn? Erfahrungen nach Corona

Was gibt dem Leben Sinn? Erfahrungen nach Corona








Audio herunterladen
(26 MB | MP3)

Der Corona-Lockdown machte bewusst, wie wichtig der Kontakt zu anderen Menschen ist. Auf sich selbst zurückgeworfen, stellte sich nicht selten die Frage nach dem Sinn des Lebens. Was darunter zu verstehen ist? Der Philosoph und Buchautor Wilhelm Schmid hat sich darüber Gedanken gemacht.

Links der Woche, rechts der Welt 15/20

Links der Woche, rechts der Welt 15/20

Das Reale ist wirklicher als die Realität

In der NZZ mosert Slavoj Žižek darüber, dass seine Isolation im Home Office nun keine selbstgewählte mehr ist, sondern erste Bürgerpflicht. Schlimmer aber ist, dass man gar nichts von einer Ausnahmesituation mitbekommt, wenn man weiterleben kann wie bisher. Aber Lacan hat einige gute Tipps parat. (06.04.20)

Mittelalter und Masse

Irgendwie ist Giorgio Agamben zum Stichwortgeber seiner Zunft in der Corona-Krise geworden. In der NZZ legt er nach und wundert sich, wie bereitwillig wir extreme Eingriffe in unser Leben hinnehmen, sofern sie dem Infektionsschutz gelten. Dieser Notstand wird politische Spuren hinterlassen. (07.04.20)

Wir wissen mehr übers Nichtwissen.

Die FR unterhält sich dagegen ganz entspannt mit Jürgen Habermas darüber, wie er die Unsicherheit in der Corona-Krise erlebt und warum es einen philosophischen Fortschritt im Verhältnis zwischen Glauben und Wissen gibt. Außerdem geht es um sein Buch „Auch eine Geschichte der Philosophie“ und seinen komischen Titel. (07.04.20)

Expertenherrschaft statt Volksparteien?

Der Physiker Peter Grassmann blickt bei Telepolis auf den erfolgreichen Umgang Taiwans mit der Covid-19-Epidemie. Im Vergleich dazu hat Deutschland gründlich versagt, was politisch-systematische Gründe hat: Hier leitet kein Experte das Gesundheitsministerium, sondern ein Bankkaufmann mit Direktmandat und dem richtigen Parteibuch. (08.04.20)

Ankunft und Heimkehr in sich selbst

Das Selbstbewusstsein macht ruhelos, weiß Otto A. Böhmer in der FR und blickt auf Sören Kierkegaard. Für den ist Selbstfindung stets auch eine Art Gottesdienst, mit dem er es jedoch auf lebensverkürzende Weise übertrieben hat. Also Vorsicht beim Grübeln über sich selbst! (08.04.20)

Todesangst als Unfreiheit

Aus Furcht vor einem Kollaps des Gesundheitssystems riskieren wir wirtschaftlichen Ruin und geben Freiheiten auf, was Thea Dorn in der ZEIT einiges Unbehagen bereitet. Denn es zeigt sich in der Krise unsere Unfähigkeit, mit dem Unvermeidlichen umzugehen und ihm würdevoll zu begegnen. (08.04.20)

lieber Ökofaschismus als Weltuntergang“

Herbert Meyer hat bei Extinction Rebellion mitgemacht und berichtet bei Telepolis aus dem Inneren einer „ökopopulistischen Sekte“, die weniger an inhaltlichen Auseinandersetzung als an Masse und Aufmerksamkeit interessiert ist – und eher inquisitorisch auf interne Kritiker wie Meyer reagiert. (11.04.20)

(Photo: Tama66, Peter H, pixabay.com, CC0)

Bücher

Christian Berg fragt in seinem Buch, was einer tatsächlich nachhaltigen Wirtschaftsweise im Weg steht, und die taz nickt nachdenklich dazu. +++ Myriam Revault d’Allonnes macht als Merkmal postfaktischer Zeiten die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit aus und die FAZ stellt ihr Buch vor. +++ „Die Suppe von Wuhan“ ist ein von Pablo Amadeo herausgegebener Sammelband mit Essays von Agamben, Žižek et.al. zur Corona-Krise, der kostenlos im Netz verfügbar ist und von der taz vorgestellt wird. +++ Michel Foucaults aus dem Nachlass zusammengebauter Band „Die Geständnisse des Fleisches“ blickt auf die antike Sexualpolitik und wird bei Glanz & Elend besprochen, wo es auch eine Rezension der 1.100 Seiten starken Karl-Kraus-Biographie von Jens Malte Fischer gibt.

Radio

Im DLF kommt heute die Lange Nacht über das spannende Leben des nicht nur Kinderbücher schreibenden Roald Dahl. Bei Essay und Diskurs führt uns Navid Kermani an den Osterfeiertagen in drei Teilen durch seine Hausbibliothek; zum Auftakt wird der Verleger Egon Ammann vorgestellt. Morgen beschäftigt sich Sein und Streit u.a. mit Simone de Beauvoir und der Ausgangsbeschränkung als Anfang aller Philosophie. Das Feature von Markus Metz und Georg Seeßlen über den Mars in der Popkultur kann und soll man gut nachhören; als ergänzende Lektüre sei LW47 zum gleichen Thema empfohlen.

Die Unordnung der Dinge

Adam Soboczynski zeigt sich in der ZEIT merklich entsetzt darüber, dass Chinas digitaler Überwachungsstaat in der Corona-Krise seine Überlegenheit über westlichen Liberalismus demonstriert haben könnte. +++ Das gesamte politische Spektrum schwärmt im pandemischen Stillstand von „Achtsamkeit“, beobachtet Jens Balzer unter den schönen Überschrift „Querfront der Entschleunigung“ in der ZEIT. +++ Der Tagesspiegel dagegen wundert sich, warum der Stillstand nicht für Muße genutzt werden kann, sondern allernorts Selbstoptimierung im Home Office stattfinden muss. +++ Wolfram Ette macht sich im Freitag systemtheoretische Gedanken über Kommunikation und Medien in Krisenzeiten. +++ Der Kampf geht weiter: Frieder Otto Wolf appelliert im Freitag an alle guten Geister, Herrschaftsstrukturen zu analysieren und Erkenntnis zu vermitteln, um den Kampf für unsere Lebensgrundlagen und eine befreite Gesellschaft nicht aufzugeben. +++ „Die Krise zeigt, dass die Veränderung notwendig ist“, schreibt Georg Diez in der ZEIT und macht eine Inventur der Ideen für eine bessere Gesellschaft im Danach. +++ Die FR unterhält sich mit dem Totalitarismus-Forscher Jason Stanley über die Corona-Krise als Chance für die Trump-Regierung, die US-Demokratie zu demontieren. +++ Friedensforscher Hans-Georg Ehrhart warnt im Freitag vor der Kriegsrhetorik und einer Normalisierung des Ausnahmezustands. +++ Die NZZ dagegen unterhält sich mit dem notorischen Optimisten Steven Pinker über die zwangsläufige Erholung von der Krise.

Berichte aus der Akademie

Auch die FAZ blickt auf die finanzielle Lage von Studis, die nun massenhaft ohne Nebenjobs dastehen. +++ Eine japanische Fachzeitschrift will einen Beweis der ABC-Vermutung veröffentlichen, den keiner versteht, was der FAZ ein gefährlicher Dammbruch ist. +++ Die FAZ berichtet außerdem über chinesische Tierversuche, wonach auch Hauskatzen das neuartige Corona-Virus übertragen könnten, Hunde jedoch nicht. +++ Die ZEIT blickt auf den Zusammenhang zwischen Angststörungen und wirtschaftlicher Lage, der in und nach der Corona-Krise so richtig durchschlagen wird.

Trotz Philosophie

Manfred Rebhandl zählt in der ZEIT die (erstaunlich vielen) Toten seiner Kindheit und Jugend auf dem österreichischen Land. +++ Die Triage hat einen schlechten Ruf, weshalb Matthias Warkus in seiner Spektrum-Kolumne klarstellt, dass es sich fast schon um das Gegenteil der Selektion in KZs handelt. +++ Der Standard stellt Walter Benjamins Aufsätze zu Wesen und Wirken Franz Kafkas vor. +++ Die ZEIT unterhält sich mit Camille Froidevaux-Metterie über ihre feministische Phänomenologie, die von den sekundären Geschlechtsmerkmalen der Frau ausgeht. +++ Auch die Berliner Hannah-Arendt-Ausstellung musste ins Internet umziehen, wie die FAZ meldet und einige interessante Exponate vorstellt. Zur Ausstellung bitte hier entlang. +++ Mit der Langeweile haben sich Philosophie und Literatur schon lange vor Ausgangsbeschränkungen auseinandergesetzt, woran der Tagesspiegel erinnert. +++ Gelangweilt, wenn nicht gar angekotzt zeigt sich ebd. Marcus Quent von den philosophischen und soziologischen Auslassungen zu den Ausgangsbeschränkungen. +++ Die Eindämmung einer Pandemie ist ein Gut, das wohlweislich gegen andere abgewogen werden muss, wie ein Überblick über ethische Erwägungen in der ZEIT darstellt. +++ Wohin mit den religiösen Bedürfnissen? Die FAZ plädiert für Monotheismus trotz Wissenschaft. +++ Der Tagesspiegel stellt die hyperintellektuelle Netzzeitschrift „Prä|Position“ vor und die SZ portraitiert die Münchner Studentinnen, die mit „Die Funzel“ eine studentische Philosophie-Zeitschrift gegründet haben – und mal ganz schnell die Angst, nicht gelesen zu werden und irrelevant zu sein, ablegen sollten. Hier geht’s direkt zu den Kolleginnen.

Demaskiert: Covid-19 und die kulturelle Dimension der Debatten um die Maskenpflicht

Demaskiert: Covid-19 und die kulturelle Dimension der Debatten um die Maskenpflicht

Können Masken helfen, die Verbrei­tung des Coro­na­virus einzu­dämmen? Diese Frage wird derzeit in Deutsch­land und anderen west­li­chen Ländern – ganz anders als etwa in China, Japan und Hong­kong – äußerst kontro­vers debat­tiert. Zwar enga­gieren sich Personen des öffent­li­chen Lebens unter dem Hashtag #maskeauf für das Tragen eines Gesichts­schutzes. Die Stadt Jena verpflichtet ihre Bürger*innen zum Tragen von Masken in der Öffent­lich­keit, und die öster­rei­chi­sche Regie­rung hat jüngst entschieden, dass ähnliche Maßnahmen nach dem Ende der Ausgangs­sperre gelten sollen. Doch bleiben diese Rege­lungen umstritten – deut­lich umstrit­tener als andere Maßnahmen des social distan­cing.

Befürworter*innen des Masken­tra­gens argu­men­tieren, dass Tröpf­chen­in­fek­tionen verhin­dert oder zumin­dest verrin­gert werden könnten, wenn alle in der Öffent­lich­keit Masken anlegten. Aufgrund der Knapp­heit solcher Modelle in west­li­chen Ländern ist dabei keines­wegs von Filter­masken die Rede: viel­mehr werden Leser*innen dazu aufge­rufen, sich selbst Masken aus Baum­woll­stoff anzu­fer­tigen.

Gegner*innen hingegen sind äußerst kreativ in der Wahl ihrer Argu­mente. Nicht nur verengen sie häufig die Debatte auf medi­zi­ni­sche Masken und sugge­rieren so, eine Masken­pflicht liefe auf eine allge­meine Nutzung dieses knappen Guts und damit auf unso­li­da­ri­sches Handeln heraus. Andere, die die Masken­pflicht aus medi­zi­ni­schen Gründen für unsinnig halten, behaupten, sie dienten ledig­lich dem Fremd­schutz (in der Annahme, das nur zwei­fels­frei Infi­zierte sie tragen sollten) – ein Argu­ment, das zwei­fellos entkräftet würde, wenn eben alle Masken trügen. Auch wird mitunter behauptet, Masken begüns­tigten aufgrund der Anony­mität, die sie herstellten, die so genannten Hams­ter­käufe. Bisweilen wird jedoch auch ganz offen das Argu­ment geäu­ßert, eine gene­relle Verpflich­tung zum Tragen von Masken sei in Europa – anders als in Asien – nicht durch­zu­setzen.

Die Maske und das Andere

Dieses essen­tia­lis­ti­sche Argu­ment – dass die Maske unge­eignet für euro­päi­sche Gesell­schaften sei – ist aufschluss­reich: Es verweist auf einen Mecha­nismus des Othe­ring über den Aspekt der Gesichts­ver­hül­lung, wie er zuletzt in der Debatte um Formen der Gesichts­ver­schleie­rung im Islam zu beob­achten war.

Doch dieser Diskurs ist, wie ein Blick in Reise­be­richte über Vorder­asien und Nord­afrika sowie in Porträt­fo­to­grafie aus der Region zeigt, schon wesent­lich älter. West­liche Reisende des 19. Jahr­hun­derts wie Helmuth von Moltke oder Mark Twain vergli­chen Frauen in Ganz­kör­per­ver­schleie­rung mit Gespens­tern oder Toten. Ein ähnli­ches Bild vermit­telten eigens für den begin­nenden Tourismus in der Region herge­stellte Studio­fo­to­gra­fien, die Frauen in voll­stän­diger Verhül­lung zeigten. Reisende und Fotograf*innen schienen sich einig zu sein: Die Gesichts­ver­hül­lung nahm dem Indi­vi­duum das Indi­vi­du­elle, und mehr noch: die Frei­heit.

Alge­rien, 19. Jh.; Quelle: sarrazins.fr

Ganz andere Akzente hatte da noch Lady Mary Wortley Montagu Anfang des 18. Jahr­hun­derts gesetzt, als sie behaup­tete, Frauen nutzten die durch Verschleie­rung gewon­nene Anony­mität, um ihre sexu­ellen Hand­lungs­spiel­räume zu erwei­tern. Reisende des 19. Jahr­hun­derts hingegen nahmen die Verschleie­rung über­wie­gend negativ wahr, und zwar nicht nur, weil sie mit ihr einen Mangel an Leben­dig­keit und an Frei­heit asso­zi­ierten. Wie die Geschlech­ter­for­scherin Meyda Yeğe­noğlu argu­men­tiert, irri­tierte sie west­liche Beobachter*innen eben­falls aus zwei anderen Gründen. Zum einen erlaubte sie es der Trägerin ihre vermeint­lich wahre Natur zu verbergen. Zum anderen ermög­lichte sie es ihr, zu sehen ohne gesehen zu werden – und verlieh ihr damit Macht.

Euro­päi­sche Masken: Ausnahme und Status

Diese Miss­bil­li­gung von Prak­tiken der Gesichts­ver­hül­lung mag erstaunen, waren diese doch auch in Europa nicht unbe­kannt. Auf Masken­bällen und im Karneval gewährte sie Männern und Frauen des Ancien Régime eine mora­li­sche Auszeit. Aus medi­zi­ni­schen Gründen getragen schützte sie vor der Über­tra­gung von Krank­heiten, oft nicht allein durch die Maske selbst, sondern – wie im Fall der Pest­maske – auch durch wohl­rie­chende Kräuter, die in ihr trans­por­tiert wurden. Im mili­tä­ri­schen Kontext war Gesichts­ver­hül­lung sogar schon eher bekannt: Ritter­rüs­tungen verdeckten oft das gesamte Gesicht und gewährten nur einen schmalen Sehschlitz; Fecht­masken verdeckten sogar das komplette Gesicht. In der Frühen Neuzeit schützte der so genannte Visard den stan­des­gemäß hellen Teint von Frauen der Ober­schicht vor der Sonne: eine oft schwarze Maske, die ledig­lich für die Augen Öffnungen ließ und durch einen Steg in Höhe des Mundes an Ort und Stelle gehalten wurde. Im 19. Jahr­hun­dert trugen Frauen bei der Heirat sowie bei Begräb­nissen und in der Trau­er­zeit einen – wenn­gleich trans­pa­renten – Gesichts­schleier. Seit dem späten 18. Jahr­hun­dert ermög­lichte die Maske das Tauchen, seit dem frühen zwan­zigsten Jahr­hun­dert den Schutz vor Giftgas im Krieg. Frei­lich war allen diesen Prak­tiken der Gesichts­ver­hül­lung zwei­erlei gemein: Sie wurden ledig­lich vorüber­ge­hend getragen und/oder über­wie­gend von Männern und Frauen höheren Standes, also keines­wegs der Mehr­heit der Gesell­schaft. Die Maske, so konsta­tierte ferner der Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Mikhail Bakhtin, war dabei verbunden mit dem Über­gang, der Meta­mor­phose, der Verlet­zung natür­li­cher Grenzen. So lange sie zeit­weilig und ein Vorrecht sozialer Eliten war, fand die Gesichts­ver­hül­lung also bis ins 19. Jh. hinein und darüber hinaus in Europa durchaus Akzep­tanz.

Sicht­bar­keit, das Indi­vi­duum und der moderne Staat

Sicht­bar­keit aller­dings war, wie Kulturwissenschafter*innen seit Foucault gezeigt haben, Signum des modernen Staats. Während der Gedanke des Panop­ticon nur auf dem Papier für die Gestal­tung von Fabriken, Gefäng­nissen, und anderen Anstalts­ge­bäuden einfluss­reich wurde, leis­teten die Entwick­lung der Krimi­nal­fo­to­grafie mit Hilfe des Bertil­lon­schen Systems und nach dem Ersten Welt­krieg des Reise­passes mit Licht­bild einen entschei­denden Beitrag in diese Rich­tung. Wesent­lich neueren Datums sind das Vermum­mungs­verbot, wie es etwa im deut­schen Recht veran­kert ist, und die Video­über­wa­chung. Die Technik der Gesichts­er­ken­nung schließ­lich bietet das Maximum an Sicht­bar­keit im physi­schen wie virtu­ellen Raum.

Gleich­zeitig entwi­ckelte sich die Idee des Indi­vi­duums zur Grund­lage sich als liberal und säkular verste­hender Gesell­schaften bis in die Gegen­wart. Dieses Indi­vi­duum sollte vermeint­lich autonom handeln und in seiner Frei­heit möglichst wenig einge­schränkt werden. In der Praxis war das Indi­vi­duum in erster Linie ein männ­li­ches, bürger­li­ches, weißes. Für andere Bevöl­ke­rungs­gruppen waren die Hand­lungs­spiel­räume wesent­lich enger bemessen. Dies berührte jedoch nicht den Gedanken indi­vi­du­eller Hand­lungs­frei­heit als Ideal moderner Gesell­schaften. Neben der Glaubens-, Meinungs- und Versamm­lungs­frei­heit genoss das moderne Indi­vi­duum übri­gens auch – auf rein recht­li­cher Ebene – Frei­heit in der Wahl der Klei­dung, so lange diese nicht reli­giös codiert zu sein schien: Eigent­liche Klei­der­ord­nungen gab es in der Neuzeit vor dem Natio­nal­so­zia­lismus nicht mehr.

Fang Maske, Louvre; Quelle: wikimedia.org

Gesichts­ver­hül­lung hingegen wurde seit dem 19. Jahr­hun­dert mehr und mehr mit dem kultu­rell Anderen asso­zi­iert. In diesem Zusam­men­hang wurden insbe­son­dere aus Afrika und dem Pazifik stam­mende Masken zum Faszi­nosum. Sie verwiesen auf reli­giöse Rituale und Gesell­schafts­ord­nungen, die nicht auf dem Gedanken des Indi­vi­duums, sondern auf durch Über­gangs­riten struk­tu­rierten Lebens­al­tern basierten. Masken wurden Gegen­stand euro­päi­scher Samm­lungen. Sie inspi­rierten die Kunst der Moderne. Doch im euro­päi­schen und nord­ame­ri­ka­ni­schen Alltag war die Gesichts­ver­hül­lung vor allem im 20. Jahr­hun­dert ferner denn je. Selbst die noch im 19. Jahr­hun­dert in der Öffent­lich­keit allge­gen­wär­tigen Kopf­be­de­ckungen, damals Zeichen der Respek­ta­bi­lität, verschwanden nun. In west­li­chen Gesell­schaften des 19. und 20. Jahr­hun­derts zeigte man zuneh­mend Gesicht, um Authen­ti­zität und Ehrlich­keit zu kommu­ni­zieren.

Das Evan­ge­lium der west­li­chen Hygiene

Parallel verfes­tigte sich u.a. durch den Kolo­nia­lismus die Auffas­sung west­li­cher Hygiene als kultu­rell über­legen. Dies galt für die Urba­ni­sie­rung, in der die Moder­ni­sie­rung von Paris unter Hauss­mann mit Kana­li­sa­tion, Stra­ßen­be­leuch­tung, Sicht­achsen und Boule­vards Vorbild auch für die Umge­stal­tung außer­eu­ro­päi­scher Städte wurde. Es galt für die Medizin, deren west­liche Ausfor­mungen andere Formen medi­zi­ni­schen Wissens zwar nicht voll­ends verdrängten, jedoch die univer­si­täre Lehre domi­nierten. Auch in der Lebens­mit­tel­chemie und -hygiene wurden west­liche Stan­dards führend. Haus­wirt­schaft wurde zum Kern­be­stand­teil west­li­cher Akteure im Bildungs­wesen in kolo­nialen und quasi-kolonialen Kontexten. Diese und andere Akteure sorgten auch für eine Verbrei­tung west­li­cher Stan­dards im Bereich der körper­li­chen Rein­lich­keit. In der Praxis setzten sich auf all diesen Feldern west­liche Vorstel­lungen niemals einheit­lich durch (nicht nur deshalb, weil Kolo­ni­al­mächte dies zum Teil aus Rassismus, aus ökono­mi­schen Gründen und auch schlicht aus Mangel an Hand­lungs­macht nur halb­herzig verfolgten). Viel­mehr kam es zur Bildung von pidgin know­ledge (H. Fischer-Tiné), von hybridem Wissen. Doch aus west­li­cher Perspek­tive erschienen die eigenen Vorstel­lungen von Hygiene dennoch als über­legen.

„Eine Maske erzählt uns mehr als ein Gesicht“

Neben dem Umstand, dass west­liche Regie­rungen kaum für den Fall einer Pandemie vorge­sorgt haben, sind es wohl diese beiden Punkte – die Über­zeu­gung von der Über­le­gen­heit der eigenen Hygiene und die Ableh­nung von Gesichts­ver­hül­lung –, die eine Akzep­tanz der Maske in der gegen­wär­tigen Situa­tion erschweren, selbst wenn auch in Deutsch­land und anderswo in den letzten Tagen medi­zi­ni­sche Experten mehr und mehr die Vorteile des Masken­tra­gens hervor­heben – und Masken sogar zum Zank­apfel zwischen west­li­chen Staaten werden. Das Argu­ment gegen die Maske ist, so zeigt auch ein Blick auf Reise­be­richte des 19. Jahr­hun­derts, ein zutiefst orien­ta­lis­ti­sches. Während es aus hygie­ni­schen Gründen schlüssig erscheint, dass sich das Coro­na­virus eindämmen ließe, wenn jede*r in der Öffent­lich­keit eine Maske trüge, stehen kultu­relle Argu­mente mit langer histo­ri­scher Tradi­tion dieser prag­ma­ti­schen Lösung im Weg. Zu groß ist die Sorge vor einem Verlust des Gesichts. Selbst die Kampa­gnen für das Tragen von Masken setzen daher auf den Faktor Indi­vi­dua­lität, und dies wohl nicht nur aus schierer Knapp­heit an medi­zi­ni­schen Masken, wenn sie die krea­tiven Gestal­tungs­mög­lich­keiten des einzelnen betonen. Oscar Wilde hat wohl recht, wenn er behauptet, dass eine Maske uns mehr erzählt als ein Gesicht.

Links der Woche, rechts der Welt 14/20

Links der Woche, rechts der Welt 14/20

Das Virus hat keinen Mythos

Schon die Pest war mehr als eine ansteckende Krankheit, wie Thomas Assheuer in der ZEIT feststellt. Auch das Corona-Virus wird von manchen als gerechte Geißel der Moderne und als deren Kur betrachtet. Das nämlich sei leichter, als sich in der Weltrisikogesellschaft um Haltung und Handlung zu bemühen. (29.03.20)

Der Zweck ist klar, die Mittel dunkel

„Von der Natürlichkeit des Zwecks darf nicht auf die Natürlichkeit der Mittel geschlossen werden“, schreibt Jonas Heller bei Telepolis in einem rechtsphilosophischen Aufsatz über die staatlich verordneten Infektionsschutzmaßnahmen, die nicht zum klassischen Ausnahmezustand passen und sich nicht von ihrem Zweck lösen dürfen. (01.04.20)

Bücher

Langsam schlägt sich der Stillstand des Verlagswesens im Feuilleton nieder: Kaum noch Rezensionen! Sebastian Ostritsch hat zum Hegel-Jahr noch eine Hegel-Biographie vorgelegt, die sich, glauben wir der FR, vor allem seinem dialektischen Denken widmet. +++ Auch die FAZ bespricht Zhao Tingyangs Abrechnung mit dem westlichen Universalismus und auch hier stößt die Idee einer „Tianxia“ nach antikem Vorbild auf Skepsis.

Bild und Ton

Rettung für Bingewatcher: Die SZ empfiehlt die dritte Staffel der technikphilosophischen Sci-Fi-Thriller-Serie „Westworld“.

Der Kollege Bernhard Horwatitsch nutzt das Home Office, um aus seiner Bude heraus Texte vorzulesen, darunter auch einige aus dem Lichtwolf. Über die in diesen Tagen unentbehrliche Fähigkeit zur Improvisation unterhalten sich Michael Rüsenberg und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5. Unter den Hohenzollern hätte es nicht solche Fallzahlen gegeben! Im DLF kommt heute die Lange Nacht über Preußen im Rheinland, morgen früh geht es bei Essay und Diskurs um Brasiliens Kulturpolitik unter Bolsonaro. und der allgemeine Stillstand ist eines der Themen bei Sein und Streit.

(Photo: alexstrachan, pixabay.com, CC0)

Die Unordnung der Dinge

Auch der studentische Arbeitsmarkt ist krisenbedingt zusammengebrochen, wie der Tagesspiegel an einigen Beispielen verdeutlicht. +++ Judith Schalansky denkt in der SZ über die traurige Ironie nach, dass Covid-19 vermutlich vom Schuppentier auf den Menschen übergesprungen ist, der es bis an den Rand der Ausrottung getrieben hat. +++ Alexander Unzicker schätzt alternative Medien wie KenFM, macht aber bei Telepolis seinem Ärger über deren wirre und gefährliche Ansichten zur Pandemie Luft. +++ „Auf makabere Weise bestätigt Corona alle Vorurteile der autoritären Rechten“, schreibt Philipp Hübl in der ZEIT, wo er sich mit dem faschistischen Ekel beschäftigt. +++ Otfried Höffe stellt in der NZZ sieben Thesen zum demokratieschonenden Umgang mit der Pandemie auf. +++ Extreme Ungleichheit macht Kooperation unmöglich, wie sich in einem spieltheoretischen Experiment zeigt, über das Spektrum berichtet. +++ Daniela Dröscher denkt in der ZEIT über Empathie in der Krise nach. +++ Ohne Optimismus geht es nicht: Die SZ hat sich bei einigen Fachleuten umgehört, wie die Menschen durch die Corona-Krise kommen.

Trotz Philosophie

Als allgemeine Linkempfehlung für dürftige Tage: Im spendenfinanzierten Portal Aeon gibt es jede Woche schöne Essays (manche mit Vorlesefunktion!) aus und über Philosophie und andere Gebiete. +++ Auch Alain Finkielkraut hat „Die Pest“ von Camus wieder gelesen und kritisiert Agamben und Sloterdijk scharf für ihre Skepsis gegenüber den politischen Maßnahmen zum Infektionsschutz, wie in der FAZ zu lesen ist. +++ In der Glotze kam wieder „Der Medicus“ und die zahlreichen Erwähnungen des Aristoteles darin haben die FR ganz nervös gemacht. +++ Nach wie vor lieferbar als Heft und E-Book: Der produktionsbedingt coronafreie Lichtwolf Nr. 69 zum Thema „Über“.