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Facebook und Parteien: Bei Hass-Kommentaren liegt die AfD vorn

Facebook und Parteien: Bei Hass-Kommentaren liegt die AfD vorn

Dieser Beitrag von Bastian Rosenzweig ist ein Auszug seiner wissenschaftlichen Forschung an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Rosenzweig studiert an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Philosophie im Master. Zuvor absolvierte er ein Bachelorstudium in Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Soziologie in Bamberg, in dessen Rahmen er sich mit Online Hate Speech beschäftigte.


Spätestens seit dem Mord an Walter Lübcke im Juni 2019 ist klar, dass sich die Auswirkungen von Online Hate Speech nicht nur auf das Internet beschränken. Das rechtsextrem motivierte Attentat wird von einer Flut an Hasskommentaren begleitet – sowohl davor als auch danach. Während im Vorfeld unter anderem die ehemalige CDU-Politikerin Erika Steinbach und die rechtsextreme Website PI-News wiederholt mit einem vier Jahre alten Video Hetze gegen Lübcke betrieben und in den Kommentaren Morddrohungen gegen ihn veröffentlicht wurden, äußern Nutzer:innen im Nachhinein Freude über den Tod des Politikers.

In einer aktuellen Studie der Landesanstalt für Medien NRW geben rund drei Viertel der Befragten an, im Internet schon einmal Hassrede wahrgenommen zu haben. Bei den 14- bis 24-jährigen sind es sogar 94 Prozent. Um ein Bild davon zu bekommen, wie es speziell im politischen Kontext mit Hate Speech aussieht, wurden die Facebook-Seiten der sieben aktuell im Bundestag vertretenen Parteien wissenschaftlich untersucht. Analysiert wurde unter anderem, wie sich Hasskommentare auf die verschiedenen Parteien verteilen, wo sie am häufigsten »geliket« werden, auf welche Themen sie sich beziehen und gegen wen sie gerichtet sind.

Was ist Hate Speech?

Hate Speech wird in der gängigen Literatur definiert als der sprachliche Ausdruck von Hass gegen eine bestimmte Gruppe. Sie ist abzugrenzen von harter Kritik und individuellen Beleidigungen. Von ersterer unterscheidet sie sich dadurch, dass sie nicht kritisieren, sondern herabwürdigen will. Von letzterer unterscheidet sie sich durch den Bezug auf eine ganze Gruppe statt einer einzelnen Person.

Hassrede zielt darauf ab, eine Gruppe von Menschen aufgrund von Merkmalen herabzusetzen, die deren Mitglieder (vermeintlich) teilen. Dafür wird nicht zwingend die ganze Gruppe als solche angesprochen. In vielen Fällen wird eine einzelne Person adressiert, allerdings in ihrer Rolle als (vermeintliches) Mitglied dieser Gruppe. Die Person muss sich dafür nicht selbst als Mitglied dieser Gruppe ansehen. Oftmals werden beispielsweise Muslim:innen als eine einzelne homogene Gruppe dargestellt, die kollektiv handelt und die gleichen Interessen verfolgt. Eine verwerfliche Tat einer einzelnen dieser Gruppe zugeordneten Person wird dann der ganzen Gruppe vorgeworfen. Die Eigenschaften, die der Gruppe zugeschrieben werden, müssen demnach auch nicht wirklich zutreffen. Mitunter besteht Hate Speech direkt in der Zuschreibung von unzutreffenden negativ konnotierten Merkmalen.

Für die wissenschaftliche Untersuchung wurde aus 4.447.947 per Netvizz (pdf) gesammelten Facebook-Kommentaren, die im Untersuchungszeitraum von 2016 bis 2018 auf den Seiten der aktuell im Bundestag vertretenen Parteien veröffentlicht worden sind, eine einfache Stichprobe gezogen. Zweite-Ebene-Kommentare, also Kommentare, die sich auf andere Kommentare (und nicht auf die ursprünglichen Posts) beziehen, wurden nicht berücksichtigt.

Das Ausmaß

Der Anteil an veröffentlichten (und von den Seitenbetreibenden nicht entfernten) Hasskommentaren beträgt 4,33 Prozent, der Anteil an „normalen“ Beleidigungen liegt bei 1,9 Prozent. In Anbetracht der Tatsache, dass sich 35,84 Prozent der Ursprungsposts nicht um politische Themen drehen, sondern nur aus parteibezogenen Inhalten wie Mitgliederwerbung, Feiertagswünschen oder Terminankündigungen bestehen, scheint dieser Wert relativ hoch. Zudem können Kommentare bei Facebook (im Gegensatz zu Twitter) von den Seiteninhaber:innen entfernt werden. Der ursprüngliche Anteil ist also vermutlich wesentlich höher.

Während der Anteil an Hasskommentaren bei FDP und SPD mit jeweils unter einem Prozent am niedrigsten ausfällt, ist er bei der AfD mit 6,79 Prozent mit Abstand am höchsten. Danach folgen Grüne (4,76 Prozent), Linke (3,38 Prozent), CSU (3,25 Prozent) und CDU (2,69 Prozent). Beleidigungen finden sich mit einer Quote von 2,94 Prozent ebenfalls am häufigsten bei der AfD.

Hate Speech pro Jahr und Partei
Hasskommentare in den Kommentarspalten der Parteien, pro Jahr und Partei. – Bastian Rosenzweig

Ist Hate Speech ein rechtes Phänomen?

In einem Großteil der Theorien zu Hate Speech wird davon ausgegangen, dass eine Äußerung nur dann Hassrede sein kann, wenn sie sich gegen eine historisch schlechter gestellte Gruppe (zum Beispiel Jüd:innen, Frauen, Transpersonen oder Migrant:innen) richtet. Da die Abneigung gegen solche Gruppen tendenziell im konservativen bis rechtsextremen Milieu zu finden ist, wäre Hate Speech laut solcher Definitionen prinzipiell eher ein rechtes Phänomen.

Auch die Wirkung von Hate Speech kommt eher rechtsgerichteten Kreisen zugute. Da Hassrede auf individueller Ebene ähnlich wie Mobbing wirkt und dadurch letztendlich zum sozialen beziehungsweise politischen Rückzug der Betroffenen führen kann, verzerrt es auch den politischen Diskurs. Minderheiten, die in politischen Debatten sowieso schon eine geringere Chance haben, Gehör zu finden, werden noch stärker marginalisiert. Die Machtungleichheiten zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen werden durch Hassrede potenziell weiter verstärkt.

Wer hasst wen?

Am häufigsten folgen Hasskommentare auf Posts zu den Themen Frauenrechte (15,38 Prozent), Terrorismus (11,32 Prozent), Rechtsextremismus (10,91 Prozent), Migration (8,05 Prozent) und Straftaten & innere Sicherheit (8,00 Prozent). Die Themen sagen allerdings nichts über die Motivation der Verfasser:innen aus, da die Hassrede ja in verschiedene Richtungen gehen könnte. So gibt es zwar beispielsweise einen hohen Anteil an Hate Speech unter Posts zum Thema Frauenrechte, dieser richtet sich allerdings in keinem einzigen Fall gegen Frauen. Daraus kann man jedoch nicht schließen, dass solche Kommentare nicht verfasst wurden, da sie eventuell nur eher gelöscht werden als andere Arten von Hasskommentaren. (Das Thema Frauenrechte wird am häufigsten von der AfD adressiert, allerdings immer in Bezug auf Migranten oder Muslime, die jene angeblich bedrohen.)

Themen, die Hasskommentare nach sich ziehen
Themen, die Hasskommentare nach sich ziehen. – Bastian Rosenzweig

Aussagekräftiger ist die Frage nach den betroffenen Gruppen. Opfer der Hasskommentare sind mit Abstand in den meisten Fällen Migrant:innen mit 46,67 Prozent. Danach folgen Politiker:innen im Allgemeinen (14,44 Prozent), Muslim:innen (12,22 Prozent), Linke (10,00 Prozent) und Umweltschützende beziehungsweise Grüne (7,78 Prozent). Frauen, Jüd:innen oder Christ:innen sind als Gruppe unter anderem nicht betroffen. Dies muss aber nicht unbedingt daran liegen, dass gegen sie kein Hass besteht, denn welche Gruppe in einem Hasskommentar adressiert wird, hängt auch von den Posts ab, auf die sie reagieren. Zudem haben die Seitenbetreiber:innen die Möglichkeit, Kommentare zu entfernen und könnten so zum Beispiel Hate Speech gegen Migrant:innen stehen lassen, während Hassrede gegen Jüd:innen entfernt wird.

Betroffene Gruppen nach Jahr. – Bastian Rosenzweig

Insgesamt lässt sich von den betroffenen Gruppen durchaus auf eine rechtsradikale Einstellung eines Großteils der Kommentierenden schließen. Migrant:innen, Muslim:innen, Linke, Umweltschützer:innen und Medienvertreter:innen gehören zu den klassischen Feindbildern rechtsradikaler Personen.

Dass, wie von Seiten der AfD beispielsweise gern behauptet wird, Konservative beziehungsweise Rechte ebenso diskriminiert werden wie alle anderen, trifft übrigens nicht zu: Rechte sind nur in 1,11 Prozent der Fälle von Hate Speech betroffen. Im Gegenteil sind knapp drei Viertel der Hasskommentare entweder eindeutig (Hate Speech gegen Migrant:innen und Flüchtlingshelfer*innen) oder wahrscheinlich (Hate Speech gegen Muslim:innen, Linke oder LGBTQIA-Personen) rechtsextrem motiviert.

Politische Einordnung der Hasskommentare. – Bastian Rosenzweig

Die Rolle der AfD

Der AfD kommt beim Thema Hasskommentare eine Sonderrolle zu. In ihren Kommentarspalten findet sich der größte Anteil an Hasskommentaren, und das ist kein Zufall. Zum einen könnte die Partei ganz einfach solcherlei Kommentare löschen, was sie aber seltener tut als andere Parteien. Auch ist die AfD die einzige der etablierten Parteien, die in ihrem Facebook-Auftritt keine Kommentarregeln eingebettet hat. Hate Speech wird bei der AfD also zumindest in weiten Teilen geduldet.

Zum anderen bleibt es aber nicht bei der Duldung. Die Partei scheint mit ihrer Facebook-Seite auch eine Art Echokammer für entsprechende Ansichten zu bilden. Darauf deutet einerseits die Tatsache hin, dass Hasskommentare bei der AfD mit Abstand am häufigsten „geliket“ werden. Während bei CDU, FDP, den Linken und der SPD Hasskommentare seltener mit „Gefällt mir“ markiert werden als Nicht-Hasskommentare, ist es bei CSU, Grünen und der AfD umgekehrt, wobei auch hier die AfD mit deutlichem Abstand vorne liegt. Während das Like-Verhältnis zwischen Hasskommentaren und nicht Hasskommentaren bei der CSU bei 2,3 zu 1,87 und bei den Grünen bei 2,17 zu 1,81 liegt, wird Hate Speech bei der AfD mit 5,97 zu 2,89 mehr als doppelt so oft mit „Gefällt mir“ markiert wie normale Beiträge.

Dazu kommt, dass die AfD aktiv die Verbreitung von Hate Speech antreibt, indem sie selbst als einzige Partei regelmäßig Beiträge postet, die Hassrede enthalten. Da auf normale Posts nur in 4,23 Prozent der Fälle Hasskommentare folgen, auf Hassposts hingegen doppelt so häufig (8,47 Prozent), ist es plausibel zu behaupten, dass die Partei auch durchaus selbst zu dem hohen Anteil an Hassrede auf ihrer Facebook-Seite beiträgt. Hate Speech scheint also zumindest auf Facebook ein stark rechtes Phänomen zu sein.


Hier ist die vollständige Untersuchung mit dem Titel Hasskommentare auf den Facebook-Seiten deutscher Parteien – Eine Inhaltsanalyse (pdf).