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Links der Woche, rechts der Welt 46/20

Links der Woche, rechts der Welt 46/20

Lautes Nachdenken gestern und heute

Der erste Lockdown hat noch Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt, der zweite ist nur noch in „Corona-Fatigue“ erstarrt, wie Olivia Mitscherlich-Schönherr in der FR kommentiert und dazu rät, den Mut zum Neuanfang nicht an die Sehnsucht nach der alten Normalität zu verraten.

Launisch kommentiert die SZ, dass Psychologen das Urteil von Kierkegaard und Fromm bestätigen, wonach Langeweile die Wurzel allen Übels ist. In der taz wiederum ist zu lesen, dass die Corona-Krise bestätigt, was Kierkegaard und Heidegger über den Schwindel der Angst (und Freiheit zur Eigentlichkeit, vgl. LW71) schrieben. Darüber, was die Philosophie beitragen kann, um die Klimakatastrophe wieder aus dem Schatten der Pandemie hervorzuholen, unterhalten sich Bernward Gesang und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5.

Georg Simmel und Max Weber haben jemanden Trump schon vor 100 Jahren kommen sehen, schreibt Thomas Assheuer in der ZEIT. Denn sie wussten, was die kapitalistische Gesellschaft mit Anstand, Tradition und Moral macht, während sie die niedersten Instinkte des Menschen befeuert. Wenn dann noch eine militante Postmoderne dazu kommt, haben wir den Salat.

In der FAZ gratuliert Dietmar Dath zunächst mit kontrafaktischen Überlegungen zur US-Wahl Saul Kripke zum 80. Geburtstag, weil der das Mögliche und Notwendige in die Wunderwelt der Logik gebracht hat.

Der Historiker Axel Schildt ist über seinem Opus Magnum „Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik“ verstorben, doch die nun erschienenen 900 Seiten geben dem Tagesspiegel einen guten Eindruck, wie alte Kader im Feuilleton mit Heidegger, Adorno und Habermas umgingen.

Interessante Frauen

Der Freitag portraitiert Kahina Bahloul, die sich zur ersten Imamin Frankreichs erklärt hat und einen Islam vertritt, der Differenzen (und Karikaturen) auszuhalten versteht. Ute Gahlings wiederum betreibt eine Philosophische Praxis und die taz stellt ihre buchstäblich sinngebende Arbeit in Stichworten vor. Die neue, kurze und kritische Hannah-Arendt-Biographie von Richard J. Bernsteins wird kurz in der SZ rezensiert.

Die Infragestellung tradierter Familienbilder macht den Feminismus für Konservative verdächtig, kommt sie in Gestalt des kybernetischen Kommunismus von Shulamith Firestone daher, bricht blanke Panik aus. Johannes Clessienne stellt das Konzept bei Telepolis vor, das vor 50 Jahren formuliert wurde und aktueller denn je ist.

(Photo: Free-Photos, pixabay.com, CC0)

Nix darf man

Sozialwissenschaftler haben untersucht, wie es um die Haltung zur Meinungsfreiheit bei (linken) Frankfurter Studis bestellt ist, und die FAZ ist einigermaßen entsetzt über die Ergebnisse. Im SZ-Interview sprechen die Studienleiter Matthias Revers und Richard Traunmüller über die (Selbst-)Zensur, die ihre Untersuchung zu Tage gefördert hat, doch Nils Erich erinnert in der ZEIT daran, dass es an der Universität um Urteile und nicht um Meinungen geht.

Kunst und Künstlichkeit

Minoritär werden: Der Tierarzt Charles Foster hat wochenlang mit seinem 15-jährigen Sohn auf allen Vieren im Wald gelebt, um sich Fuchs und Dachs hineinzuversetzen. Und das ZEIT-Interview mit den beiden macht richtig Lust, es ihnen nachzutun.

Kunst ist Kunst, weil sie Kunst über etwas ist. Das hat Marc Hieronimus in LW69 erklärt und die WELT macht es noch einmal und kürzer und aufgeregter, wenn sie Arthur Dantos Gedankenexperiment zur Unterscheidung von Kunst und Nichtkunst vorstellt.

Wenigstens einige Ausstellungen dürfen noch geöffnet bleiben. Dass die Modeausstellung im New Yorker Metropolitan Museum keine Banalität ist, erklärt uns Sarah Pines: Anhand von Klamotten verschiedener Perioden wird hier nach der Zeit und der Dauer gefragt. Der Verein Berliner Künstler zeigt in seinen Galerieräumen eine Ausstellung zum Thema Tod, in der sich die FAZ umgesehen hat.

Apropos Kunst: Da auf Deep Learning basierende Künstliche Intelligenzen eine Blackbox sind, ist schwer zu sagen, ob und welche Vorurteile über die Welt sie sich angewöhnen. Die SZ schreibt über den aufstrebenden Trend der Psychoanalyse für KIs.

Ende ohne Gott – Sterben und Tod in der modernen Gesellschaft

Ende ohne Gott – Sterben und Tod in der modernen Gesellschaft








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Zu allen Zeiten und in allen Kulturen findet sich der Wunsch, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Und wie geht der moderne Mensch mit Tod und Sterben um? Antworten gibt Professor Franz Josef Wetz, Philosoph und Ethiker an der PH Schwäbisch Gmünd.