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Warum es Wissenschaftsblogs braucht

05.22.2020

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  1. Blogs demokratisieren den Zugang zum Wissen

In Frankreich gehört es zum guten Ton für Wissenschaftler*innen, über ihre Forschung zu bloggen. Auch in den USA sind Wissenschaftsblogs fest etabliert, sie sind eine selbstverständliche Säule in der wissenschaftlichen Publikationslandschaft. Wer nicht an eine Universität angebunden ist und sich für die Geschichte des französischen Raps oder die Entwicklung des mexikanischen Boxsports interessiert, muss dort kein teures Buch kaufen oder viel Geld bezahlen, um online auf einen Artikel in einer Fachzeitschrift zugreifen zu können. Stattdessen finden Leser*innen auf Wissenschaftsblogs Essays, Analysen und Berichte aus der aktuellen geisteswissenschaftlichen Forschung – in (meist) allgemein verständlicher Sprache und visuell ansprechendem Design, ohne dabei den Anspruch an Wissenschaftlichkeit aufzugeben. Wer einen Computer, Smartphone oder ein Tablet besitzt, kann überall und zu jeder Zeit auf Blogs zugreifen.

Jede*r, die*der einmal versucht hat, auf Journals, Datenbanken oder andere wissenschaftliche Informationen zuzugreifen, und nicht in das Netzwerk einer Universität eingebunden war, weiß das zu schätzen. Wer bei Google nach der Geschichte mexikanischen Boxsports sucht, hat zum Beispiel die Möglichkeit, diesen Artikel für 37 Euro zu kaufen (die ganze Zeitschrift kostet 165 Euro, was vergleichsweise günstig ist). Solche „Paywalls,“ mit denen wissenschaftliche Verlage ihr Geld verdienen, teilen die Gesellschaft in zwei Kategorien: All jene, die Zugang zu einer Universität und – vorausgesetzt diese hat ein Abonnement – damit Zugang zu diesem Wissen haben, und jene, die sich den Zugang erkaufen müssen. Blogs demokratisieren den Zugang zu Wissen, indem sie diese Grenze aufheben. Das lohnt sich übrigens auch für die Blogger*innen selbst ungemein: Während ein wissenschaftlicher Artikel in einer Fachzeitschrift Schätzungen zufolge auf durchschnittlich 1,6 Leser*innen kommt, verzeichnen die Wissenschaftsblogs auf der Plattform de.hypotheses zwischen einigen hundert und mehreren tausend monatlichen individuellen Besuchen.

  1. Blogs verflachen universitäre Hierarchien und ermöglichen Selbstwirksamkeit

Auch auf der Seite der Autor*innen bringen Blogs ein demokratisches Element in den Wissenschaftsprozess. Beim wissenschaftlichen Bloggen geht es vor allem um Inhalte, nicht um hierarchische Positionen. Promovierende, die relevante und ansprechende Texte schreiben, können hier (wesentlich) mehr Leser*innen finden als ein Prof. Dr. Dr. hc., der in trockener Fachsprache in einer Fachzeitschrift veröffentlicht. Gerade für junge Wissenschaftler*innen kann das Bloggen wie ein Befreiungsschlag sein aus starren universitären Hierarchie- und Schreibstrukturen: Hier können sie ohne das Nadelöhr des Peer Review selbst entscheiden, was sie veröffentlichen und sie können schreiben wie, wann und was sie wollen. So ist es nicht überraschend, dass bei de.hypotheses der akademische Mittelbau am stärksten vertreten ist.

Damit sind Blogs nicht nur ein Medium der Selbstpublikation für junge Forschende, sondern ermöglichen ihnen auch Selbstwirksamkeit. Auf de.hypotheses bloggen die Mitglieder des akademischen Mittelbaus mit besonders großer Regelmäßigkeit – und Kreativität. Die Themen sind vielfältig: Im Blog „Das mediale Erbe der DDR“ analysiert eine Promovendin, wie BMW sich ein DDR-Drama für Werbespots leiht. Ein Doktorand diskutiert auf „Marginalie“ über die Neutralität des Staates in der Frage, ob muslimische Rechtsreferendarinnen Kopftücher tragen dürfen. In einem seiner meist gelesenen Beiträge nimmt der von Studierenden gegründete Soziologieblog die Netflix-Serie Osmosis und die darin porträtierten postmodernen Beziehungsverhältnisse unter die Lupe. Weitere Blogs werden von Studierenden genutzt, um wissenschaftliche Veröffentlichungen zu sammeln – wie zum Beispiel diese Besprechung eines Mock-Ups, das einen Reisepass für die Mumie Ramses II., der nach Paris reiste, darstellt oder dieses an der Universität Innsbruck angesiedelte Blog zur digitalen Geschichte.

Aber auch etablierte Forschende nutzen Wissenschaftsblogs, um die gesellschaftliche Relevanz ihrer Forschung aufzuzeigen. So zeigt ein Pop-Historiker, warum der von der AfD bemühte Kontrast zwischen „abgehängten“ Sozialverlierern und urbanen Eliten durch die Popgeschichte ausgehebelt wird und ein Sprachwissenschaftler erklärt, wie Sprachgeschichte hilft, Gemeinsamkeiten zwischen dem Christkind und Native Americans zu entdecken (wieder geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit AfD-Inhalten).

  1. Blogs heben die Grenze zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation auf

Das Format Wissenschaftsblog füllt eine Lücke zwischen klassischen Publikationen wie Zeitschriftenartikeln und Büchern auf der einen und Konferenzvorträgen auf der anderen Seite. Blogs sind persönlicher, humorvoller, tagesaktueller und zugänglicher als ein Artikel in einer Fachzeitschrift, aber dennoch – wenn gewollt – wissenschaftliche Veröffentlichungen, häufig sogar die Vorstufen zu späteren Peer-Review-Artikeln. Wo bei einem Konferenzvortrag anschließend die Diskussion in der Regel von einigen wenigen etablierten Wissenschaftler*innen dominiert wird, können auf Wissenschaftsblogs alle Leser*innen mitdiskutieren. Sie begleiten die Forschung in ihrem Entstehungsprozess, werfen Fragen und Kommentare ein, denken mit und weiter – und das von überall, unbehindert von geographischen Grenzen und Reisekostenbudgets. Die Autor*innen können auf diese Kommentare eingehen: So entfaltet sich sichtbar und nachvollziehbar eine wissenschaftliche Diskussion, die im Blog dokumentiert ist.

  1. Blogs bieten Freiheit

Die Freiheit, die das Medium Wissenschaftsblog ihren Autor*innen bietet, ist groß: Die Autor*innen entscheiden nicht nur selbst, was, wie viel, wann und wie regelmäßig sie publizieren. Sie können auch, wie oben erwähnt, eine Reihe von multimedialen Inhalten in Ihre Posts einbinden – angefangen bei Bildern, Tönen und Videos bis hin zu durchblätterbaren PDFs und Kartenmaterial.

Zudem bieten Blogs Platz für Themen, die nicht so richtig in die klassischen Publikationsformate passen: Witzige Fundstücke aus dem Forschungsalltag, Alltagsreflexionen über akademische Arbeitsbedingungen, Überlegungen zur eigenen Person im wissenschaftlichen Prozess oder zur Vereinbarkeit von wissenschaftlichem Arbeiten und familiären Verpflichtungen, bis hin zu ausgefallenen gedanklichen Brücken wie „Star Trek und Archäologie.“ Gerade aufgrund dieser Freiheit ist das Bloggen eine wissenschaftliche Publikationsform, die großen Spaß macht, und zwar nicht nur der*dem Schreibenden: Unserer Erfahrung nach steigen diese Artikel häufig zu den beliebtesten Blogbeiträgen auf!

  1. Blogs sind eine Aussage darüber, wie Wissenschaft sein könnte

Blogs sind auch eine Aussage darüber, wie sich Autor*innen Wissenschaft vorstellen – nämlich transparent in ihren Irr- und Umwegen, gesellschaftlich relevant und offen zugänglich. Damit werden sie auch ein wenig als bedrohlich wahrgenommen: Sie stellen herkömmliche Formate in Frage, verflachen Hierarchien und tragen dazu bei, die Rolle von traditionellen „Gatekeepern“ in der Wissenschaft – Verlage, Lektor*innen, Gutachter*innen – überflüssig zu machen. Das wird vor allem an jenem Punkt relevant, der an Wissenschaftsblogs am häufigsten kritisiert wird: Während in klassischen wissenschaftlichen Publikationen diese Institutionen für die Qualitätssicherung und die Einhaltung wissenschaftlicher Standards vor der Publikation verantwortlich sind, geben Wissenschaftsbloggende diese Rolle zumindest teilweise an ihre Leser*innen ab. Das geschieht einerseits über die Kommentarfunktion, aber auch über den sogenannten „Buschfunk“: Besonders wissenschaftlich interessante Artikel werden häufiger in den Sozialen Medien geteilt oder per Mail weitergeleitet und bekommen so (verstärkt durch das hohe Ranking in Suchmaschinen) wiederum mehr Aufmerksamkeit. So kann ein einzelner Artikel über mehrere Monate hinweg auf mehrere tausend Zugriffe kommen.

Dass das wissenschaftliche Bloggen ein Format ist, das auch in Deutschland an Anerkennung gewinnt, hat jüngst selbst die Deutsche Forschungsgemeinschaft in ihren Leitlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis festgestellt. Die Aussage der DFG, dass „die wissenschaftliche Qualität eines Beitrags nicht von dem Publikationsorgan ab[hängt], in dem er öffentlich zugänglich gemacht wird“ und dass dafür auch Blogs in Frage kommen, unterstreicht die Bedeutung, die Wissenschaftsblogs zukünftig in der Bewertung von Forschungsanträgen zukommen wird. Dieses Signal geht zugleich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung aus. Im November 2019 hat das Ministerium in seinem Grundsatzpapier zur Wissenschaftskommunikation betont, dass Wissenschaftskommunikation immer Prozesse und Methoden wissenschaftlicher Arbeit sichtbar machen sollte und: Genau das können Wissenschaftsblogs.

Via: https://zeitgeschichte-online.de/themen/warum-es-wissenschaftsblogs-braucht

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